Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 5 (1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 32)
- Language
- German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Jüdische bildende Künstlerinnen der Gegenwart in. Bildhauerinnen Wer die großen Kunstausstellungen der letzten Zeit daraufhin beobachtet hat, welchen Anteil das künstlerische Schaffen der Frau hatte, dem muß es. aufgefallen sein, wie zahlreich und hochwertig die Leistungen" gerade auf bildhauerischem Gebiet gewesen sind. Da wir auch' bei unseren jüdischen Künstlerinnen diese Beobachtung bestätigt finden, fühlen wir uns zu einer prinzipiellen Erörterung des Problems angeregt . Sieht man im plastischen Bilden die Erfüllung des Trieoes nach vollkommener Realisierung, restloser Verkörperung und Gestaltwerdung eines Gefühlten, so kann man es durchaus begreiflich finden, daß gerade diese künstlerische Betätigung der schöpferisch weiblichen Natur, dem Mütterlichen, aller Abstraktion Abgewandtem entgegenkommen muß. Ist doch das Wesen der plastischen Kunst Vergegenwärtigung und Isolierung in höchster Potenz. Auch scheint das rein darstellerische Element der Plastik zur eigentlichen Kunst der Darstellung, der Schauspiel- und Bewegungskunst hinüberzuweisen, in der* ja die Frau als Gestalterin sich in ganz besonderem Masse auszuleben vermag. Tatsächlich kennen wir mehr als eine Künstlerin, die auf diesem Umweg den Weg zur Plastik fand. Für unsere Behauptung von der besonderen Eignung der Frau zu bildhauerischem Schaffen liefert eine ganze Reihe auch jüdischer Künstlerinnen mit ihren Werken immer wieder den Beweis. Zunächst denken wir da an ein paar schon bekannte Künstlerinnen, die sich mit ihren Leistungen unter die besten ihrer Zeit einreihen. Die heldenmütig-trotzige Gestalt einer Judith steht vor uns, ein mit reifem Können durchgearbeiteter Akt von der aus der Ukraine stammenden, seit langem in Paris lebenden Channa O r 1 o w a, stark und knapp in Form und Ausdruck. Oder wir denken an Tina Haina-Wentschers charaktervolle Bildnisköpfe, die u. a. die neuerdings auch bildhauerisch tätige große Zeichnerin Käthe. Kollwitz porträtiert hat oder an die bedeutende Signac-Büste der Maillolschülerin Sophie Wolf. Neben diesen bereits vielfach bekannten Künstlerinnen finden wir aber auch verschiedene Bildhauerinnen bedeutenden Ranges, die heute unter erschwerten Umständen um ihre Anerkennung, ja auch nur um die Möglichkeit, gesehen und ausgestellt zu werden, zu ringen haben. In einem Modesalon des Berliner Westens, also an etwas ungewöhnlicher Stelle, sind gegenwärtig verschiedene Plastiken der mit Vorliebe in Marmor arbeitenden Bildhauerin Elisabeth Wolff ausgestellt, sehr ausgeglichene, ganz bewusst auf großartige repräsentative Wirkung ausgehende Werke. Eine ruhig sich breitende offene Fülle ist diesen Porträts, Akten und Gruppen eigen, die Orientierung an reifer klassischer Kunst ist offenbar. Neben den schwellenden Formen dieser im übrigen unproblematischen z. T. akademisch anmutenden Kunst wirken die an altägyptische Dinge anknüpfenden Plastiken der Autodidaktin Viola Böhm eher asketisch. Ihre neuen Porträts sind voll innerer Spannung, psychologisch verfeinert, die früheren klassisch gebundenen in gewissem Sinne populären Schöpfungen betrachtet sie — obwohl sie erst seit wenigen Jahren bildhauerisch arbeitet — bereits als überwundene Vorstufe ihres jetzigen Wollens, das auf die absolut plastischen, mehr mit dem Tastsinn als dem Auge zu erfassenden Formwerte ausgeht. Daher auch ihre Vorliebe für die geschlossene, gedrungene Kraft negroider Typen. Die grazile Gelöstheit der Glieder in kleinen sitzenden oder hockenden Gestalten gelingt ihr ebenso wie der voll Wucht sich in den Raum stemmende stehende Negerakt. In der beseelten Musikalität mancher ihrer Schöpfungen berührt sie sich mit der Schaffensweise Gertrud Oha ins, die gleichfalls in •'völliger Selbständigkeit ihren Ehrfurcht, eine Grundforderurig des Judentums Wir sprechen soviel von der religiösen Wiedergeburt. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, durch reine Theorien den Menschen zur Ehrfurcht zu führen. Man kann Menschen zur Ehrfurcht, erziehen, wenn man sie aufwachsen läßt in einem Lebenskreis, wo die Ehrfurcht vor Heiligem vorhanden ist. Wie aber kann das anders geschehen, als daß Eltern und Kinder sich wieder in der Ehrfurcht vereinigen: in der Ehrfurcht vor dem Geiste — in der Ehrfurcht vor dem Gott des Judentums. „Er wird das Herz der Väter wieder den Kindern und das Herz der Kinder wieder ihren Vätern zuwenden." Julius Goldstein' Der Morgen, Jhrg. 5, Heft 4 Weg verfolgt. Neben ihren Porträts, unter denen die Kinderköpfe besonders wohl gelungen sind, findet sich in ihren Figuren, Gruppen, Akten immer wieder ein formales Thema in den verschiedensten Variationen behandelt: das in sieh schwingende Geneigtsem eines jugendlichen Körpers, sinnend in sich gebeugt, in Schlaf oder Traum gelöst, in mütterlicher Seligkeit über ein Kind gelehnt, oder in verzweifelter völlig aufgelöster Gebärde nach vorn geworfen, oder auch sich weit zurückbiegend, wie um in einer einzigen großen Bewegung den Atem des Alls in sich zu saugen. Es gibt nichts Beglückenderes, allem gewohnten großstädtischen Kunstbetrieb Ferneres als diese Besuche in Bildhauerinnenateliers, irgendwo in schwindelnder Höhe mit dem Blick über Türme und Dächer. Bereits beim Eintreten umfängt diese von Sachlichkeit und Schaffensfreudigkeit gesättigte Atmosphäre und zieht unweigerlich in ihren Bann. Alles Laute, allzu Aktuelle weicht zurück, bleibt draussen. Hängt es damit zusammen, daß die Bildhauerei noch viel mehr als die darstellenden Schwesterkünste vom „Weglassen", vom Ausschalten des Vielfältigen, Relativen, Zufälligen der Welt lebt, daß man sich gerade hier immer wieder Sammlung und Aufschwung holt, oder ist es einfach die starke Ausstrahlung des Schaffensglückes, das die so lange allgemein „entmutigte" Bildhauerin, die sich immer noch etwas als Pionierin fühlen darf, heute in ernstester Zeit besonders beseelt? Dr. Margot Riess Eltern gehen zur Schule Ein ungewohntes Bild im Philanthropin während der Pädagogischen Woche! Eltern gehen zur Schule, früh am Morgen, und schauen ängstlich auf die Uhr, ob sie nicht schon zu spät zur Stunde kommen. Schnell die Treppen hinauf geeilt, wo vor der Aula Jungens und Mädels scharf darauf achten, daß diesesmal der. Unterricht nicht von „den Eltern" gestört werde. Eltern gehen zur Schule! Ohne Ranzen, ohne die obligate iButterbrotsdose, ganz ohne Zwang; aber mit innerer Anteilnahme, mit Interesse und mit Verständnis für die nicht ganz leichte Aufgabe des Lehrers, der, sein ganz persönliches Verhältnis, das ihn mit seiner Klasse verbindet, fremden und kritischen Beurteilern preisgegeben werden soll. — Lehrer und Schüler und Unterricht, diese gemeinschaftsgebundene Atmosphäre lässt sich nicht nur mit der Ratio beurteilen* es gehört mehr dazu, die psychologischen Feinheiten dieses lebendigsten aller Berufe erfassen zu können; deshalb war es gut, daß neben den Berufs-Pädagogen die Eltern saßen, Mütter und Väter, die durch ihr Da-sein schon eine Atmosphäre des Geborgenseins für die Kinder schufen. Ob die Kinder dies spürten? Unbefangen und frei, garnichfe wie auf „Besuch" gedrillt, gaben sie Rede und Antwort. Was hörten und sahen nun die Eltern?: Zunächst das. Interessante, die Kinder losgelöst vom Elternhaus beobachten zu können, und die Besonderheit der Stellung, die manchem Kind im Hause eingeräumt wird, sich verlieren zu sehen. Hier ist es nur