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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-01-01 · 5 (1.1935) · p. Seite 199

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
5 (1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 199 (sequence 33)
Language
German
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Seite 199 i ein Kind unter anderen; die Leistung gilt, sonsb nichts. Hier muß das Kind allein sich behaupten, selbständig sein. Hier hat der junge Mensch eine Welt, die von ihm fordert, eine Aufgabe, die er ernst nimmt. Es war zu nett zu beobachten, mit welcher Pflichttreue Jungen und Mädel die ihnen aufgetragene Arbeit ausführten: Aufsicht der Garderobe, Führung durch die Ausstellungen u. a. mehr. Vielleicht ist dies das ganze Geheimnis Jeder erfolgreichen praktischen Pädagogik, dem Kind, wie dem jungen Menschen eine Aufgabe geben, eine ernst zu nehmende, die ihn davon überzeugt sein lässt, daß die Aufgabe eine wichtige ist. Aufmerksame Eltern konnten in diesen „Schultagen" die Beobachtung machen, daß Kinder so ausgeprägt in ihren Anlagen und Fähigkeiten, in ihrem Temperament und ihrem Wesen sind, daß man eigentlich von fast fertigen Menschen reden könnte, die durch Schule und Erziehung wohl beeinfiusst und geformt, aber selten grundlegend verändert werden können. Darum war die Verschiedenartigkeit der Lehrenden eine. sehr erfreuliche Feststellung. Lehrer der verschiedensten Typen, jeder in seiner Art, die Verkörperung eines Stück „Andersseins", eines Stück Lebens selbst, das in seiner Vielfältigkeit und Differenziertheit erst die Festigkeit des Charakters recht zu bilden vermag. Nicht für jedes Kind ist der lebhafte Lehrer geeignet, nicht jedem der nachdenkliche und besinnliche das Ideal; der Eesonanzboden einer Klasse ist ein verschieden gearteter; auf das Einfühlungsvermögen der Kinder müssen daher auch Menschen verschiedenster Prägung ihren Einfluss geltend machen. Jede Unterrichtsstunde war deshalb ein Ganzes, weil auch in den allgemein bildenden Fächern unsere besondere jüdische Situation ihren Ausdruck fand und im jüdischen Unterricht auch jüdisches Wollen erkennbar, war. Neben den wohlwollenden Eltern, den sehr interessierten Berufs-Pädagogen gab es aber auch einige, die nur hingegangen waren, um Kritik an Lehrern und Schule zu üben. Auch Kritik ist notwendig und gut, wenn sie wohlwollend hören und sehen will, wenn sie aufbauen helfen will und nicht zersetzen. Wir jüdischen Menschen von heute können uns nicht mehr mit nur negativ sehenden Meinungen auseinandersetzen. Je schwerer unser Weg, umso bedeutsamer die Leistung, je verantwortungsvoller die Aufgabe, umso nötiger die Unterstützung und das gerechte Urteil; nur die Pflicht gilt, daß jeder an. seiner Stelle etwas zu leisten sucht, auf dem Platz, auf den ihn ein Höherer gestellt hat, seiner Aufgabe gerecht wird. „Eltern sind zur Schule gegangen", eine kurze Woche nur, aber sie genügte, in ihnen ein Gefühl des Dankes zu hinterlassen, daß man sie Einsicht nehmen Hess in Wollen und Wirken der Schule. Cilly Neuhaus Ein Ruf an die Hausfrauen In wenigen Monaten wird wieder eine Anzahl jüdischer schulentlassener Mädchen vor der schwierigen Frage der Berufsausbildung stehen. Der Kreis der Möglichkeiten ist in Deutschland sehr eng geworden und doch soll den jungen Menschen, die, sei es durch persönliche Verhältnisse, sei es der eigenen Neigung folgend, in der Heimat verbleiben, in den Berufsberatungen ein praktischer Weg zu ihrer Ausbildung gezeigt werden. Viele Berufe sind auch der weiblichen Jugend nicht mehr zugänglich, vor manchem Studium, mancher Lehre muß gewarnt werden, da kein Aufstieg, keine Aussicht auf Erwerb damit verbunden ist; fast könnte man in den Beratungsstellen verzagen, wenn soviel Negatives, soviel Ablehnendes dieser Jugend beim Eintritt ins, Leben gesagt werden muß. Doch man erkannte' bald, daß ein grosses unumstrittenes Arbeitsgebiet, dem eigentlich alle schulentlassenen Mädchen zugeführt werden müssten, als Grundlage für jede weitere Tätigkeit gelten sollte: die Hauswirtschaft. Die Auffassung, daß Hauswirtschaft heute als Beruf gewertet wird, die wie jeder andere Beruf zu erlernen ist und eine geistige Durchdringung erfordert, dürfte wohl schon Gemeingut weiter Kreise geworden sein. Eine planmässige hauswirtschaftliche Ausbildung muß verlangt werden, die in erster Linie in jüdischen Haushaltungsschulen und Heimen erworben werden kann. Doch 'die vorhandenen Einrichtungen genügen nicht um aile Mädchen zu erfassen, ganz abgesehen von den finanziellen Schwierigkeiten, die es vielen Eltern unmöglich machen, ihren Töchtern eine derartige Ausbildung zu bieten. Schon vor Jahren wurde die Forderung aufgestellt, daß jedes junge Mädchen nach der Schulentlassung ein hauswirtschaftliches Jahr durchmachen sollte, um die grundlegenden'Kenntnisse für ihren späteren Hausfrauen- und Mutterberuf zu erwerben. Die Durchführung scheiterte an der Unzulänglichkeit der Einrichtungen und Mittel. Heute ist das Gebot der Selbsthilfe, des Gebens und Nehmens in der eigenen Gemeinschaft dringender denn je. Ein Weg muß gesucht werden, um eine Ergänzung zur hauswirtschaftlichen Ausbildung in Schulen und Heimen zu finden: dieser Weg führt zur Ausbildung im „Privathaushalt", eine Aufgabe, die den jüdischen Hausfrauen gestellt wird. Der private Haushalt der einzelnen Hausfrau soll zum Lehrhaushalt werden. Wenn geeignete Hausfrauen sich entschliessen würden, junge jüdische Mädchen zur Anlernung in ihrem Haushalt aufzunehmen, könnte unendlicher Segen für die jüdische Gemeinschaft geschaffen und gar mancher Hoffnungslosigkeit gesteuert werden. In. der Erfüllung dieser sozialen Aufgabe wird die Hausfrau bei liebevoller Behandlung und verständnisvoller Einfühlung eine Helferin für ihren Haushalt gewinnen und die Genugtuung empfinden, einem jungen Geschöpf in dieser harten Zeit das Eüstzeug für die Zukunft zu schaffen. Gewiß, es wird manche Schwierigkeiten auf beiden Seiten geben und viel Geduld wird notwendig sein, um zu einem Ziel zu gelangen, aber unsere jüdischen Hausfrauen sollten die Forderung der Stunde erkennen und sich mit hausfraulich-mütterlichem Verständnis für deren Verwirklichung einsetzen. Der Jüdische Frauenbund hat den Hausfrauen den Weg zum Zusammenschluß in seinen neugegründeten Hausfrauengruppen gewiesen. In dem Programm steht an erster Stelle die Werbung von Lehrhausfrauen zur Aufnahme häuslicher Lehrlinge im eigenen Haushalt. Die Hausfrauengruppe der Ortsgruppe Frankfurt a. M. des Jüdischen Frauenbundes hat diese Aufgabe in ihr Arbeitsgebiet aufgenommen. Der Raum gestattet es hier nicht, auf die vielfachen praktischen Fragen einzugehen, die sich zur Klärung und Durchführung des Problems ergeben dürften. In den Sprechstunden der Hauswirtschaftlichen Kommission, Dienstag von 11-12 Uhr und Mittwoch von 4-5 Uhr, wird jede gewünschte Auskunft gerne erteilt und Anmeldungen von Lehrhausfrauen entgegengenommen. Und so ergeht der;Ruf an die jüdischen Hausfrauen von Frankfurt a. M. und Umgebung: Helft der schulentlassenen weiblichen Jugend, nehmt einen Hauswirtschaftslehrling, dem Ihr in Eurem Haushalt eine Zukunftshoffnung schenkt! Stephanie Forchheimer Hausfrauengruppe des Jüdischen Frauenbundes Die Hausfrauengruppe widmete den Nachmittag des 8. November der Besprechung von Wohnungs- und Kleidungskultur. Der ungemein zahlreiche Zuspruch, den die Veranstaltung fand, ist ein Zeichen dafür, daß auch in diesen Zeiten der Not und Sorge die jüdischen Frauen den Sinn für das Schöne nicht verloren haben. Eine kleine, aber erlesene Ausstellung war aufgebaut. Da waren reizende Ketten zu sehen» die Frl. Berta Pappenheim entworfen und selbst gearbeitet hat. Frau Tilly Lorch bot eine Kollektion reizvoller Tüllarbeiten und origineller Kissen. Bemerkenswert eine „Freitagabenddecke" mit hebräischem und deutschem Spruchrand (Entwurf Berta Pappenheim). Julie Keiner stellte Handwebereien aus, kleine Proben aus der Fülle dessen, was ihr Atelier liefern kann. Frau Schwab als Hausfrau zeigte selbstgewebte Schals und Kleiderstoffe. Neben der angewandten, die reine Kunst, vertreten durch die zugleich anmutigen und kräftigen Blumenstücke und Schwarzweiß-Skizzen von Rosy Lilienfeld. — Der Vortrag von Angelia Reckendorf brachte als Einleitung einige Grundregeln, die zu befolgen sind, wenn man sich mit wenig Kosten schön und passend kleiden will: Beschränkung auf wenige und nicht auffällige Farben. Die häuslich Tätige bedarf vor allem praktischer Hauskleider, die nicht durch ausrangierte Gesellschaftskleider ersetzbar sind. Die Illustration der Ausführungen boten gute Lichtbilder, die besonders durch einprägsame Gegenüberstellungen von einst und jetzt wirkten. Den Vortrag lohnte reicher Beifall. H. Kr.

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