Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 4 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 158 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 158 Jüdische Jugend Recht auf Vergnügen, Pflicht zur Haltung Es mag mancher Leser dieser Zeilen die nicht unberechtigte Frage erheben, ob jüdische Jugend denn ikeine anderen Sorgen " habe, als sich in dieser Zeit mit Fragen der Geselligkeit und des Vergnügens zu befassen. Ich glaube, daß gerade jetzt, da das Winterprogramm wieder zahlreiche gesellige Veranstaltungen aufweist, es an der Zeit ist, sich einmal mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. 'Bs wird um so verständlicher erscheinen, als das Für und Wider der Veranstaltung von Vergnügungen in der Oeffei tlichkeit lebhafte Kritik erfahren hat und die Form, in der diese Abende geboten werden, manchmal hierzu berechtigten Anlaß geben. Eine junge Frankfurterin sah sich wohl auch daher veranlaßt, kürzlich in einer jüdischen Zeitung zur Frage „Tanzen — jetzt?" Stellung zu nehmen. Die Verfasserin dieses Artikels hat die Frage bejaht, wobei ihr scheinbar überhaupt nicht zum Bewußtsein gekommen ist, wie unangebracht gerade in diesem Zusammenhang die Worte S. K. Hirsch's erschienen. Dieses „Ja" beweist aber wieder, daß einem großen Teil der jüdischen Jugend bis jetzt der Begriff des Wortes „Vergnügen" in Bezug auf die heutige. Zeit noch nicht klar geworden ist, nämlich daß der Sinn dieses Wortes eine Läuterung erfahren hat. Wie könnte es z. B. sonst möglich sein, daß eine Frankfurter jüdische Vereinigung ihr Simchas-Thorafest nicht anders begehen konnte, als in Form eines großen Balles? Oder, wenige Tage erst ist es her, daß ein Verein, der hier zwei große Veranstaltungen an einem Abend hatte, aus „Pietät" im Vereinshaus tanzen ließ. Das Benehmen dieser Menschen in- und außerhalb der Lokale, das eine Kritik auch der nichtjüdischen Kreise geradezu herausforderte, läßt immer wieder die Frage erheben, ob man sich denn seines unangebrachten Verhaltens in dieser Zeit immer noch nicht bewußt ist. Dieser Ruf zur „Besinnung auf das Judentum" gilt auch für die Vereinigungen, die in ihren immer zahlreicher werdenden geselligen Abenden das Tanzen unter dem Namen „anschließend gemütliches Beisammensein" verdecken. Aber hier hat die jüdische Jugend — was leider nicht alle Tage vorkommt — begriffen, um was es geht — und so ist es weiter nicht erstaunlich, daß diese Veranstaltungen überfüllt sind. Es. ist kein Grund vorhanden, die Dinge zu verschweigen, -oder den Versuch zu machen, sie abzuschwächen, denn es wird erst dann eine Aenderung des Bestehenden kommen, wenn man das Falsche seines Handelns rückhaltlos erkannt hat. Wir sind in erster Linie Juden und junge Juden haben die doppelte Verpflichtung zu einer der Zeit entsprechenden Haltung. Wenn ein gewisser Kreis heute noch in der Lage ist, Tanz-Vergnügen mitzumachen, so soll er doch nie vergessen, daß auf der anderen Seite tausende junger Menschen stehen, die mit der Bitte um das täglich' Brot ihr Tagewerk beginnen. — Gewiß, Jugend hat ein Recht auf Freude, aber man muß sich bewußt sein, weiche Form des Vergnügens jüdische Jugend in diesen Taigen zu wählen hat. Sie kann ihre Freude in so mannigfaltiger Art zum Ausdruck bringen, warum muß es gerade die Form des Tanizens sein? Rann man sich denn nicht bei Sport und Spiel, bei netten Unterhaltungen musikalischer und literarischer Art genau so gut „vergnügen"? Ich glaube, es wird niemand etwas dagegen einzuwenden haben, wenn z. B. ein Verein innerhalb seines Kreises von Zeit zu Zeit einmal «inen Tanzabend 'veranstaltet, genau so wie ein Freundeskreis zusammenkommen kann, um zu tanzen. Aber eines ist unter allen Umständen heute abzulehnen: öffentliche Veranstaltungen, bei denen getanzt wird. Mag das nun ein Ball, ein Abend jüdischer Kunst mit anschließendem geselligen Beisammensein oder sonst ein Fest sein. Diesen — hauptsächlich jungen Menschen — die es immer noch nicht begreifen wollen, einmal (oder besser des öfteren) die Sammelbüchse für „Hilfe und Aufbau" in die Hand zu drücken, um ihnen bei den Sammlungen einmal unsere Situation vor Augen zu fuhren, wäre sehr angebracht. Die Tatsache, daß viele Jugendliche glauben, ihrer Rückkehr zum Judentum dadurch zu genügen, daß sie jetzt ihren Sport im jüdischen -Sportverein, Theater und Konzert im Kulturbund besuchen, und nicht zuletzt eine mangelharte jüdische Erziehung, hat zu diesen Mißständen geführt. Es ist heute Pflicht der Eltern, Jugendbünde und sonstiger Organisationen, die jüdische Jugend immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Zeiten, in denen mau von einem Fest zum andern jagte, vorbei sind. Wenn man, gerade in diesen Tagen vor Chanukkah, einen Blick auf die jüdische Geschichte wirft, so mag vielleicht doch manchem jungen Juden jener Satz wieder zum Bewußtsein kommen: Wisse, woher du gekommen bist und wohin du gehst, und vergiß nie, vor wem du einst wirst Rechenschaft abzulegen haben. Hellmuth Strauss Fahrt Fahrt ist das ungestüme Herauswollen aus dem Eingespanntsein der Großstadt in die Natur und Natürlichkeit. Wir wollen da ein Leben führen, das uns gemäß ist, wie wir es uns denken. Dies Leben ist daher nicht nur schön, sondern bedeutet zugleich und primär eine Aufgabe. Die Aufgabe besteht darin, die Menschen, die da auf Fahrt gehen, weiter zusammenzubringen, indem jeder nach Maßgabe seiner Kräfte und Möglichkeiten sich hineinstellt um des gemeinsamen Seins willen. Besonders in Jüngerengruppen kann sie den Schein des Schönen gewinnen, wenn nur wenige Betrieb machen, doch dann ist das keine gemeinsame gestaltete Fahrt mehr. Dies möchte ich die bündische Aufgabe der Fahrt nennen. Darüber binaus soll sie uns wieder zu einer echten Verbindung mit der Natur führen, und zwar in einer sehr praktischen Art wollen wir diese Beziehung neu knüpfen; wir müssen versuchen, uns in die Natur hineinzuleben, wieder eins mit ihr werden. Lernt, vor dem Naturgeschehen still zu werden, lernt, auf Fahrt allein zu gehen, ohne die Möglichkeiten betrieblicher Betäubung und dennoch, ohne, eine Leere in Euch zu ver-, spüren. Rast nicht durch die Landschaft mit dem Kilometermesser in der Hand, lernt wieder die Landschaft zu leben und zu sehen. Ganz kurz einiges über Jüngeren- und Mittlerenfahrt: Die Jüngeren, die auf Fahrt gehen, wissen noch nicht, weshalb sie dies tun sollen, sie wollen nur gern. Ihre Fahrt ist etwas Unmittelbares, auf nichts gerichtet. Vom Einzelnen wird nur gefordert, daß er sich einordnet, gehorcht, mitspielt,: schweigen kann, gerne, wenn er gebraucht wird, mit anfaßt, kurz: zu allem bereit ist. Kennzeichen einer solchen Fahrt: Zucht; Tummelei, Abenteuer und Mut. Bei der Mittlerenfahrt weiß jeder, was. an der Fahrt hängt, daß sie für den Bau des Gruppenlebens genau so wichtig wie die Heimarbeit ist. Die Forderungen der Fahrt, wie sie sie an den Jüngeren stellt, sind jetzt Selbstverständlichkeiten. Mitmachen und Einordnung genügt nicht mehr, jeder muß mit tragen helfen. Dort kann der eine oder andere mitgerissen werden, hier geht das nicht, mehr, ohne daß die Fahrt darunter leidet. Mitreißen ist aber nicht mehr möglich, da jeder die Bedeutung der Fahrt kennt, die schon soweit auf den Einzelnen und seinen direkten, persönlichen Einsatz transponiert ist, so daß! jeder aus seiner Persönlichkeit, aus Verantwortung und dem Wissen um die Gruppe heraus „Träger" sein muß. Allein darf dieser Bewußtseinsgrad nicht die Unmittelbarkeit,- das „Gewordensein" des bündischen Menschen beeinträchtigen, ja es soll und kann erst jetzt als der wichtigste Bestandteil der Fahrt erkannt werden. - Franz Rosenthal