Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 5 (1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 177 Ergebnis einer Entwicklung in langen Zeiträumen aus den kleinsten Anfängen erkannt. In Lauten und Worten enträtsalt Geiger die tiefsten Geheimnisse der Sprachschöpfung; der Sprache räumt er unter allen menschlichen Geistesvermögen den ersten Rang zu; denn sie ist ihm die Quelle der Vernunft; aus, an und in ihr hat sich die Vernunft selbst nach den allenthalben herrschenden Gesetzen der Notwendigkeit langsam und naturgemäß entwickelt. Lazarus Geigers Werke stehen ebenbürtig, unveraltet neben den Forschungen von Männern wie Wilhelm v. Humboldt, Jak. Grimm, Bopp, Steinthal. Und wieder können wir hier als einen Zug, der das Philanthropin bestimmt hat und noch immer kennzeichnet, die Weisheit mit und aus dem Judentum erwachsen sehen. Lazarus Geiger ist ein überzeugter, gläubiger Jude. Auch ihm hat, wie so vielen ausgezeichneten Männern der Schule, neben der Wissensehaft das Studium der Bibel und des jüdischen Schrifttums das Beste gegeben. Der 15 jährige Knabe arbeitet an der Schaffung eines chaldäischen Wörterbuches, der Abiturient spricht bei der Abschiedsfeier des Städtischen Gymnasiums tiefsinnig und begeistert über das Buch Hiob, der Mann entwirft den Plan zu einer umfassenden Darstellung der Geschichts- und Religionsphilosophie des Judentums. Die selbstverständliche, fast naturgegebene Verbindung jüdischen Wissens mit allgemeiner und fachlicher Bildung — heute vielen erst eine zeitgeborene Forderung des Tages —, am Philanthropin ist sie nie verloren worden. Diese Einheit zeigen nicht nur die Werke der ersten Lehrer, die mit der Absehliessung, mit Druck und Enge auch das grosse Eigentum der Väter eik-bt und erhalten hatten. Auch als viele Einschränkungen gefall on sind, als dem Juden der Weg zum Lernen und Lehren an deutschen Bildungsstätten erleichtert ist, da bleibt jüdische und deutsche Bildung vereint, und von der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein gibt unsere Bücherschau davon Kunde. Die vielseitige wissenschaftliche und schriftstellerische Arbeit Sigismund Sterns, der in der besten Zeit freier deutscher Entwicklung die Schule geleitet hat, gilt der Sprachwissenschaft, der deutschen Geschichte, aber auch dem Judentum, seiner Religion, seiner Aufgabe. Es macht dem Manne, seiner mitschaffenden Eingliederung in das geistige und kulturelle Leben Deutschlands Ehre, wenn Wort und Wirken des Direktors der jüdischen Schule so anerkannt wird, daß Sigismund Stern Mitglied des gesetzgebenden Körpers und der Städtischen Schulkommission wird und daß er bei der Schillerfeier der Stadt am 10. November 1859 die Festrede hält. .Ein Anreger für ein wichtiges Stück deutscher Literatur ist Jakob Auerbach geworden. Der Verfasser der „Schul- und Hausbibel1', der „Biblischen Erzählungen für die Jugend'1, die beide nun schon über 75 Jahre im (Jnterrk'ht lebendig geblieben sind, der Kenner und Erklärer des Hebräischen, er hat auch einen stillen Anteil an der Gestaltung der Schwarzwälder Dorfgeschichten, also an frühen Schöpfungen deutscher Heimatkunst. Davon künden die Briefe Berthold Auerbachs an den Vetter und Freund, den Lehrer am Philanthropin: sie sind eine wichtige Quelle'für die deutsche Literaturgeschichte in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der getreue, kritisch mahnende, mithelfende Jak. Auerbach hat uns dieses Werk gegeben. Männer wie Unland, Mörike, Jak. Grimm, Gust. Freytag, Otto Ludwig, Fr. Rückert, G. Keller und viele andere gehen in diesem Buch durch das Leben Berthold Auerbachs, der so vielen ein warmherziger Förderer und Helfer gewesen ist; aber dazwischen erscheinen auch die Lehrer des Philanthropins, denen der Dichter durch seinen Vetter nahe getreten ist. Und wenn Berthold Auerbach dem Judentum treu verbunden bleibt, wenn er sich immer wieder in Bibel und jüdisches Schrifttum versenkt, so spüren wir da auch etwas von dem starken Einfluss der ernsten Persönlichkeit Jakob Auerbachs. Ein Lebensbild dieses Lehrers hat Sigismund Sterns Nachfolger, Hermann Baerwald entworfen, ein Schüler des großen Geschichtsschreibers Leopold v. Ranke. Baerwald ist der Verfasser eineT von der Universität Breslau preisgekrönten Arbeit über Rudolf von Habsburg; er ist der Herausgeber einer mittelalterlichen. Urkundensammlung, die vom österr. Kaiser mit der Goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet wurde; er hat aber auch in Untersuchungen und Programmaufsätzen Abschnitte der .jüdischen Geschichte, bedeutende jüdisch«* Persönlichkeiten und Stätten dargestellt. Schön ist die Charakteristik Baerwalds aus der Feder des Mannes, der nach ihm die Leitung der Schule übernommen hat: Salo Adler, dessen Persönlichkeit noch vor uns steht, gehört zu den hervorragenden Männern der Tat und der Praxis. Ausser seiner vortrefflichen Erstlingsarbeit aus dein Gebiet der Geschichte hat er wenig geschrieben. Aber er hat sien in unermüdlicher, hingebender, alle gewinnender Tätigkeit um Ansehen und Leistung der Schule ebenso wie um« viele wichtige Fragen des gesamten deutschen Judentums unvergessene, bleibende Verdienste erworben. Von geschichtlichen Arbeiten zeigt unsere Bücherschau noch Schriften von Ludwig 0 eisner: er hat das Leben der schlesischen Juden im Mittelalter, hat Ereignisse und Gestalten unserer Vergangenheit durch anerkannte Quellenausgaben erhellt; von ihm ist aber auch in den Jahrbüchern der deutschen Geschichte die Urkundengrundlage für die frühe Karolingerzeit geschaffen worden. Und wenn wir überblicken, was der bedeutendste Gesehiehtslelirer, der seine Lebensarbeit dem Philanthropin gewidmet hat, was unser vor 11 Jahren dahingegangener, aber noch lebendig nachwirkender Kollege Kracauer für die Wissenschaft geleistet hat, dann erkennen wir wieder die Verbundenheit eine.* Philanthropinlehrers mit deutschem Wesen und deutscher Geschichte, mit der Stadt Frankfurt, die er gekannt und erforscht hat, wie kaum ein zweiter, aber zugleich auch seine starke Anteilnahme an der Geschichte, der ehrwürdigen Sprache, dem Geist, des Judentums. Wie alle Männer, die in den letzten Jahren uns die Geschichte von Frankfurt darstellten, für viele Zeitabschnitte auf Kracauers tiefschürfenden Studien aufgebaut haben, so stoßen alle, die in die Geschichte der deutschen Juden eindringen und nach den grundlegenden Forschungen greifen wollen, immer wieder und wieder auf Kracauers Namen. Nur ein Gelehrter, der die gründliche Methode deutscher Geschichtswissenschaft so beherrschte, der sich in die alten Dokumente von unserer Vergangenheit so scharfblickend vertiefte wie Kracauer, konnte uns die Einzeluntersxichungen schenken, aus denen alle Lernenden und Lehrenden schöpfen. Und in den beiden Hauptwerken Kracauers, im „Urkundenbuch" und in der „Geschichte der Frankfurter Juden" besitzt unsere Gemeinde eine treue, zuverlässige Sammlung ihrer mittelalterlichen Zeugnisse und eine wissenschaftlich aufgebaute Darstellung ihrer Vergangenheit. Trotz aller Zeitwandlungen, denen eine Schule unterworfen ist, weil sie für die Gegenwart bildet und erzieht, trotz aller Veränderungen in Methode und Ziel klingt durch die Veröffentlichungen unserer Lehrer doch etwas Gemeinsames, das die Schicksalsverbundenheit schafft. Darum sind die verschiedensten Fächer miteinander in Berührung, darum holen die Vertreter aller Gebiete aus ihrem Judentum Anregung für ihre Arbeit. So ist es bei den Schriften aus dem Bereich der Neueren Sprachen: Jost, der ein englisches Lehrbuch und Werke zur Shakespeare-Forschung geschaffen hat, steht auch hier am Anfang. Neben den von der Wissenschaft geschätzten Schriften von Josef Herz, Ferd. Michel, Osw. Cohn, neben den Werken von Lehmann und Gräfenberg, die für den spanischen Unterricht wertvoll wurden, sind von den Neuphilologen immer auch jüdische Stoffe behandelt worden. Und in der Gegenwart mit ihren Zeugnissen neuer Wege und Formen des neusprachlichen Unterrichts ist diese alte Tradition nicht verlassen. Der Geist einer weiten, alle Lebensprobleme erfassenden Bildung spricht, welches Arbeitsgebiet wir auch überblicken, unveränderlich und darum tiefergreifend aus den besten der WTerke, die von Lehrern unserer Schule geschaffen wurden. Wieeine Flamme lodert er in den Schriften des uns zu früh entrissenen Benjamin May, in seinem „Heiligkeitsbuch", in seiner Arbeit über das „Soziale Leben Jsraels zur Zeit der Bibel".