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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-01-01 · 5 (1.1935) · p. Seite 176

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
5 (1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 176 (sequence 10)
Language
German
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Seite 176 HANS MARCUS TR E U H'A'N D E R FACHBERATER FÜR ST EUER¬ UND DEVISENRECHT GOETHESTR.5 . TELEFON28561 die jüdisch-deutsche Literatur hervorgetreten. Er hat in allen seinen. Büchern, auch in einer von ihm geschaffenen volkstümlichen jüdischen Monatsschrift und in vielen Abhandlungen ein Wissen gezeigt, aus dem auch unsere Zeit noch schöpfen kann. Der von ihm geschilderte Michael Creizenach ist auch ein hervorragender Mathematiker gewesen; er eröffnet mit seinen Büchern die Reihe ausgezeichneter Lehrer, die in diesem Fach dem Philanthropin weithin Ehre gemacht haben. Schon in den . ersten Jahren hat die Schule hier viel gegeben: dankbar hat einer ihrer frühen Zöglinge, der geniale Michael Reis, einer der Lieblin^sschüler des grossen Gauss, empfunden, was er als Knabe gelernt hat. Und diese Leistungen der Schule auf mathematisch-physikalischem Gebiet sind geblieben. Vielbenutzt waren die Lehrbücher von H er m ann Zirndorfer; die von ihm behandelte mathematische Geographie fand eine grundlegende wissenschaftliche Darstellung in dem großen Werk: Geonomie von Theobald E p s t e in, der auch mit astronomischen Untersuchungen hervorgetreten ist. Hervorragende Gelehrte waren Gustav Wertheim, Emil Strauss und Hermann D ob ritt er; von ihnen liegen Publikationen vor, die von den Fachmännern hoch geschätzt sind. Eine reiche Entwicklung, aus der Wissenschaftlichkeit, des 19. Jahrhunderts entstanden, spricht aus diesen Werken. Aber noch etwas anderes darf hervorgehoben werden: der humanistische und der jüdische Geist, der sich auch in dem Schaffen von Männern zeigt, die ihr Bestes auf einem ganz anderen Gebiet geben. Zirndorfer hat 1839 den Preis der Marburger Universität für eine. Euripides-Arbeit errungen. Wertheim ist chi Mann von gründlicher klassischer Bildung, aber auch von ernsten jüdischen Interessen: er hat das Werk des griechischen Algebraikers Diophant übersetzt und erläutert, er hat in einer Abhandlung über die Arithmetik des Elia Misrachi einen wertvollen Beitrag zur Geschichte der Mathematik bei den Juden geliefert. Fast 100 Jahre sind es jetzt her, daß der Mann an, das Philanthropin gerufen wurde, der in der Bücherschau durch die Vielseitigkeit, die Bedeutung, den Reichtum seines Schaffens den ersten Platz einnimmt: Jsaac Markus Jost, der Vater der neueren jüdischen Geschichtsschreibung. Was er von eigenen Werken mitbrachte, als er nach' Frankfurt kam, was er in den 25 Jahren seines Wirkens hier geschrieben und geschaffen hat, davon kann unsere bescheidene Schau kein vollständiges Bild geben. Den Ertrag dieses Lebens kann kein überblickender, die Einzelnen nur streifender Vortrag schildern. Mit Rührung und Bewunderung zugleich erkennen wir, was Jost in einer unsäglich jammervollen Jugend voll Druck und Armut, in einem entbehrungsreichen und darum doppelt begeisterten Studium, dann in einem der Jugend und der Forschung'geweihten Leben sich und uns erarbeitet hat. Wir fühlen, wie wahr das Wort unserer Weisen ist: „ Achtet auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Wissenschaft aus." Da ist Josts erstes großes Werk: die 9 Bände „Geschichte der Israeliten". Wir, die wir heute an fesselnden Darstellungen der jüdischen Geschichte keinen Mangel haben, die wir jetzt eine neu erwachte Anteilnahme an jüdischer Zer&rocliene Fensterscheiben Glaserei ReAndgrabenstr.io Dann nur Clemens» »1 Geschichte erleben, wir wissen nicht mehr, was es bedeutete, in einer Zeit, da das Interesse der deutschen Juden dafür betrüblich gering war, die Bausteine zu einer solchen Riesenarbeit sich allein zusammenzutragen. Es gab damals keine wissenschaftlichen Quellenausgaben für die jüdische Vergangenheit, keine geschichtlichen Zeitschriften,, keine örtlichen Forschungen — alles hat Jost aus zerstreuten, oft lückenhaften, schwer zugänglichen Schriften in mühseliger, dem Beruf abgerungener Arbeit geschöpft, und es ist bewunderungswürdig, was er vollbracht hat. „Wie rauh auch der Pfad sein mag — die Bahn muß gebrochen werden" sagt Jost im Vorwort. Da ist die 2bändige „Geschichte des Israelitischen Volkes", die auch der reiferen Jugend dienen soll. Und Jost wächst immer mehr mit seinen Arbeiten: sein letztes großes Werk, die 3bändige „Geschichte des Judentums und seiner Sekten", ist eine Darstellung von Reife, von Sorgfalt und treuer Sachlichkeit. Was wir heute erstreben, in der Fülle der Jost'schen Veröffentlichungen zeigt es sich schlicht und selbstverständlich: die Verwurzelung im Jüdischen und die wirkliche Kenntnis der hebräischen Sprache. Jost, der Herausgeber und Erklärer der Mischna, gründet eine Zeitschrift in hebräischer Sprache, die den Titel Zion führt; er überträgt wichtige hebräische Quellen, er schreibt selbst eine großartige hebräische Prosa, er dichtet hebräische Verse. Jost erschließt schon die jüdische Volkskunde: wegweisend ist sein Artikel „Judendeutsch" in der Enzyklopädie von Ersch und Gruber, wo er die Bedeutung des Jiddischen für die deutsche Sprachwissenschaft hervorhebt. Jost ist der Anreger auf diesem Gebiet auch für andere, so für seinen Freund Abraham Tendlau, der auch einmal am Philanthropin unterrichtet hat. Tendlau sammelt mit großartiger Kenntnis und Deutung die „Jüdischen Sprichwörter und Redensarten", und es zeugt für die Bedeutung und Lebenskraft dieses alten Buches, daß7 es in diesem Jahr wieder neu herausgegeben worden ist. Tendlau gibt in seinen „Sagen und Legenden jüdischer Vorzeit", in seinem Büchlein „Fellmeiers Abende" anziehende Stücke aus Talmud, Midrasch und volkstümlicher Uberlieferung. Und daß auch in dieser Erschliessung unserer alten Schätze für Jugend und Volk der Faden am Philanthropin nicht abreisst, das zeigen die Werke des bei uns noch nicht vergessenen Bernhard Kuttner: die „Jüdischen Sagen und Legenden", die „Biblischen Lebensbilder". Aber auch die Schriften und Ausgaben der jetzigen Lehrer gerade auf, dem heute so wichtigen Gebiet, das Tendlau und später Kuttner gepflegt haben, die unterhaltenden und belehrenden Bücher, die unser kostbares Gut der Jugend darbieten, lassen erkennen, daß hier seit über 100 Jahren ein geistiges Leben ist, wie es die jüdischen Schule braucht, und das von hier an alt und jung, an alle die Freude an unserem Judentum haben, weitergegeben wird. Wir haben von Jost vorwärts geblickt, und das ist das Erbe der Großen, daß sie immer vorwärts leiten. Aber wir schauen noch einmal zu Jost zurück. Welche Weite der Anteilnahme und Forschung! Da liegen die Prosawerke Friedrichs des Großen, von Jost übertragen; da liegen gediegene Bücher über deutsche Sprache, deutschen Gedankenausdruck in Wort und Schrift; da liegen Übersetzungen aus dem Russischen; da sind Zeugnisse dafür, daß der Mann der Wissenschaft auch in die Zeitkämpfe eingreift, wenn er seine Glaubensgemeinschaft zurückgesetzt oder falsch beurteilt sieht. — Es ist keine äusserliche Anreihung, wenn wir nach Jost Lazarus Geiger nennen, der sein Nachfolger am Philanthropin geworden ist und wie er vor allem Hebräisch und Deutsch unterrichtet hat. Nach dem Altmeister der neueren jüdischen Geschichtsschreibung gewinnt die Schule einen Lehrer, dessen Ruhm als schöpferischer Denker noch immer strahlt, der zu den ganz Großen, zu den Begründern und umwälzenden Erforschern der Sprachwissenschaft gehört. In der Sprache, die ihm die Verkörperung des Geistes ist, hat er die Urgeschichte des menschlichen Geistes gefunden. Der 10jährige Knabe hat seiner Mutter zugerufen: „Ich will alle Sprachen lernen" — , der Mann hat das in bewunderungswürdiger Beherrschung vieler, vieler Sprachen fast erfüllt. Aus der vergleichenden Wortforschung fällt bei Geiger neues Licht auf die kulturelle Entwicklung der Menschheit: die Sprache wird von ihm als das

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