Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 4 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 132 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3094266-3094412-3094416--4420-3099213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wanderer, wohin? Aus einem noch unveröffentlichten Roman» manuskript Alfred Auerbachs bringen wir mit gütiger Erlaubnis des Autors das erste und letzte Kapitel zum Vorabdruck. Ein Knabe träumt ,.Wo steckt er wieder?" „Paul!" „Paul!!" „---Paul!!!" Paul hörte nicht, er hörte wirklich nicht, es war kein böser Wille. Er stand am Fenster und schaute auf die Straße. Die Menschen der mittleren Stadt gingen gemächlichen Trott, sie kannten keine Eile. Eine Pferdebahn trappelte durch die wenig belebte Straße, die Leute machten nicht viel Gebrauch von ihr. nur die Vorstadter stiegen mit Körben hinein und! ließen sich vom Kutscher umständlich helfen. Niemand schalt, wenn die Pause etwas lang war, bis der schlotternde Wagen sich wieder in Gang setzte. Die Sprache war schwer, wie die' Bewegung der Leute, es sah alles friedlich und behäbig aus. Der Knabe hatte ein Wort gehört, das ihm von einem Spielkamerad zugerufen worden war. Vielleicht hatte der es gar nicht so böse gemeint, aber das Wort „Du Jud" traf den Jungen wie ein Hammersehlag. Er stand betäubt und rührte sich nicht. Er hatte sich aus dem Spiel entfernt, und die Kameraden sahen ihm verwundert nach. „Der schpinnt." Die Buben lachten und setzten ihr Spiel fort. Paul stand taub und stumm oben am Fenster und starrte vor sich hin. Der Ton des Wortes fraß sich in ihn hinein. Er riß an dem kleinen Bau,, den er sich in der Stille in seinen Knabensinn errichtet hatte, und in dem Gutgläubigkeit wohnte. „Paul!" „----Paul!" Der Knabe sah auf die Straße und nahm die Bilder wahr, die sieh gemächlich formten und lösten. Frau Rechnungsrat trat in das Kolonialwarengeschäft ein. Die Glocke bimmelte und schwang eine Weile, bis sie zum Phlegma zurüekerstarrte. Die gutmütige Kaufmannsfrau ließ warten, bis sie sich zur Frage anschickte, was gefällig sei. Sie lachte immerzu und gab Paul wenn er kam, stets ein gutes Wort und ein paar Guetsle. Der .steife Herr Ingenieur Bleile, der gegenüber wohnte und stets den Zylinder auf dem langen Kopf trug, sah herüber und war verwundert, daß der sonst so zutrauliche Knabe nicht grüßte. Paul hatte ihn immer komisch gefunden und sich gefreut, wenn er den langen, feierlichen Sonderling daherstelzen sah. Paul grüßte nicht und lachte nicht im Innern. Das Bild des Lebens hatte sich durch ein einziges Wort verändert. Wie, wenn ein Strich durch eine kleine, feine, klare Hans Marcus Treuhänder und Fachberater fUr Steuer- und Devisenrecht Frankfurt a. M., Goethestr. 5 Telefon 28561 Zeichnung, die mit Liebe entworfen ist, kratzte, war des Knaben Schau verwundet. „Paul!" „--Paul!" „----Paul!" „—---. Jetzt aber---Paule!" Die Mutter, der Bruder, die Schwester riefen. Es war ja nichts geschehen. Ein Junge hatte ein Wort gesagt, er hatte es lachend gesagt — — — was war denn das? Ein Wort ist nichts, und ein Wort ist ein Hebel, der ein Weltbild aus den Fugen hebt, wenn es in eine feine Träumerseele hineingebaut ist. Türen1 gingen, Paul stand im kalten Zimmer und sah auf die Straße. „---Paul!" „Paul!!!" Er gab keine Antwort. Der kleine Otto rannte herbei. „Paule, wo bischt? Worum bischt drvoglaufe?" Paul zog sich hinter die Vorhänge zurück. Der junge gute Freund rannte die Treppen hinauf. Paul hatte das Gefühl, er müsse sich unsichtbar machen. Er zog sich in sich zusammen. Jetzt durfte er nicht zu erreichen sein. Er rannte durch die Glastüre und eilte treppaufwärts auf die „Bühne", wie man in der Stadt, wo er geboren war, den Speicher nannte. Er öffnete eine Mansarde und sah dort zum winzigen Fenster hinaus auf die Stadt, die sich friedlich und wohlig bis zu den Bergen streckte. Aus der nahen Schmiede klang Gehämmer. Wagen rollten knarrend über das holprige Pflaster, Kinderschreie klangen herauf. Die Straßen ordneten sich gutwillig und tappten die Bergwände empor, die Stiftskirche lugte aus dem Mittelpunkt der gemütliehen Stadt, Schloß und Anlagen hoben sich gegen Osten ab. Alleen und die Linien des Parks wiesen nach dem Flußtal, es war alles geordnet und säuberlich. Die Glocken schwangen über dem Bild, Paul hatte immer starkes Heimatgefühl und empfand das Werk der Landschaft und der Menschenhände als ein Wunder. Ein Riß lief jetzt durch das Gebilde. Langsam kam eine Träne über das Antlitz des Knaben. Der Himmel wölbte sich gleichgültig über das geschändete Panorama. Seine Ruhe störte nichts. Und doch mußte da Gott irgendwo wohnen. Ob er das Wort wohl vernommen hatte? Rauchfahnen wehten über die Dächer. Der Mittag lud zum Essen. Die Bläser auf dem Kirchturm stimmten ihre Weise an und gingen von einer Richtung zur andern, um zu blasen. Vom Schloßplatz kamen Militärmusiktöne und schmetterten zwischen den feierlichen Choral. Die Einheit war gestört, und Paul sinnierte über das wunderliche Gemisch. Er stützte die Hand auf das Gesims und träumte vor sich hin. Nie zuvor wäre ihm das wunderliche Klingen und Gegenklingen aufgefallen. Wenn ihn drunten, wo das Auge nur Ruhe aufnahm, die aufgescheuchte Stimmung gepeinigt hatte, hier oben beruhigte ihn der Widerstreit der Klänge, er wußte nicht warum--- „Paul." v „Paule." „Paul." Die Rufe kamen angstvoll von unten. Die Töne vom Kirchturm schwiegen und die Musik vom Schloßplatz kam in Fetzen herauf zu dem Dachfenster, lustige Tänze, Wehmut antwortete in dem Kinderherzen, ein Schrei stieg zu den Lippen. Hinter Paul stapften Schritte, er hörte sie nicht, er beugte sich aus dem kleinen Fenster. Dort unten zogen seine Kameraden heim und plauderten, vielleicht über ihn und seine Seltsamkeiten. Das Wort schnitt wieder in sein Inneres. — Er beugte sich über das Gesims--- — Eine feste Faust griff nach ihm, sein Bruder zog ihn weg. Hinter ihm standen vier Menschen. Otto hatte ihn am Fenster gesehen und den Weg seiner Flucht erraten. Der gute Kleine war käsweiß.