Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 5 (1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 175 mich, daß ich nicht meine Kollegen so loben kann, wie ihre Arbeiten es verdienen; aber es steht mir nicht an, das Maß des Lobes bei jedem abzumessen. — Die ersten Schriften, die von Lehrern des Philanthropins ausgegangen sind, tragen den Namen Franz Josef Molitors, der anfangs zusammen mit Michael Hess die Schule geleitet hat. Wie ärmlich sehen diese dünnen, alten Heftchen aus - so schlicht und dürftig waren die Mittel, war das Schulzimmer für die ersten Kinder der Armenschule! Aber wie reich ist der geistige Inhalt, den der katholische Denker diesen Heftchen gegeben hat: die Gedankenwelt Pestalozzis schließt sich uns auf, von einem schöpferischen Pädagogen tief erfaßt und für die Heranbildung armer jüdischer Kinder mit echtem Verständnis für die besonders große Aufgabe gestaltet.Und diese ersten Berichte des Philanthropins sind geweiht durch die Anteilnahme Goethes, der dieses Schulprogramm von Bettina von Arnim bekommen und der sein Interesse für die „heilsame Anstalt" bekundet hat. Welche seelische Kraft, welche Menschenliebe spricht aus Molitors Sozialpädagogik! Diese Güte und Gerechtigkeit hat der selbstlose katholische Gelehrte auch in seinem sonstigen Schaffen bewährt, auch als ihm die körperliche Kraft für die harte Arbeit der Schulstube fehlte, als er nicht mehr am* Philanthropin unterrichtete. In seinem großen Werk „Philosophie der Geschichte" hat Molitor, der Kenner der jüdischen Literatur, die falschen Behauptungen des Buches von Eisenmenger zurückgewiesen und ein schönes, klares Bild vom wahren Judentum gegeben. Nach dem Blutbad von Damaskus hat Molitor in einem Gutachten seine Stimme gegen die Ritualmordlüge erhoben. — Ehre seinem Andenken! Der eigentliche alleinige Leiter der Schule ist bald Michael Hess gewesen. Kein Schriftsteller, kein Mann der Feder, aber ein praktischer Pädagoge der Tat und des großen Erfolges. Von Flugschriften und Artikeln abgesehen, in denen er tapfer falsche Beschuldigungen gegen seinen Glauben, engherzige Vorurteile gegen die neugegründete Schule abgewehrt hat, liegen von Hess nur die pädagogischen Abhandlungen vor, die er in seiner jahrzehntelangen Tätigkeit den Einladungen zu den Schulprüfungen vorausgeschickt hat. Aber er gibt nicht die mit Recht so gefürchtete theoretische Pädagogik der schönen Worte, nein, dieser tatkräftige, mutige, immer lernende Mann baut hier, kenntnisreich und hingebend, Stein auf Stein die Schule so auf, daß sie trotz Schwierigkeiten und Sorgen zu einem lebensfähigen, wirklichen Organismus wird: neben Geisenheimer ist Hess der Schöpfer des Philanthropins. Er verbreitet die richtigen, damals keineswegs selbstverständlichen Ansichten' über Erziehung und Unterricht; ein Feind alles Aeußerlichen schärft er immer u ieder die Gewöhnung an regelmäßige, strenge Arbeit ein; er knüpft eine enge Verbindung zwischen Schule und Haus, nicht indem er den Eltern schmeichelt, sondern indem er sie miterzieht; er wirkt mit seiner Pädagogik auf die Familien ein. Freie Menschenbildung, gepaart mit innerlicher Frömmigkeit, spricht als Grundgedanke und Ziel aus den pädagogischen Arbeiten von Hess: einfach und ungeschminkt, aber gerade in ihrer praktischen, unbefangenen Natürlichkeit unveraltet, bis in die Gegenwart anregend, sind die Programme des tatkräftigen „alten Kämpen" wie ihn Berthold Auerbach treffend genannt hat. Neben diesem Mann des Lebens und der Praxis steht ergänzend ein Anreger durch Schriften: Josef Johlson, der Religionslehrer, der sich gegen Einseitigkeiten der Aufklärung wendet, der eine wirklich jüdische Grundlage für den Religionsunterricht schafft. Dem Ziel, der Jugend die Religion und die Kenntnis des Judentums aus den Quellen zu geben, gelten seine Lehrbücher: Biblische Geschichte in der Ursprache — Hebräische Sprachlehre — Biblisches hebräisches Wörterbuch. Vielfache wissenschaftliche Anregungen, die Zunz rühmend hervorgehoben hat, aber auch Werte, die einer gerechten Beurteilung des Judentums bei der Allgemeinheit dienen konnten, sind von Johlsons Werken ausgegangen. Er hat die gründliche Belehrung im Hebräischen nach grammatischen Regeln, den geordneten Religionsunterricht eingeführt — so hat fast ein Jahrhundert später einer seiner Nachfolger Johlsons Verdienste zusammengefaßt. Er hat sich für die fachliche Ausbildung geeigneter Religions- Warnung! In letzter Zeit werden Mitglieder der Israelitischen Gemeinde von Personen angegangen, die, entweder auf Grand „dringender" telefonischer- Anrufe oder selbstangefertigter Listen Spenden für sich oder eine befreundete Familie zu erhalten versuchen. Es handelt sich hierbei um grobe Schwindeleien. Wir bitten dringend vor Aushändigung einer Spende Rückfrage bei uns (Anruf: 42077, Allgemeine Fürsorge) zu halten. Wir weisen wiederholt nachdrücklich darauf hin, daß die von der Jüdischen Wohlfahrtspflege und der Jüdischen Notstandsküche mit der Einziehung von Geldern betrauten Personen einen auf den Namen lautenden Ausweis mit sich führen. Die Sammler sind verpflichtet, bei Entgegennahme des Geldes ordnungsgemäß ausgestellte Quittungen oder auf den Geldbetrag lautende Bei-' tragsmarken auszuhändigen. In Zweifelsfällen wird um schriftliche Benachrichtigung oder Anruf (42079 Abteil. Propaganda) gebeten. JCEDISCHE WOHLFAHRTSPFLEGE e.V. FRANKFURT a.M. JUEDISCHE NOTSTANDSK UECHE FRANKFURT a. M. KOENIGSWARTERSTR. 26 lehrer eingesetzt, er hat eine Tradition begründet, die der Schule nie mehr verloren gegangen ist. Die ausgestellten hebräischen Lehrbücher, die der Gegenwart entstammen und dienen, zeigen, wie hier mit neuer wissenschaftlicher Methodik das alte Streben nach einem gründlichen hebräischen Unterricht weiter geht. Und Johlson ist auch für das religiöse Leben der Jugend ein Erwecker, an dessen Gedanken gerade die Gegenwart — trotz veränderter Auffassung und Form — anknüpfen kann. Er schafft in seiner Ausgestaltung des Sabbat die Verbindung zwischen Schulleben und Gottesdienst. Er gibt der Andachtsstunde den jüdischen Geist: da wird der Wochenabschnitt erst im hebräischen Urtext, dann in der deutschen Uebersetzung vorgetragen — auf deutliche würdige Aussprache, auch des Hebräischen, wird besonderer Wert gelegt — da werden deutsche Lieder, meist Umdichtungen von Psalmen oder Prophetenworten, gesungen — Johlson selbst schafft hierfür die Gesangbücher — da ist ein religiöser Lehrvortrag, eine Predigt, die nur Lehrer von gründlicher jüdischer Vorbildung übernehmen sollen. Diese Andachtsstunde der Schule, an der auch Erwachsene teilnehmen können, stärkt das religiöse Leben und das Zusammenhalten der ganzen Gemeinde.. Daß bei unseren Büchern Werke aus der Gegenwart sind, die der Erhaltung und Erweckung unserer alten religiösen Gesänge gelten, zeigt, wie dieses Schaffen als Erbe des Philanthropins bewahrt worden ist. Einer der eindruckvollsten Redner bei dem Gottesdienst der Schule ist Michael Creizenach gewesen; er hat 17 Jahre, bis zu seinem frühen Tod 1842, am Philanthropin gewirkt. Seine Schriften auf jüdischem Gebiet zeigen einen Forscher und Kämpfer von ausgebreitetem Wissen; er ist ein vortrefflicher Mitarbeiter der neuen jüdischen Zeitschriften von Abraham Geiger und Jost gewesen. Heiß umstritten ist Creizenach in seiner Stellung zu manchen jüdischen Fragen, aber unbestritten in seinem mutigen Eintreten gegen jede Verunglimpfung, seiner Gemeinschaft, in seinem selbstlosen Schaffen für die jüdische Jugend, der er nicht nur eine tüchtige Bildung, sondern neue Lebenswege erschliessen will. Er ist selbst Gründer einer jüdischen Schule in Mainz-, in Frankfurt wird er Schöpfer eines israelitischen Handwerkervereins, er arbeitet mit an allen geistigen Bestrebungen der jüdischen Jugend, an allen Fragen, die auf eine bessere soziale Schichtung und Lage der Juden zielen. Hier pflegt er, ganz im Sinne der ersten Anfänge der Schule, eine Tradition des Philanthropins, die sich auch in der Gegenwart wieder bewährt. In der Allgemeinen Deutschen Biographie, die viele Lebensbilder von Lehrern des Philanthropins enthält, hat Adolf Brüll die Persönlichkeit des bedeutenden Mannes geschildert. Brüll, der selbst Religionslehrer an der Schule war, ist mit Veröffentlichungen über Talmud und Midrasch, über die Trachten der Juden, über den samaritanischen Targum zum Pentateuch, über