Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 5 (1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 178 Bei einem solchen Wirken, das am geistigen L'eben Deutschlands still und ideal Anteil genommen hat, muß nicht betont werden, daß der deutsche Unterricht aus den Arbeiten der Lehrer besondere Werte geschöpft hat. Mit Josts Büchern ist eine vortreffliche Pflege der Sprachlehre eingeleitet worden, aber auch die Literaturgeschichte, die künstlerisch-aesthetisehe Betrachtung hat in Werken ihren Niederschlag gefunden. Wir haben Bielschowskys berühmte Goethebiographie ausge: legt, nicht um einen Zusammenhang mit der Schule künstlich herzustellen, denn Bielschowsky ist nur 2 Jahre am Philanthropin Lehrer gewesen. Aber es ist der Ausdruck unserer Freude darüber, daß einer aus der großen Reihe der ausgezeichneten jüdischen Goethebiographen unsere Jugend einmal unterrichtet hat. Anregend wird auch ein dichterisch begabter Deutschlehrer wie Ferdinand Neubürger gewesen sein, dessen Drama „Laroche" am Frankfurter Stadttheater mit großem Beifall aufgeführt worden ist. Und immer wieder — auch hier geht die Linie bis in die Gegenwart — zeigen Lehrer des Philanthropins in Büchern. Abhandlungen und Ausgaben, wie lebendig ihnen das kostbare Gut deutscher Dichtung ist und wie sie es der Jugend nahezubringen wissen. — — Was hatten die ersten Schriften des Philanthropins als ihr Ziel bezeichnet? Ablehnung des Intellektualismus, kein totes Vielwissen, vielmehr Erweckung und Heranbildung' des ganzen Menschen. Natürlichkeit und Lebensnähe des Unterrichts. Die Bücherschau zeigt ein Arbeiten für eine solche Pädagogik. Von dem Pestalozzianer Salomon Flaschin an, dessen Rechenbücher an das wirkliche Leben anknüpfen, bis in unsere Tage ist die Vorbereitung der Schüler für die Praxis eines kaufmännischen Betriebes, ihre Einführung in wirtschaftliches Denken gepflegt worden. Durch Beobachtungen und Selbsttätigkeit sollen bei allen Fächern die inneren Kräfte des Schülers lebendig gemacht und so ein Geist, der das Ganze zur Einheit verbindet, erzeugt werden. Für die Naturkunde hat schon Molitor verlangt, daß dem Kind die Erscheinung der Umwelt, die Natur der Heimat erschlossen werden sollen, damit seine Seele empfänglich werde für die Schöpfung. In den Arbeiten Isaac Blums, der bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts mit großem Erfolg am Philanthropin gelehrt hat, im Schaffen von Lehrern der Gegenwart betätigt sich immer wieder dieses Streben. Die vorwärtsweisende Pädagogik, die bei der Gründung der Schule verkündet wurde, will auch den Schönheitssinn durch die Kunst, durch Musik, Zeichnen und Deklamationsübungen pflegen. Unsere Bücherschau zeigt, daß dieser Geist geblieben ist. Da sind wertvolle Veröffentlichungen aus dem Gebiet der Kunstgeschichte, darunter zahlreiche Arbeiten, die jüdischer Kunst und Jüdische Dichter unserer Zeit Edmond Fleg *), der Verfasser des „Kleinen Propheten", des „Moses" und „Salomo" (bei Piper, München, erschienen) hat in diesen Tagen seinen 60. Geburtstag begehen können. Man sollte annehmen, wenn ein französischer jüdischer Dichter einen „Moses" schriebe, würde eine starke Annäherung des mosaischen Gesetzes an die Vernunftsreligion des Humanitätsideals stattfinden, aber das Gegenteil ist der Fall: Edmond Fleg schöpft aus der nachbiblischen Legende, aus der jüdischen Mystik. In seinem Buch „Ein kleiner Prophet" schildert er, welche Anziehungskraft die Pfadfindertugend, jeden Tag ein *) Eigentlich Flegenhelincr, geb. 26- 11. 1874 in Genf. jüdischen Künstlern gelten., Für die Beschäftigung mit der Musikgeschichte, für eine weithin anerkannte Pflege der Musik zeugen Werke und Liedersammlungen aus verschiedenen Zeiten. Eine wehmütige Erinnerung, bei der sich der Wunsch nach dem Wiederbeleben einer Philanthropinüberlieferung regt, wecken die Schreibvorlagen von Louis Müller, dem treffliehen Lehrer der schönen Handschrift, die einst unsere Schule berühmt gemacht hat und die in den letzten Jahren leider verloren gegangen ist. Wir schließen den Kreis unserer Betrachtung. Weit ist das Feld, das in den Veröffentlichungen zu überschauen ist. Neben die wissenschaftliche Forschung tritt immer wieder auch die volkstümliche Arbeit. Der Sinn für die gemeinnützige Belehrung, für die Bildung weiter Kreise ist seit über 100 Jahren dem Schaffen der Männer eigen, die am Philanthropin unterrich-. ten. Als ein Beispiel sei nur erwähnt, daß die Werke von Adolf Mannheimer lange Zeit die Grundlage für die Volksvorlesungen über Geschichte der Philosophie gewesen sind. Drei Jahrhunderte verknüpfen sich in unserer Bücherschau. Durch Geburt und noch mehr durch Anschauung gehören die ersten Lehrer der klassischen Zeit Lessings, Herders, Schillers und Goethes an. Wir sehen die Vertreter der vielfältigen geistigen Entwicklung des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Wir sehen das Schaffen unserer Zeit. Ueber alle Unterschiede von bedeutender und kleiner Arbeit, über alle Gegensätze der Weltanschauung, über die Verschiedenheit der Persönlichkeiten hinaus künden diese Schriften von einem Wirken, das der Allgemeinheit, der deutschen Heimat und unserem ewigen Judentum gedient hat und dient. In diesem Zusammenschliessen der Reihen, in diesem einigen Streben, das aus der immer erneuten Berührung mit jüdischem Geist und Empfinden seine Kraft schöpft, spricht unsere Bücherschau mahnend und überzeugend zü jedem jüdischen Menschen von heute. Und indem wir die stummen Bände und Hefte so zu uns reden hören, indem wir den Geist unserer Schule verspüren, erfasst uns etwas von der unbeirrten, tapferen Arbeits- und Lebensfreude, mit der die besten dieser Männer, oft in Sorgen und Entbehrungen, uns so viel Bleibendes geschenkt haben. Nicht ein Gewesen, sondern ein Sein und Werden redet aus diesen Büchern. Die Stimmung des Liedes, das der Schülerchor zur Begrüssung gesungen hat, klingt in uns: Wir halten, wir tragen im Wandel der Zeiten Das Erbe der Väter, das ewige Gut; Wir schöpfen aus Glauben, aus Leiden und Streiten Die dauernde Jugend, den schaffenden Mut. gutes Werk zu tun, auf ihn als Kind ausübte, wie er aber das ausgesprochen Religiöse, nach dem er sich sehnte, darin vermißte, wie er die Gestalt des Jesus, ja sogar den katholischen Kult liebt, aber das christliche Dogma nicht zu glauben vermag, während das Zufallswort vom „kleinen Juden", das er als Fünfjähriger aufschnappte, ihn seltsam verfolgt, wie er endlich zwischen Orthodoxie und Zionismus seinen eigenen Weg sucht ... in einer Sinndeutung der Geschichte des Judentums. In seinem „Moses" klingt das Kindheitserlebnis des „Kleinen Propheten" nach — als Moses als ägyptischer Prinz aufwächst und sich zu den Hebräern, die Sklavendienste tun, hingezogen n. Edmond Fleg von Dr. Lutz Weltmann AUSLAND-, spez. 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