Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 5 (1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 174 manität des Verstehenwollens und Verstehenkönnens erhält die Sprachgemeinschaft und Kulturgemeinsehaft der deutschen Juden ihre innere Wärme und ihren inneren -Wert. Mit dem vielseitigen Verständnis allein ist es aber nicht getan: Es genügt auch nicht, die charakteristische Eigenart, den Wesenskern eines jeden der uns anvertrauten Kinder aufzuspüren, sie freundlich und freudig zu entfalten und dem Jugendlichen immer eindringlichst wieder einzuprägen, trotz aller Umscbichtungsnotwendigkeit und trotz allen UmscMchtungslärms: „Werde, was Du bist, und nur das, und nichts anderes! Wenn. Du werden willst, was Du bist, wirst Du Dich1 durchsetzen, liier oder wo anders. Aber Du wirst Dich durchsetzen, und Du mußt Dich durchsetzen." Es genügt nun nicht, das zu sagen, das zu predigen, das einzuschärfen. Wir müssen hinzufügen und zu dem Werde, was Du bist, hinzufügen können: „Wir werden Dir dabei helfen." Und da liegt heute die Schwierigkeit. Nicht nur in der Berufswahl. Sondern darin, alle Wege zu einer seelisch freien und seelisch natürlichen Berufswahl offen zu machen und offen zu halten. Mit anderen Worten: Die pädagogische Schwierigkeit liegt vor der Berufswahl und nach der Berufswahl. Insofern muß die Anstalt neben ihrem Schwerpunkt der deutsehen Sprache und der deutschen Kultur und neben neuen fachlichen und technischen Möglichkeiten eine Reihe von Brennpunkten schaffen, in denen das Feuer aller Zukunftsmöglichkeiten flackert und glüht, erwärmt, beruhigt und ermutigt. . Und so soll die Pädagogisehe Woche unserer Gemeinschafts- Schule der Juden deutscher Sprache und deutscher" Kultur diese Gemeinschaft unserem Herzen einprägen dadurch, daß wir sie alle, Jung und Alt, miterleben als freudige, natürliche Wirklichkeit! : III. Eine Pädagogische Woche des Jahres 1934 wäre aber unwesentlich, wollte sie, ohne ein Wort tiefster Besinnung, vorübergehen an einem gewaltigen pädagogischen Wegweiser, an dessen Aufbau, Aufschriften und Inschriften täglich Tausende brennender Herzen und sinnender Köpfe der Jugend sich abmühen und aufopfern: an dem Wegweiser der Jugend-Bünde. Um diesen Wegweiser herum ist Leben, ist drängendes, kraftbewusstes, stürmendes, tollendes, mutiges und übermütiges Lebrsn, trotziges, von unbändigem, fantastischem Willen angetriebenes Leben, ein Leben der unaufhaltsam zur Tat treibenden Jugend. Dies Leben, laut und bunt in Tönen und Farben, rücksichtslos n u r in die Zukunft gerichtet, dies Leben mit Trommeln und Pfeifen und Liedern und Fahnen und Märschen und Zelten und Uniformen, das sich, trotz aller Probleme äußerer und innerer Gefahr, seines Glückes bewusst ist und bewusst sein will, dies Leben lockt und ruft uns Ältere und reißt uns in seinen Bann. Gern laufen wir ihm zu! Aber — wir laufen ihm nicht nach! Weder äusserlich noch innerlich. Wir meiden das Zerrbild des Alten, der Jugend markiert! Aber wir gehen mit, im gleichen Schritt und Tritt. Und im Einklang mit der Jugend und ihrem Bau an allen Zukunftsmöglichkeiten bleiben wir, kameradschaftlich, aber fest und sicher in der Führung. Diese Führung respektiert nach wie vor das Elternhaus und — wenn es sein mufj — erzwingt diesen Respekt. Diese Führung ist den Jugend-Bünden herzlich zugeneigt. Diese Führung fühlt sich von unserer Jugend verstanden und getragen. Und diese pädagogische Führung lassen wir uns von niemand nehmen! Diese pädagogische Führung bringt die Eigenart und den Eigenwillen und das Zukunftswollen der Jugend voll und vollberechtigt zur Geltung und Entfaltung. Die Jugend hat bei uns das Wort, wenn auch nicht das große Wort! Und die Jugend baut mit an der inneren und äusseren Gestaltung unseres Hauses. Das beweisen in dieser Pädagogischen Woche inmitten unserer neun Ausstellungen die Ausstellung aller an der Anstalt vertretenen Jugendbünde, ferner: „Die Spiel schar des Philanthropins", ferner: unser „Sportverein Philanthropin" (seit 1921), ferner: unser „Gesam t-U n t e r r i c h t" (seit 1921), ferner: unsere ständige „Arbeitsgemeinschaft Probleme des Judentums" (seit 1925), ferner: unser „Ordnungs-Trupp".--- Die Fahne aber, die wir als pädagogische Führung unserer Jugend vorantvagen, zeigt auf der einen Seite unsere drei älteren Worte: Heimat, Glaube, Menschheit, auf der anderen Seite, aus; diesen drei älteren Worten innerlichst geboren und innerlichst zu werten, unsere drei neuen Worte: Kraft, Zucht, Tiefe. Und getröstet, und beruhigt und getragen und gehoben durch diese Leitworte Kraft, Zucht und Tiefe, die ich der Pädagogischen Woche und unserer ganzen Arbeit wünsche und widme, wende ich mich zum Schluß an Euch, unsere Schüler, Jungen und Mädels, klein und groß, die Garde unserer Pädagogischen Woche, die Bürgschaft unserer Zukunft. Und ich rufe Euch voran: Hört mein Wort, und zeitlebens bleibe es wach in Euren Herzen: , Wir stammen von Simson und David, dem Schützen. Makkabi, Bar Kochba rief uns ins Gewehr! Und flattern die Fahnen, und leuchten die Mützen:- Seit dreitausend Jahren marschiert unser Heer! Der Geist des Philanthropins im Lichte der Schriften seiner Lehrer von Studienrat'Dr. Siegmund Hirsch Ein Gang durch eine Schau, von Büchern soll der Auftakt zu einer Woche sein, die das Leben und die Arbeit unserer Schule zeigen will. Das ist ein stiller Anfang! Schweigsam, allem Kampf, aller Unruhe fern, liegen die Werke da. Weit von uns scheint oft das zu sein, was sie behandeln. Verklungen sind viele Namen, die auf dem Titelblatt stehen. Verstaubte Bände und v Hefte, unter Glas wohlverwahrt, werden manchen wie tote Erinnerungen, wie seltsame Altertümer anmuten. Darum spreche ich für diese stummen Zeugen der geistigen Arbeit, die von Lehrern des Philanthropins ausgegangen ist und noch immer ausgeht. Den Bibliothekar macht die Liebe zu den ihm anver- . trauten Büchern nicht blind für die Schwächen und Mängel, die allem Menschenwerk anhaften; sie macht ihn aber sehend für das, was seit fast 130 Jahren hier geforscht und geformt, erhalten und weitergegeben wird. Denn aus dieser stillen Sehau redet ein Leben und Wirken, das sich immer wieder erneut. Wir wissen, was Schrifttum für die Erhaltung einer Gemeinschaft bedeutet. Auch in unserer Büeherschau, die doch nur eine kleine Auswahl aus einer alten Lehrstätte deutscher Juden zeigt, spiegelt sich das ewige Werden wieder, das uns Kraft und Trost, Hoffnung und Mut gibt. Aber wenn wir Schriften von Lehrern des Philanthropins von seinen Anfängen bis in die Gegenwart zeigen, so heben wir damit weder die Toten noch die Lebenden über die Mitarbeiter hinaus, von denen keine Veröffentlichungen vorliegen. Wohl gab und gibt es Lehrer, die wissenschaftliche Arbeit und Berufstüchtigkeit vereinigen, aber oft geben gerade die Männer, von denen keine Werke die Namen festhalten, der Schule und den Schülern so viel, daß von ihnen Werte bleiben, die dem Unterricht des Gelehrten oft versagt sind. Und noch eine zweite kleine Einschränkung ist vorauszuschicken: ich nenne nicht alle Namen, nicht alle Werke unserer Schau. Wer in eine Ausstellung von Büchern einführen will, hat ohnehin die undankbare Aufgabe, ermüdend, kreuz und quer, durch die verschiedensten Gebiete zu führen, und bei keinem kann er so verweilen, daß er ein fesselndes Bild entwerfen kann. Und ich nenne keine Namen der lebenden Mitarbeiter, von denen Veröffentlichungen gezeigt werden. Wohl schmerzt es