Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 4 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 133 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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5 „Paul, was hascht denn, bischt denn verrückt?" Der Knabe schwieg, die Schwester nahm ihn bei der Hand, der Kamerad schüttelte den Kopf und sah. ihn an. Jetzt mußte er das Geheimnis erraten haben, er griff nach der anderen Hand des Jungen und hielt sie fest in der seinen. Unten im "Wohnzimmer dampfte die Suppe, die Mutter schalt: „Schrecklich ist der Bub." Paul nahm ein paar Löffel, weil der Vater mit guten, beunruhigten Augen zu ihm her sah. Paul sagte niemand, was ihm widerfahren war. Paul und der Knabe — — — vor Paul stand ein Knabe — es war nicht sein Kind--der Junge war im gleichen Alter, wie Paul, als ihn der Kuf „Jud" erreichte — — Seite 133 Dieser Junge aber war nicht verträumt. Er war schon wissend. Ihm stürzte keine Kinderwelt zusammen, er war schon am Aufbau der Zukunftswirklichkeit--er wußte um sein Judentum und maß die Möglichkeit ab, weithin und in sich selbst-- er verbrauchte keine Zeit mit Phantasien. Paul sprach zu dem Knaben: „Was willst du werden?" „Ich werde meine Kräfte messen und sehen, wo ich am brauchbarsten bin." „Wo willst du deine Kräfte brauchen?" „Das kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. — — lassen Sie mich erst was können — — dann will ich zusehen, wo ich mich am besten bewähren kann. „Neuer Wanderer, du hast das harte Licht der klaren Unerbittlichkeit über deinem jungen Haupte — —." Literarische Rundschau Die neue deutsche Hausbibel Jedem Juden, der den Wunsch hat, sein Judentum kennen zu lernen, leget wir vor allem ans Herz, die Bibel zu lesen. Wir würden ihm am liebsten das hebräische Original in die Hand geben, wenn er es nur verstände. Da dies in der Regel nicht der Fall ist, muß er sich mit einer Uebersetzung behelfen. Aber jedesmal, wenn wir nach einer solchen gefragt werden — und das geschieht immer häufiger — geraten wir in Verlegenheit. Eine christliche Uebersetzung mögen wir ihm bei aller Bewunderung für die Luther'sehe nicht empfehlen, aber welche jüdische dann? Sollen wir ihn auf Moses Mendelssohn verweisen? Seine Uebersetzung, die erste in hochdeutscher Sprache (wenn auch anfangs in hebräischen Lettern) war für die Juden, und nicht nur für die deutschen Juden, eine Tat, die sich von ferne der Tat Luthers vergleichen läßt; sie gehört der Qeschichte an, wie sie Geschichte gemacht hat. Aber Mendelssohns Uebersetzung in ein klassisches Deutsch umfaßt doch nur den Pentateuch, die Psalmen und das Hohelied — was von seinen Jüngern, den „Biuristen", stammt, 'bleibt dagegen weit zurück; zudem ist sie heute 150 Jahre alt und in vielem überholt. Also wählen wir die erst 30 Jahre alte Uebertragung der ganzen Bibel von Simon B e r n f e 1 d? Mag sie auch, nach dem Vorwort des Verfassers, sich Mendelssohn zum Muster genommen haben, sie ist weder deutsch, noch läßt sie die Kraft und die Schönheit des Urtextes ahnen. Jakob Auerbachs „Kleine Schul- und Hausbibel" (1858) mag ihrem Zweck als Schulbuch einigermaßen gedient haben, als die Hausbibel für reife Leser können wir diese etwas nüchterne Auswahl aus der Schrift nicht ansprechen. Ungleich wertvoller ist, wenn wir von Teilübersetzungen und illustrierten Prachtbibeln, wie sie früher Mode waren, absehen, die Bibelübersetzung von Sal. Herxheimer {1841—48), die sich auf die alten jüdischen Kommentare stützt und die man noch heute zu Rate ziehen sollte. Als die bisher beste, als eine rechte Hausbibel für deutsche Juden, erscheint uns noch immer die ehrwürdige, die Leopold Z u n z , der Silber u. versilbert Trauringe Brillanten auch stets Gelegenheiten Armbanduhren B armizwohg eschenke POSEN 8 POSEN SilberrchmiedeKfilSERSTR.5.nächft Roßmarkt FRANKFURT AM MAIN Altmeister der Wissensehaft des Judentums, gemeinsam mit sachkundigen Mitarbeitern, unter ihnen Mich. Sachs, 1838 herausgegeben und die mit gutem Grunde ihre 18. Auflage erlebt hat. Sie will, auf gründlicher, wissenschaftlicher Forschung fußend, in anspruchsloser Schlichtheit nichts als treue Dienerin am heiligen Original sein; und wenn wir sie durchblättern, weht uns etwas von der ehrwürdigen Frömmigkeit unseres elterlichen oder großelterlichen Hauses wohltuend an. Aber auch sie entspricht dem Bedürfnis des lebendigen Geschlechtes nicht mehr. Und der Versuch „die Schrift zu verdeutschen" von Martin B u b e r und Franz Rosenzweig? Schon diese Namen bürgen dafür, daß hier etwas Großes und Einmaliges geschaffen worden ist und, will's Gott, vollendet werden wird, nicht eine Uebersetzung bloß nach Worten und Sätzen der Schrift, sondern eine Nachschöpf ung in Form und Inhalt, eine Freilegung der Urschrift jenes Palimp- festes, zu dem aiach Bubers Wort die Bibel im Laufe der Zeiten geworden ist. Diese Uebersetzung will wie das Original selbst nicht gelesen, sondern vorgelesen, gesprochen, „gerufen" werden, damit durch Wortwahl, Satzbau und rhythmische Gliederung, auch der Prosa, der ursprüngliche Charakter des Buches bis in seine geheimnisvollen Tiefen in unserer Muttersprache neu erklinge. Sie bricht mit der „Geläufigkeit" aller früheren Uebersetzungen und scheut nicht vor kühnen und fremdartigen Wortbildungen zurück, gerade um der tiefer erfaßten Treue willen. Diese Verdeutschung wird ihren Ehrenplatz behaupten: kein Gebildeter wird an ihr vorbeigehen können, und der Kenner der Bibel sie stets mit Genuß und Gewinn befragen — aber daß sie die deutsche Hausbibel der jüdischen Familie wird, das müssen wir nach unseren bisherigen Erfahrungen leider bezweifeln: sie setzt dafür zu viel voraus. Die deutsche Bibel, auf die wir Rabbiner mit unseren Gemeinden seit langem warten, wird jetzt endlich der Oeffentlichkeit über- *) im "Verlag von J. Katiffmann, Frankfurt a. M., 429 S., geb. RM. 4.50. .[ESCHHORft Damentafchen Lederwaiga KftlSEBSTR.3