Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 4 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 128 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3094266-3094412-3094416--4416-3099209- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 1× ep/1005097
OCR text
Seite 128 In ähnlicher Auffassung kannte das gesamte Heidentum einen wahren Kultus "der Lichtgestirne. Es faßte den Wechsel von Tag und Nacht, wie die Zu- und Abnahme der Tages- und .Nachtlänge als einen Kampf zwischen den Göttern des Lichts -und denen der Finsternis auf. Woiü galten sie ihm auch als die Vertreter des Guten und Bösen und als die Bringer des Glücks und des Unglücks. Ihr Kampf und ihr Sieg galten gleichzeitig in moralischer Hinsicht und bedeuteten den Kampf der Tugend mit der Sünde und den Sieg der einen über die, andere. So auch in der späteren Parsenreligion, in der Ahura mazda (Ormuzd). die Macht des Lichts und des Guten, mit Ahriman, dem Gott der Finsternis und der Macht des Bösen, im Widerstreit steht — eine Idee^ gegen die sich Jesaja in der herrlichen Apotheose der Einzigkeit Gottes mit den Worten (46, 4—7} wendet: „.... Ich, außer mir kein Gott, bilde Licht und schaffe Finsternis, mache Frieden und schaffe Uebel — Ich bin's, der all. dies macht". — Zunächst aber hatten in der antiken Weltanschauung diese Kämpfe nur physische Beziehungen. Von großer Bedeutung waren daher im Heidentum der 24. Juni und der 24. Dezember als Tage der Sommer- und Wintersonnenwende. Im Sommer, da die Tage anfingen, kürzer zu werden, hatte der Gott der Finsternis über den des Lichts gesiegt: der Gott des Lichts war tot, war überwältigt. Der Tag der Sommersonnenwende war daher eigentlich ein Trauertag; die Trauer .wich erst nach und nach der Sommerfreude. Im Winter, da. die Tage wieder länger werden, hatte der Gott des Lichte über den der Finsternis gesiegt: der Gott des Lichts war wieder geboren; so war der Tag der Wintersonnenwende ein Freudentag. . Man begreift nunmehr die Uebertragung dieser Begriffe von Kampf, Sieg, Geburt, Sterben (selbst Gottes!), Wiedergeburt (Gottes und der Menschen) auf das Christentum, wenn auch hier schließlich die Begriffe eine ethische Bedeutung erhielten. Der fortwährende (und sich stets wiederholende Naturkampf wird zum anhaltenden Kampf zwischen dem Outen .und dem Bösen, der Tugend und der Sünde in der Menschenwelt! Der 24. Juni ward im Christentum zum Geburtstag des Johannes, der untergehen mußte, damit sein Nachfolger wachse (Jöh. 3, 30), der 24. Dezember zum Geburtstag (Geburtenacht) Jesu angenommen und festgesetzt, galten doch beide als Bringer des Licht, als Kämpfer gegen Verfinsterung. Wird nun auch von christlich theologischer Seite nach dieser Richtung jeder Zusammenhang bestritten (man rechnet neun Monate vom 25. März, dem Tag der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche als dem Tag der Weltenschöpfung und der Empfängnis Jesu), so ist doch das Zusammentreffen des 25. Dezember als des ersten Weihnachtetages mit dem 25. Kislev, der in der Zeit durchaus dem Wintermonat entspricht, sehr auffallend. Noch mehr macht uns der Beginn des Festes mit der A b e n d f e i e r stutzig, da eine solche Abendvorfeier bei keinem andern christlichen Feste übHch ist. Schließlich, ist gerade das Lichtanzünden an diesem "Abend auffällig. Kommen heidnische Völker noch Jüdische Züchter unserer „Die Welt ist voll dunkler Fragen Drummuß man die Harfe schlagen." Wer in modernen Gedicht-Samnüungen zum ersten Mal Verse von Alfred Mömbert findet, wird wohl erstaunt innehalten vor der fremdartigen Kühnheit der Bilder und des Klanges. Was sonst wohl Gedichte anheimelnd und liebenswert .mächt, ist hier kaum zü finden. Kein zartes Spiel zwischen Menschen;' keine vertrauten Landschaften, keine Verklärung alltäglichen Lebens. JEüi : außerordentlicher, neuer Typ des Lyrikers ist mit Mombert auf den' PJan; getreten.*) Wer ihn verstehen will, muß die großen* GedichfcWerke geschlossen auf sich einwirken1 lassen; Diese Bücher sind nicht , Sammlungen einzelner, verschiedenster Fj-lebnis-Sphären entstammender Gedichte, die man beliebig verstellen kann: Es sind symphonische Architekturen, die einen umfassenden großen Gedanken in immer neuen Gestaltungen durchführen. *) Alfred Mombert, geboren am ft. Februar 1877 in Karlsrabe, lebt la Heidel berg. Seine Werke sind un lnsel-Verlig, Leipzig, erschienen. heutigen Tages der Niederlage des Lichtgottes bei einer Sonnenfinsternis mit Fackeln und Lichtern zu Hilfe, sind in gewissen Gegenden von November an, da die Tage stark abnehmen, Abendlichter (Martinifeuer) üblich, so haben doch diese Bräuche mit denen der christlichen Kirche nichts, gemein; doch sei In diesem Zusammenhang nicht das Fest der Kerzenweihe (Lichtmeß) am 2. Februar vergessen, genau 40 Tage nach Weihnachten, also dem Tage der Geburt des Stifters, auch Mariä Reinigung genannt (siehe 3. B. M, 12, 1—4). — Auffallend ist ferner die nahe Verwandtschaft der Namen der beiden Feste. Nennen wir das am 25. Kislev^beginnende Fest Weihefest, foezw. die damit eröffneten Tage „Tage der Weihe", d. h. der Wiedereinweihung des verunreinigten Tempels, so suchen wir vergebens nach einem triftigen Grunde für die Benennung des Geburtstages des Stifters, der zuerst am 6. Januar begangen wurde, mit „Weihnacht", und die Deutung dieses Namens?m Zusammenhang mit dem unsrigen liegt mindestens sehr nahe.*) Hermann Usener, der (nach „Religion in Geschichte und Gegenwart") diese Beziehung bestreitet, stellt bei dieser Gelegenheit fest, daß das Weihnachtsfest zum ersten Male in Rom am 25. Dezember 354 gefeiert wurde. Da müssen wir, doch unwillkürlich fragen: Und was vorher? Sollten die ersten Christen, bei der Verehrung der katholischen Kirche für die Makkabäer, nicht etwa an der überlieferten Feier dieser Glauibenshelden gehängt haben? Das Anzünden eines Lichterbaumes in Zusammenhang mit dem baumartigen Tempelleuchter zu bringen, muß aber wohl abgelehnt. werden, zumal O. Clernen in dem oben angeführten Werke diesen Lichterbaum erst von Anfang des 14. Jahrhunderte datiert. Gerade darum aber muß uns der Chanukkah-Leuchter als vom Judentum geschaffenes Symbol heilig sein. Seine Form ist von jeh jr gern der des in der Thora und im Buche der Könige geschilderten und endlich auf dem Titusbogen wiedergefundenen Bilde des heiligen Tempelleuchters nachgebildet worden. Die sieben Lichter des Tempelleuchters sieht der Prophet des Chanukkah-Sabbats, Secharjah, (freilich nicht in unserer Haftorah, sondern erst 4, 10) als „die Augen Gottes, die über die ganze Erde schweifen", die Josephus (Geschichte des jüdischen Krieges . V, 5, 5) auf die Planeten deutet, deren man nach älterer Rechnung fünf, nach späterer sieben zählte, die dereinst von den Babyloniern zu den höchsten Göttern gezählt wurden, die aber das Judentum zu Geschöpfen des Weltenherrschers, des einig einzigen Gottes, stempelte. Diesen Lichtbaum zeigt dem Künder sein Gott und ruf$ ihm zu: Nicht mit Heeresmacht, nicht mit Leibeskraft wird der Weltensieg errungen, sondern mit Meinem Geiste! Der Glaube an den Sieg des göttlichen Geistes, der Glaube an das stille, uns nicht sichtbare Wachsen des Gottesreichs inmitten alles Jammerns und Elends, das ist der Sinn unseres Chanukkah-Lichtes, unseres Chanukkah-Leuchters. *) Die alte Benennung von Weihnachten ist dies (nox) natalis V, d. i. Geburtstag (nacht), wovon das französische „noel" nnd das alt jüdische „nitei". Momberts Schaffen kreist um den innersten Kern aTier menschlichen Erkenntnis. ICH und ALL — das ist die ewig währende, ewig sich erneuernde Spannung, von der die Menschheit seit je zu großen geistigen Schöpfungen getriebenwurde: Religiönsstifter, Mystiker, Philosophen und Kühstier haben alle das Bild des Menschen im Kosmos gestalten helfen. Bei Mombert erleben wir eine ungeheure Zusammenfassung. Alles Rational-Begriffliche wird ausgeschaltet, ein gedichteter Mythos entsteht mit neuen, ungewohnten Bildern. Momberts Werk beruht auf einer genialen, durchdringenden Gesamt-Schau allen Lebens. Er knüpft bei den ältesten Schöpfungen einer frühen Menschheit an. („Bei den fernen Lerchen an Ufern, des Rheins / im Efeu nistet der Orion-Sänger / dem rauschen in den Adern, beglückt, von sechs Jahrtausenden, / Ur¬ Asiens Melodien-Ströme.") Des Dichters Werk baut sich wie eine Pyramide auf, sie bewahrt und mehrt in ihren Kammern das der Zeit langsam entschwindende Seelen-Gut der Menschheit. Mombert ist Zeit Alfred Mombert Von Herbert Fromm