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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-01-01 · 5 (1.1935) · p. Seite 201

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
5 (1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 201 (sequence 35)
Language
German
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Seite 201 arbeiter ausschließlich die Besucher des Hedmes sind. Artikel, Gedichte, Rätsel, Zeichnungen, Wi,tze erscheinen in der Heimzeitung-, die Gesinnungen und Wünsche der verschiedensten Art kommen zum Ausdruck. Um das Thema „erwerbslose Jugend" objektiver zu behandeln, und die Erwerbslosen vor einem größeren Publikum zu Wort kommen zu lassen, sollen in folgenden Zeilen D. die Erwerbslosen selber über ihre Erwerbslosigkeit sprechen. Da ergreift einer das Wort für die ungelernten, jungen Erwerbslosen, ein ehemals vollkommen Assimilierter, mit einer sehr guten Schulbildung eines der eifrigsten Mitglieder des Tagesheims: ... Wenn man noch vor wenigen Jahren darüber gesprochen hätte, daß es ein besonderes jüdisches Erwerbslosenproblem gäbe, so wäre man auf recht wenig Verständnis gestoßen. Es gab allerdings bei vielen Gemeinden schon besondere jüdische Arbeitsnachweise, aber in den meisten Fällen sehr wenig Arbeitslose. Heute steht das Gespenst der Erwerbslosigkeit drohend vor unserer aller Augen und es ist .geradezu eine Lebensnotwendigkeit für alle Juden, besonders in Deutschland, sich mit der Frage auseinander zu setzen..... hier soll vor allem von einer Schicht jüdischer Erwerbsloser gesprochen werden, über die bisher noch kaum gesprochen wurde, und über deren zahlenmäßige Bedeutung noch keine bestimmten Angaben vorliegen, die aber sicher zahlenmäßig nicht unbedeutend ist, nämlich über die jugendlichen Arbeitslosen, die entweder keinen Beruf erlernt haben oder nur unvollkommen ausgebildet sind..... Heute haben wir in Frankfurt und wahrscheinlich auch in anderen Teilen Deutschlands eine ganze Anzahl von Jimgerwerbslosen, die als ungelernte Arbeiter anzusehen sind, da sie entweder keinen bestimmten Beruf erlernt haben oder mitten aus einer begonnenen Berufsausbildung gerissen werden. Einige müssen heute beschäftigungslos und teilweise sogar ohne jede Unterstützung leben. Die Lage dieser Gruppe von Arbeitslosen ist heute besonders traurig. Wenn es schon überaus schwierig ist für Menschen mit einer guten Berufsausbildung, sich eine neue Existenz aufzubauen oder wieder Arbeit im Beruf zu finden, so ist dies für den mittellosen Erwerbslosen der geschilderten Art beinahe unmöglich. Der immer kostspielige Weg der Berufsumschiehtung, der für viele eine Möglichkeit wäre, sich wieder in die Wirtschaft einzugliedern, ist nur sehr wenigen zugänglich, da sie doch auch in der Zeit leben müssen, bevor sie umgeschichtet sind. Wenn man versucht, den einen oder den anderen in eine Lehrstelle hineinzubringen, so stößt man auf fast unüberwindliche Hindernisse. Es ist nicht anzunehmen, daß diese Schwierigkeiten geringer werden, denn die Möglichkeit, Geld für diese Zwecke zu bekommen, wird ja von Tag zu Tag geringer. Trotzdem muß versucht, werden, hier eine Abhilfe zu schaffen, und da ist wie schon so oft der Weg der Selbsthilfe der beste....." H. F. Ein Zionist und Mitglied unserer Schreinerwerfcstatt schreibt: „Die jüdischen Erwerbslosen sind nicht nur deshalb erwerbslos, weil die allgemeine wirtschaftliche Lage einer Anzahl von Menschen keine Möglichkeit zur Arbeit gibt, sondern sie stehen dabei gleichzeitig unter dem Druck der Judenfrage. Solange die Juden in der Diaspora leben, werden sie immer als Fremde betrachtet werden, was allerdings erst in Krisenzeiten in Erscheinung tritt; und sie sind dann immer die ersten, die wirtschaftliche Positionen räumen und die Betriebe verlassen müssen...... Die Lösung des Judenproblems durch den Aufbau eines eigenen Staatswesens wird dem jüdischen Erwerbslosenproiblem seine besondere Schärfe nehmen..... In Palästina gibt es zurzeit keine Erwerbslosen, es besteht im Gegenteil ein. Arbeitermangel. Den jüdischen Erwerbslosen, die sich für den Aufbau des jüdischen Staatswesens in Palästina einsetzen wollen, ist Gelegenheit gegeben, dort für viele Jahre im Dienst ihrer eigenen Sache zu arbeiten." M.R. . Demgegenüber schreibt ein anderer Erwerbsloser: ,......Gibt es eine „jüdische" Erwertbsiosenfrage? Ich persönlich glaube das verneinen zu müssen, obwohl gerade ich deshalb meine Stellung verlor, weil ich Jude bin. Aber deshalb kann es trotzdem keine spezifisch „jüdische" Erwerbslosenfrage geben, genau so wenig es eine „jüdische" Wirtschaftskrise, „jüdische" Rohstoffrage oder' irgend ein anderes nur jüdisches wirtschaftliches oder soziales Problem gibt. Jeder Erwerbslose, gleich welcher Konfession, hat im Großen und Ganzen die gleichen Nöte, wenn auch die seelische Not der jüdischen Kollegen in einzelnen Fällen besonders groß sein mag. Aber gerade deshalb darf der jüdische Erwerbslose sich nicht in eine SeLbstverbitterung hineinfressen oder in dem christlichen Kollegen seinen Feind sehen____ Es ist selbstverständlich, daß jeder jüdische Erwerbslose an Auswanderung denkt, aber gerade für einen Erwerbslosen — wenn er nicht gerade Facharbeiter ist — ist die Situation in jedem Land sehr, sehr schwierig. Hat man nicht ausgezeichnete Verbindungen öder ein „Kapitalisten-Certifiikat" — und welcher Erwerbslose hat dies — so ist der deutschjüdische Erwerbslose nirgends willkommen und. es ist keinem Erwerbslosen ohne feste Aussicht und Sprachkenntnisse zu raten, Deutschland zu verlassen. Mit Sentiments wird kein Hungriger satt und mit großen Phrasen erhält ein Erwerbsloser in keinem Land Stellung..." P. B. Ein sehr bezeichnender Brief eines nicht unterstützten Erwerbslosen an die Arbeitgeber möge hier Platz finden. „Sehr geehrte Arbeitgeber und "Vermittler! Wir Erwerbslosen ohne Unterstützung erlassen einen Ruf: Laßt uns nicht hungern! Gebt uns Arbeit und Brot! Zieht uns bei Verteilung von Arbelten denen vor, die unterstützt werden! Zeigt der Welt, daß Ihr ein Herz habt, für Eure Glaubensgenossen und Glaubensgenossinnen, die leider Gottes hungern müssen. Gebt uns Arbeit! Wenn Ihr Euch in unsere Lage versetzt, müßt Ihr es Euch zur Pflicht machen, uns zu helfen. Wir bekommen ja keine Unterstützung! Wir sind bereit, jede Arbeit anzunehmen, sofern sie annehmbar ist. Euch, Arbeitgeber oder Vermittler, steht es ja frei, .die Arbeit zu vergeben, wie ihr wollt. Wir Hungerleidende haben nichts dreinzumeckern. Wir müssen nur um Arbeit nachfragen und nachher mit traurigem Gesicht wieder verschwinden, da für uns nichts da ist, während für andere, die es nicht so nötig haben, doch Arbeit da ist. Heute einen letzten Aufruf. Wir appellieren an Euer Verantwortungsgefühl. Erfüllet Eure Pflicht richtig! Lasset Euer Hera sprechen, denkt bei der Arbeitsverteilung zuerst an uns! Ihr müßt uns Arbeit und Brot geben, denn war haben auch ein Recht zu leben, wenn wir auch nur arme Schlucker sind." I.B. Und zum Schluß noch einige Zeilen aus dem Artikel eines Jungen, der nunmehr mit zu den Tüchtigsten und Ordentlichsten des Heimes gehört, der aber vor Jahren einmal sich eines kleinen Vergehens schuldig machte und somit Schwierigkeiten der Wiedereinstellung hat. „____ Vor Jahren gab es noch kein Erwerbslosenheim, es gaib nur Jungens, die obdachlos, ohne Hilfe ihr Leben auf der Straße fristeten. Zu denen gehörte auch ich. Obwohl ich um Rat und Hilfe bat, man hörte mich nicht, wie so viele. Durch die Verlassenheit wurde ich ein untauglicher, verbitterter Mensch. Ich konnte mich' nicht in einer Gemeinschaft wohlfühlen, lind es kamen die Fehler, die meine Akten füllen, und die heute so viele nicht verstehen. Da wurde das Erwerbslosenheim eröffnet. Ich fand dort die Jugend, die ich suchte. Ich wurde ein fleißiger Besucher des Heims und gestehe offen, ich 'bin mit ihnen verbunden als Mitglied einer 'Gemeinschaft und helfe mit an den großen Arbeiten, die wir uns für den Winter vorgenommen haben. Man verlangt eine anständige Jugend, fehlerfrei in Akten, bitte, dann schenkt ihnen auch, mehr Aufmerksamkeit, denn sie brauchen oft Rat und Hilfe! Finden sie das nicht, dann kommt die große Gefahr! Die Jugend steht 'dann aibseits von denen, die helfen konnten, aber es nicht wollten. Man kann und muß aber helfen, wenn es auch mit persönlichen, materiellen Verlusten verbunden ist...." D. G. E. An di« Bunde! Zum Schluß noch ein kleines Wort an die Bünde. Bis jetzt wurde in dem der Jugend gewidmeten Teil des Gemeindeblattes hauptsächlich von den Vertretern der Bünde das Wort ergriffen.

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