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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-01-01 · 5 (1.1935) · p. Seite 200

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
5 (1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 200 (sequence 34)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindebfatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 5 JANUAR 1935 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Ver- _antwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, jsu richten. Erwerbslose jüdische Jugend von Dr. Fritz Mayer, Leiter des Tagesheims der erwerbslosen jüdischen Jugend A. Das Problem Es hat den Anschein, als ob bei uns Juden die sogenannte Jugendproblematik heute immer mehr zusammenliefe mit der Problematik der Oesellschaf t überhaupt. Der Unterschied ist ganz gewiß geringer geworden, und das nicht, weil die Jugend plötzlich alt geworden wäre, sondern vielmehr, weil die Fragestellung der ganzen Gesellschaft eine Verjüngungskur durchgemacht hat (eine Pferdekur der Verjüngung möchte man sagen), weil die Fragen, die heute das deutsche Judentum sich vorlegt, die Forderungen, die es sich stellt, vor etlichen Jahren noch der „Jugendbewegung" überlassen waren. Radikales, hundertprozentiges Sein, intensivere Parteinahme, starke, bewußte Beziehung vom Individuum zur Gemeinschaft, von Einzelleistung zur Gesamtkultur, von Mensch zur Welt, von Mensch zu Gott, sind das heute noch Privilegien der Jugend? Die ganze Gesellwill elastischer werden, will los vom Verknöcherten, denn der Existenzkampf «der ganzen Gesellschaft erfordert Biegsamkeit. Der „Kampf der modernen Jugend", von dem man vor Jahren so viel sprach, wird immer mehr der Kampf der Gesellschaft überhaupt. Die Jugend hat gesiegt, wenn auch mit einem Pyrrhussieg, und die Tragik ist dort, wo sich die A e 11 e r e n dem „jugendlichen" Geist ihrer Zeit nicht anpassen können, bei den Vierzig-Fünfzigjä'hrigen, die nicht mehr wandlungsfähig und elastisch genug sind. Zu den wenigen Gebieten, auf denen die Jugend eine eigene Fragestellung bewahrt hat, gehört vor allem das Gebiet der Arbeit und des Berufes. Ja, hier ist die Problematik größer und schwieriger geworden. Für die Alten und für die Jungen ist es schwer, Arbeit zu finden. Die Alten finden keine Arbeit in „ihrem" Beruf, die Jungen finden überhaupt keine, denn einen ihnen gehörigen Beruf gibt es für einen großen Teil der Jugend schon garnicht mehr. Die Schwierigkeit, Arbeit zu finden, ist also gleich groß: das Verhältnis zur Arbeit aber ist ibei der Jugend ein anderes geworden. Die .possessive Beziehung zum Beruf schwindet immer mehr — und damit schwindet das Berufs e t h o s. Es ist nicht mehr die Erfülltheit vom Beruf, von dem ihm gehörigen Beruf, die den Charakter des Jugendlichen formt und differenziert, nicht mehr eine aus seinem 'Beruf erwachsende Moral, die ihm Selbstbewußtsein und Haltung verleiht, sondern es ist nur eine utilitarische Beziehung, die ihn mit seinem Beruf verknüpft. Dieser Schwund des iBerufsethos wird bei einem großen Teil der jüdischen Jugend kompensiert durch eine Steigerung des überberuflichen Ideals (etwa den Zionismus), nicht mehr die eigentliche Berufung ist es, die den Beruf bestimmt, sondern die transzendente Zuordnung desselben zu dem eigenen Ideal. Für den nicht von diesem Ideal Erfüllten ergibt sieh aber eine innere Beruf slosigkeit. Er arbeitet mit proteischer Wandelbarkeit heute als Buchhalter und morgen als Maurergehilfe, ohne den eigentlichen Sinn seiner Arbeit zu erkennen, ohne in einem persönlichen Verhältnis zu seiner Arbeit zu stehen. Eine innere Proletarisierung der jüdischen Jugend (der nicht-zionistischen vor allem) ist die notwendige Folge. Tritt nun zu dieser inneren Berufslosigkeit die Arbeitslosigkeit, d. Qi. fehlt die äußere Möglichkeit der Arbeit, so ist die Haltlosigkeit und Bedrohtheit dieser Jugend so groß, daß das Schwinden des Selbstbewußtseins und der moralischen Kraft des Einzelnen auf die Dauer nicht ausbleiben kann. „Berufslose" jagen dann einer Arbeit nach, irgend einer, nur um sich zu ernähren, in verzweifelter, meist erfolgloser und die Energie bis zum letzten Rest aufreibender Jagd..... Je differenzierter und individueller die Menschen sind, desto eher scheitern sie. Für die hündisch Organisierten ist die /Gefahr geringer. Zu dieser inneren Fragestellung tritt für den erwerbslosen Jugendlichen die reichlich bekannte äußere: wo ist überhaupt eine Arbeitsmöglichkeit für den jungen Juden? Wer verschafft ihm Arbeit? Soll er auswandern? Wohin? Als was? Auf welchem Berufsgebiet bestehen die meisten Aiibeitschancen? Soll er umschichten? etc. Für den qualifizierten Arbeiter bestehen hierfür noch mehr Möglichkeiten als für den unqualifizierten. (Und natürlich muß auch in diesem Zusammenhang betont werden, daß es die Aufgabe des gesamten Judentums ist, mehr qualifizierte Arbeiter heranzubilden.) Je schwieriger die Beschäftigungsmöglichkeit für den Juden wird, desto höhere Ansprüche werden an seine Qualifikation gestellt. Wir erleben dauernd, daß qualifizierte Kräfte, ja Spezialarbeiter, auch dort verlangt werden, wo mit etwas gutem Willen ein nicht gerade Unbegabter die geforderte Arbeit erfüllen könnte. Die jüdischen Unternehmer zeigen hierbei leideinicht immer das nötige Verständnis. B. Das Tagesheim Diese in solcher Weise bedrohte und haltlos gewordene erwerbslose Jugend zu erfassen, das ist die Aufgabe des Tagesheims der erwerbslosen jüdischen Jugend, Königswarterstraße 24. Sie zu erfassen, zu beschäftigen, weiter izu bilden, gesellig zu unterhalten, ihr ein Heim zu bieten und sie davor zu bewahren, asozial zu werden. Es geschieht dies durch verschiedene Mittel, durch Kurse, Lehrgänge, Besprechungen (siehe den Arbeitsplan des Tagesheims in dieser Nummer), gemütliches Beisammensein, gemeinsame Spiele, gemeinsame Verköstigung etc. Dem Heim ist außerdem eine Lehrwerkstätte angegliedert, in der sich die dazu befähigten Erwerbslosen auf den Schreiner'beruf vorbereiten können. In allem ist das Tagesheim gewissermaßen das Wartezimmer zu den Arbeitsnachweis- und Umschichtungsstellen, mit der Besonderheit, daß die Wartezeit fördernd und erzieherisch ausgenützt wird. C. Die Wandzeitung In Wartezimmern wird am meisten geschimpft und am meisten genörgelt. In dem Sprechzimmer dann versagt häufig die Redegewandtheit des Bittstellers, denn schließlich kann auch er der. Unerbittlichkeit der Tatsachen, die ihm da gegenübertreten, keine Argumente entgegenstellen. Der Herr oder die Dame im Sprechzimmer sind ihm außerdem so sehr über an rethorischen und logischen Fähigkeiten, daß er selbst dann, wenn er gute Einwände zu machen hat, sie nicht mehr richtig vorzubringen vermag. Gerade die Wartezimmergespräche zeugen daher vielfach von einer unheimlichen Wahrhaftigkeit und Tragik, wenn sie auch viel Unrichtiges und Ungerechtes in sich -schließen. Um denen, die sich nicht ohne weiteres auszudrücken vermögen, eine Möglichkeit tzu geben, zu Worte zu kommen (außerdem aus Geselligkeitsgründen), um sie gleichzeitig zu zwingen, ihre Anliegen logisch und sachlich vorzubringen, haben wir im Tagesheim eine Heimzeitung herausgegeben, die 14tägig in Maschinenschrift als Wandzeitung erscheint (also mit keinerlei Kosten verbunden ist), und deren Mito

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