Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 4 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 130 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 130 arbeiten dienenden Geschäftszimmer, das Sitzungszimmer, die Kasse sind den praktischen Erfordernissen entsprechend angeordnet. -Die West-Hälfte des I. Obergeschosses wurde abgeteilt. Hier befinden sich, von einem seitlichen Treppenhaus aus zugänglich, einerseits der Männliche Arbeitsnachweis und die Berufsberatung, deren Warteraum und Büroräume durch Teilung eines sehr großen Saales geschaffen wurden, andererseits die Jüdische Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe mit einigen Biiroräumen, einem großen Warteraum und kleinen Kojen für Einzelberatungen. Im westlichen Teil des Erdgeschosses dienen eine große Werkstatt, ein kleiner Raum für Bastelzwecke und zwei Unterrichtsbezw. Aufenthaltsräume dem Tagesheim für die erv>rerbslose jüdische Jugend. In der Mitte befindet sich die Arnold Lazarus-Halle, die durch Umbau eine wesentliche Vergrößerung und eine ihrer Bestimmung gemäße würdige Ausgestaltung erfahren hat. Daran anschließend sind drei Räume fürJugendvere i n e bestimmt. Weiter befindet sich im Erdgeschoß, aus Gründen der Feuersicherheit völlig abgetrennt und mit besonderem Zugang von der Straße, die Anlernwerkstatt für Schreiner. In dem seitlichen Anbau wurde nunmehr endgültig die Jüdische Notstandsküche untergebracht. Die glatte und pünktliche Abwicklung der großen hier zu leistenden Arbeit erforderte getrennten Zu- und Ausgang, praktische Anordnung der Kartenausgabe, der Büroräume, des großen Koch- und Essenausgaberaumes und 'der Vorbereitungsräume. x Im Kellergeschoß befindet sich die Anlernwerkstatt für Schlosser. Unter zielbewußter und tatkräftiger Anleitung •wurden hier, von den Lehrlingen selbst verschiedene Arbeiten für die zweckmäßige Herachtung der Arbeitsräume ausgeführt. Neben den erforderlichen Wirtschaftsräumen ist schließlich noch iie Kleiderkammer der Jüdischen Wohlfahrtspflege untergebracht, für die ein gesonderter Zugang besteht. So ist dieses Haus ein neues Heim geworden für jüdische Sozialarbeit, das vom Keller bis zum Dach erfüllt ist vom Geist und der Tätigkeit der jüdischen Nächstenhilfe in allen ihren Zweigen. Architekt Ernst Schrägenheim Jüdische Berufsberatung und Stellenvermittlung Wer sich heute einBildvonderBerufslageder deutschen Juden machen will, verfolge den Anzeigenteil jüdischer Blätter. Leicht wird man dabei erkennen, daß es eine Anzahl von freien Stellen gibt, für die äußerst selten Bewerber auftreten und umgekehrt. Man wird dabei aber auch einen Einblick erhalten, wie hilflos oftmals Menschen unserer Zeit sind, wenn es sich darum handelt, den geeigneten Beruf für einen Jugendlichen zu finden. Die Anzeige, in der „für einen kräftigen jungen Jungen eine Lehrstelle als Konditor, Polsterer oder Elektriker gesucht wird", sollte zu denken geben. Hat man früher der Veranlagung des Einzelnen eher zu stark nachgegeben, so scheint heute mitunter das Gegenteil der Fall zu sein. Man richtet sich nur nach den vermeintlichen Aussichten in diesem oder jenem Beruf. Verständlich mag diese Auffassung sein, vielleicht auch häufig unschädlich. Sie kann aber auch zu Fehlleitungen menschlichen Könnens und zu Zeitverlust führen, wo sie das Gegenteil anstrebte. Hier einzugreifen und zu beraten, ist Aufgabe der jüdischen Berufsberatungsstellen, die über ganz Deutschland versteift und von den staatlichen" Stellen anerkannt sind. Eine solche Einrichtung hat zunächst die Frage der Berufsreife desjenigen zu untersuchen, der die Schule verlassen will. Nicht immer bietet die Vollendung des 14 Lebensjahres unbedingt die Gewähr, für die charakterliche Festigkeit, die auch eine Lehrlingstätigkeit erfordert. Körperliche Entwicklung und eine gewisse äußere Mundfertigkeit täuschen oft diese geistige JReife nur vor. Die Familie hat wenig Vergleichsmöglichkeiten. Hier muß die Berufsberatung eingreifen und helfen. Besonders ist auch die Frage, ob ein die höhere Schule besuchender Jugendlicher seine Schullaufbahn vorzeitig abbrechen soll, mit zu prüfen Zur Beratung über den geeigneten Beruf verfügen die öffentlichen Berufsämter über eine Fülle von Prüfungsmöglichkeiten. Trotzdem der jüdischen Beratung viele dieser technischen Hilfsmittel fehlen, ist sie heute doch. imstande, wenn nötig, unter Mitwirkung eines in diesen Dingen besonders erfahrenen Arztes, eine genaue Berufseignungsprüfung durchzuführen. Von höchstem Wert ist es dabei vor allem, beNif sausschIießende Mängel festzustellen. Daß Spengler, Maurer und Dachdecker schwindelfrei sein müssen, daß ein Lehrling für Stehberufe (Gärtner," Friseur) keine Plattfüße haben darf, daß für Außenberufe eine besondere gesundheitliche Festigkeit vorhanden sein muß, weiß auch der Laie: nicht allgemein bekannt dürfte es z. B, sein, daß der Gärtner einige zeichnerische Fähigkeiten haben muß, daß der Kochlehrling eine gewisse Körpergröße haben soll, u. a. Ebenso wichtig und notwendig ist eine Prüfung der gesamten geistigen Lage des Jugendlichen. Das Schulzeugnis wird dabei einen Anhaltspunkt geben. Daß der heute viel begehrte Handwerkerberuf nicht geringe geistige Anforderungen stellt, mag hier einmal erwähnt sein. Schulmüdigkeit darf nicht als besondere Berufsfreudigkeit gedeutet werden. Selbstaussagen des Berufssuchenden, wie sie entweder aus dem Lebenslauf oder aus einer eingehenden Unterhaltung hervorgehen, müssen ebenso sorgfältig abgewogen werden, wie die Beobachtungen von Angehörigen, Lehrern und Schularzt. Aus all dem, nicht zuletzt aus dem Auftreten des Jugendlichen, ergibt sich ein * Bild der Gesamtpersönlichkeit, von dem aus der Beruf und die dem entsprechende Lehrstelle zu suchen ist. Das ist die weitere, nicht immer leichte Aufgabe . einer Berufsberatung, die ja gleichzeitig ein e Arbeitsvermittlung darstellt. Es darf natürlich nicht fehlen, daß dem Berufssuchenden etwas über die spä- . teren Aussichten des gewählten Berufs in Deutschland, im Ausland, besonders in Palästina, gesagt wird, soweit darüber Genaueres feststeht. Die Berufsberatung, von deren Tätigkeit hier ein Ausschnitt gegeben wurde, ist ein Teilgebiet der gesamten Arbeit der Stelle für Berufsberatung' und Arbeitsvermittlung, die jetzt in der Königswarterstraße 24 neue Räume bezogen hat. Es sei noch erwähnt, daß ihr Bearbeitungsgebiet sich weit über Frankfurt a. M hinaus erstreckt. Der gesamte Landesarbeitsbezirk Hessen, also Hessen und Hessen-Nassau, sind eingeschlossen. Die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter, die sich' hingebungsvoll ihrer schwierigen Tätigkeit der Berufsberatung widmen, leisten trotz aller Schwierigkeiten ihre. Arbeit gern und hoffen — nicht auf Dank — wohl aber auch in diesem Jahre auf " verständnisvolle Mitarbeit aller Arbeitgeber und auf. starke Inanspruchnahme aller erstmals einen Beruf Suchenden. . ' Dr. A. Hirsch Arbeitstagung über WirtschaftshilfeQundgBerufsumschichtung Am 18. November ds. Js. versammelten sich die Vertreter der süd- und westdeutschen Beratungsstellen auf Anregung der Frankfurter Beratungsstelle für jüdische Wirtschaftshilfe zu einer Arbeitstagung in Offenbach am Main. Die Vertreter aller in Betracht kommenden Beratungsstellen, von Köln und Düsseldorf bis Stuttgart und München, waren der Einladung gefolgt. Die Berliner Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe war durch Dr. Georg Lubinski vertreten, der die Tagung leitete. Aus der Frankfurter jüdischen Sozialarbeit waren führende Persönlichkeiten und Mitarbeiter sämtlicher Organisationen und Stellen anwesend. Die lebhafte Diskussion drehte sich zunächst um die Fragen der Wirtschaftshilfe. Es wurde allseitig anerkannt, daß ein starkes Bedürfnis nach Wirtschaftshilfe in der Form der Darlehen besteht, um' Menschen, die in zeitweilige Notlage geraten sind, zu stützen. Die Möglichkeiten der jüdischen Darlehenskassen reichen für das bestehende Bedürfnis vielfach nicht aus, da die Bedingung für die -Gewährung der Darlehen-Stellung^ zweier solventer, Bürgen — oft unerfüllbar ist: Es müßten auch ung esi ch er t e D ar l eh en. gegeben werden, die zum Aufbau einer Existenz dienen. Die Mittel hierfür zu beschaffen, ist Aufgabe der Wirtschaftshilfsstellen, die aber nur durch die