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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-01-01 · 5 (1.1935) · p. Seite 180

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
5 (1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 180 (sequence 14)
Language
German
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Seite 180 Geschichten um den alten Batzner Erzählt von Jakob Heimann Es sind selten die großen Ereignisse, die in unseren Erinnerungen an die Kindheit im späteren Leben in uns wach werden. Zumeist stehen die Gestalten des Alltags, die kleinen Begebenheiten, neben und mit denen unsere Kinderschritte mehrere Jähre einherliefen, am lebendigsten in uns auf, wenn wir Vergangenes vor den riickschauenden Blick der Seele rufen. — I. Der alte Batzner war Schammes an der Altneuschul' in Fürth. . Meine Altersgenossen werden, so Avenig wie ich, sich erinnern können, den Mann jemals anders als mit graumeliertem Kopf- und Barthaar gesehen zu haben; der eisgraue, mächtige Schnurrbart hing stets nach unten. Die Stimmung des Alten lasen wir Buben von diesem Schnurrbart ab: wenn er zitterte, stand das Barometer für uns auf „Sturm"----Und er zitterte gar oft in all den Jahren, da ich als Junge fast täglich in die Altneuschul' ging--. Nun soll man aiber nicht glauben, der alte Batzner wäre für uns Buben so eine Art Spottfigur gewesen. Dazu hatten wir schon vor allem zu viel Respekt vor den saftigen „Watschen", die der alte Schammes mit seiner dicken, kräftigen Hand unbekümmert •während des Gottesdienstes ebenso freigiebig unter uns, wenn wir störten, verteilen konnte, wie die Lebkuchen am Simchas Thora. Der alte Batzner verstand aber auch Spaß, wie alle Leute voll Lebensweisheit. In seltenen Fällen der Belehrung, die wir oft in schnurrigsten Worten von ihm" empfingen, erhielten wir Ohrfeigen und Aufklärung gleichzeitig. So kam ich einmal etwas zu früh an die Synagoge, weil unsere Uhr daheim vorging. Ich freute mich fast schadenfroh, als ich den ßchulschlüssel nebenan, bei dem christlichen Kastellan, vor dem alten Batzner diesmal weggeholt hatte. Gerade wollte ich mit dem riesigen Eisending die altmodische Tür aufsperren, da kam der Alte mit seinem unvermeidlichen Spazierstock um die Ecke und auf mich zu: „No, du Lausbub', wer hat dich denn heut' so früh herg'jagt?" Dabei zog er seine wahrhaft altertümliche Taschenuhr, von deren Zifferblatt ich ablesen konnte, daß tatsächlich noch eine gute Viertelstunde an der festgesetzten Gebetszeit fehlte. „Geht halt unser Uhr daheim falsch —", gab ich zur Antwort----„Schließ' auf", schnauzte er micih an. Gerade wollte ich das tun, schrie er mich an: „Halt!" — Ich zog die Hand zurück und sah ihn fragend an. „Du weißt scheint's nicht, daß man zuerst mit dem Schlüssel an der Schultür anklopft, bevor man aufsperrt...?" — „Doch" — erwiderte ich kurz, „hab' g'rad dran vergessen"— und wollte also jetzt anklopfen und aufschließen. Aber der alte Batzner hielt mich noohmals davon zurück: „Weißt auch, warum angeklopft wird?" — Da fiel mir ein, <von größeren Jungens einmal gehört zu haben, die Seelen jener Toten, die einst im Leben in einer Synagoge gebetet hatten, kommen als helle, tallisbekleidete Geister in dieselbe, während'der Abwesenheit der lebenden Beter. Um sie ans Fortgehen zu erinnern und damit wir Lebenden nicht zu Tode erschrecken, wenn wir sie sehen müßten, klopfen wir an die Synagogentüre.... So antwortete ich, ein wenig stolz auf dies „geheime" Wissen: „Damit die Mesim (Toten) aus der Schul' fortgehen----" — Da fing der Schnurrbart, des alten Batzner an zu zittern, und ehe ich mich's versehen hatte, bekam ich eine schallende Ohrfeige, zu der die gewaltige Baßstimme des Alten mich also belehrend anbrüllte: „Dummheiten! — — Wenn man zu anständige Leut' geht, klopft man an--! Und „Schemmisborach" (Gott) ist eben der allerhöchste von die anständigen Leut'--so, die „Watschen" kannst an die Lümmel weitergeb'n, die dir so'n Blödsinn aufg'- hängt haben____!" — Nach dieser handgreiflichen Belehrung stieg der alte Batzner die Treppe zur Schul' hinauf, ich hinterdrein, mit einer hochroten Backe im Gesicht und einem komischen Durcheinander im Kopfe, in welchem die „Messim" und die „anständigen Leut'" miteinander um den Vorzug stritten..... II. Auch den Erwachsenen konnte es der alte Batzner oft derb und originell heimzahlen, wenn ihm etwas gegen den Strich ging, oder ihm jemand mit zu stark betonter Frömmigkeit auf die Nerzen fiel. Dabei kam es ihm nicht darauf an, hebräischen Text eigenmächtig umzudeuten; aber diese Umdeutungen hatten oft einen erstaunlich treffenden Sinn. — Neben ihm stand ein junger Mann. Dieser hatte die seltsame Gewohnheit bei den Worten .13Kttn tlbö ^3 l^hfo--im täglichen Schmone Esre-Gebet sich derart heftig mit der geballten Rechten an die linke Brustseite zum Zeichen der Sündenibekenntnis su schlagen, daß man es fast in der ganzen Schul' hörte. Der alte Batzner, der sich das einige Wochen mitangehört hatte (der Mann ging erst kurze Zeit in die Altneuschul'), sagte eines Tages: „Hören Sie mal, wissen Sie eigentlich, was Sie „oren" (beten)?" Sichtlich beleidigt erwiderte dieser: „Ich werd'" doch noch wissen, was das bedeutet, was in der „Tefille" steht____" — „Das weiß ich noch nit" — sagte der alte Batzner trocken. „Können Sie auch übersetzen, was das im Morgengebet heißt: -|fiD2 jrp 0*7» X.T rihsb Gekränkt und herablassend zugleich erwiderte der Mann: „Das weiß doch schon jedes Schulkind:... „Immer sei der Mensch gottesfürchtig im Verborgenen----"-- — „Hm" — meinte der alte Batzner und drehte schmunzelnd die Enden seines Schnurrbarts--„ich übersetz' halt anders: „vor der Welt, vor alle Leut' sei ein einx;-p - tbivh facher Mensch, das heisst" — ergänzte er, #— „Tu' dich nicht heryor." hD2 - D^tt^ K*"P „besonders gottesfürchtig ist man im Versteckten, wenn man eben nit gesehen wird----" „Was meinen Sie mit dieser sonderbaren Auslegung?" fragte der Mann erstaunt. „Was werd' ich damit meinen! Mer haut sich nit vor alle Leut' so laut auf die Brust, daß mer's in der ganze Schul' hört. Wenn mir Menschen vor'm Herrgott was zu sagen und zu bereue haib'n, da braucht's bloß das „Oren" (Beten) und a paar Andeutungen.- Das versteht er schon! Gewaltakt braucht's keine ...." —Die Zuhörer in der Nähe konnten jetzt ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Der alte Batzner hat es fertiggebracht, daß sein Nebenmann sich den „Gewaltakt" abgewöhnte. DEUTSCHE EFFECTENeUND WECHSELTE*ANK Konstabier Wache ■ Allerheiligensfrasse 89. Osthafen franauerlandstrasse 125 Bockenheim Leipzigersirasse SO. vormals L. A, Hahn — gegründet 1821 — Akt.-Ges. seit. 1872 FRANKFURT AM MAIN Kaiserstrassel30 In d i v i duelle Beratung Auch in den Städten: Höchst a. M. Dalbergstrasse 3 Offenbach a. M. , Frankfurtersirassel54

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