Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 4 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 127 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3094266-3094412-3094416--4415-3099208- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 127 auch neue Thürflügel hinein. Dann ließ er den Altar niederreißen und einen neuen aus unbehauenen, bunten Steinen aufrichten. Am fünfundzwanzigsten des Monats Chasleu, den die Mazedonier Appelläus nennen, zündeten sie die Lichter auf dem Leuchter an, brachten auf dem Rauchopferaltar Rauehwerk dar, legten die SchaiüSrode auf dem Tische nieder und opferten zürn ersten Male auf dem neuen Altar. Es war dieß gerade derselbe Tag, an dem drei Jahre früher das Heiligthum zu einem profanen und unhefligen Aufenthalt herabgewürdigt worden war, als der Tempel nämlich von Antiochus verwüstet war, blieb er drei Jahre in diesem Zustande. Im hundertfünfundvierßigsten Jahre*), am fünfundzwanzigsten Apelläus, in der himdertdreiundfünfzigsten Olympiade, brach jenes Unglück über ihn herein, und an demselben fünfundzwanzigsten Apelläus des hundertachtundvierzigsten Jahres, in der hundertvierundfünfzigsten Olympiade, fand die Erneuerung desselben Statt. Jener Greuel der Verwüstung erfüllte die Pro- *) Der ssleucidischen Zeitrechnung — 168 v. Chr. phezeiung Dariers die vor vierhundertacht Jahren geschehen war, als der Prophet weissagte, die Macedonier würden den Tempel zerstören. Judas beging mit seinen Mitbürgern die Wiedereinrichtung der Opfer im Tempel voll festlicher Freude acht Tage lang. Nichts, was zur Verschönerung des Festes dienen konnte, ward vergessen; kost- . bare und herrliche Opfer lieferten Ueberfluß für ihr Mahl, und durch Loblieder und Psalmen erwiesen sie dem Herrn Ehre, während sie sich selbst zu freudiger Begeisterung erhoben. Da sie nach so langer Zeit gogen alles Erwarten wieder zur freien Ausübung ihres Gottesdienstes gelangt waren, versetzte sie die Erneuerung des Tempels in solche Freude, daß sie die Erneuerung acht Tage lang feierten: Dieses Fest begehen wir von Jenem Tage an bis heute und nennen es das Fest der Lichter; weil uns die freie Religionsübung ganz unerwartet wie ein Licht aufgegangen ist. Chanukkah-Licht und Chanukkah-Leuchter von J. B. Levy Im Traktat Sabbath, Folio 21b, heißt es nach Aufzählung einiger Kontroversen über das Chanukkah-Licht: „Die Rabbonon lehrten: Es ist Gebot, die Chanukkah-Lampe draußen vor die Tür eu stellen; wer in einem Obergeschoß wohnt, stelle sie vor das Fenster, das nach der Straße Hegt____ Was bedeutet das Chanukkah-Fest? Die Rabbunon lehrten: Am 25. Kislev beginnen die Tage des Ohanukkah-Festes; es sind ihrer acht, an denen man keine Trauerfeier abhalten und nicht fasten darf. Als nämlich die Griechen in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alles Oel, das im Tempel war. Nachdem die Herrscher des Hauses der Hasmonäer sich ihrer bemächtigt und sie besiegt hatten, suchte man und fand nur ein einziges mit dem Siesel des Hochpriesters versehenes Krüglein mit Oel, das nur soviel enthielt, um einen Tag zu brennen. Aber es geschah ein Wunder, und man brannte davon acht Tage. Im folgenden Jahre bestimmte man, diese Tasre mit Lob- und Dankliedern als Festtage zu feiern .____" So stellt de Talmud die Makkabäer-Kämpfe und -Siege in nach orientalischer Weise volkstümlicher und beliebter Form dar. Er bringt die Darstellung eines göttlichen Wunders als Geschichte und offenbart so seine echt jüdische Auffassung von der Geschichte Israels als ein göttliches Wunder, als die Fügung des Gottes, der Siese erringen läßt „nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch Seinen Geist". Lesen wir die ersten angeführten Worte des Talmuds über die örtliche Unterbringung der Chanukkah-Lampe, so macht diese Anordnung den Eindruck, als hätten die Rabbonon mit dem Anzünden der Ghanukkah-Lichter den profanen Zweck einer allgemeinen Illumination als Ausdruck der freudigen Stimmunsr gehabt, die das Volk beherrschte, auf daß das Wunder bekannt werde;;rfarssume* nisso". Dafür spricht auch die Anordnung, daß man die Lichter in den ersten Abendstunden anzünden solle, da der Verkehr auf den Straßen noch lebhaft sei. Und wohl erst später wurde das Anzünden der Freudenlichter zu einer religiösen Handlung, die den Temneldienst auf das Haus überträft und — ner l'chol echod w'echod — jeden Hausbewohner, jeden Israeliten zum Priester macht, der, wie der Hochpriester, einen heilisreh Leuchter entzündet." So wird dieser Leuchter eine Nachbi 1 dung des Tempelleuchters, dessentwegen dereinst dem Mosche geboten wurde: „Mache einen Leuchter von reinem Gold, in Hämmerkunst werde der Leuchter gemacht----. mache seiner Lichter sieben". Der Chanukkah-Leuchter hatte also ursprünglich wohl nicht eine neue beliebige Form, sondern war wirklich eine Nachahmung des biblischen Lichterbaum e s mit Schaft, mit Aesten, mit BTüten und Knospen, mit Kelchen und Früchten, mochte schließlich aus dem siebenarmigen heilisren Tempelleuohter auch ein achtarmiger werden, da ja das Wunder acht Tage andauerte und das Fest darum acht Tage gefeiert werden sollte. Dabei ist zu bedenken, daß man nach dem Religionsgesetz immer die ganz getreue Nachbildung — mit sieben Armen — vermied, während man den originalen Tempelleüchter — neben dem Davidschilde — Moge*n dowid — zum jüdischen Symbol erhob. Das Licht im Tempel, der Leuchter, war der sinnbildliche Träger des Lichtes, der Religion, das den Geist erleuchten und das Herz erwärmen soll, „denn eine Leuchte ist Gebot und Weisung ein Licht". In der Brust und im Hause des Matitjahu brannte dieses Licht noch fort, nachdem es, zum Teil durch eigenen Willen, in assimilatorischer Nachahmungssucht des modernen Hellenismus, zum Teil durch die heidnischen Gewalttaten in den Häusern Israels zum Erlöschen verurteilt worden war. Das Oel, die Lehre Gottes als Nahrungs- und Unterhaltungsmittel dieses Gotteslichts war durch fremde Ideen verunreinigt worden. Die religiösen Institutionen zur Erhaltung und Förderung des religiösen Lebens in Israel waren von den Feinden aufgehoben und zerstört worden. Dieses eine und einzige Licht des Matitjahu und der Seinen hielt aus, bis durch seine Kraft das religiöse Licht in den Herzen und Häusern Israels ebenfalls wieder hell leuchtete und so allmählich das ganze Volk wieder Träger des göttlichen Lichts der Religion geworden war und der Leuchter wieder in seinem früheren hellen . Strahlenlichte erglänzte. Dies bringt das „Lichteranzünden" zur Anschauung — dies das Chanukkahwunder. Die Steigerung der Lichterzahl — nach der Lehre des Hauses Hillel — ist sinnbildliche Darstellung der allmählich wieder erstandenen geistigen Erleuchtung und religiösen Begeisterung im Volke, der wachsenden Zunahme der um Matitjahu und seine tapferen Söhne sich sammelnden Religionseiferer und Kämpfer. — Die Naturreligionen der alten Völker erkannten alle in dem Lichte, zunächst dem himmlischen der Gestirne, eine göttliche Kraft .und verehrten diese, hatten darum aber auch das irdische Licht nicht etwa als Sinnbild des himmlischen in ihren Tempeln, sondern das materielle Licht war ihnen eine wirkliche, gleichbedeutende Darstellung des göttlichen — also auch hier, wie überall im Heidentum, eine Vergottung der Materie. Ein moderner indischer Philosoph, Inayat Khan, sagt über das Licht als Schöpfungsursache: ,,Das Licht, aus welchem alles Leben kommt, besteht in drei Erscheinungsformen: als Vernunft, als unwirkliches Lieht und als Licht der Sonne. Diese dreifache Erscheinungsform des einen Lichts liegt hinter der Lehre von der Dreieinigkeit und hinter der „Trimurti", die vor dem Christentum unter den Hindus längst bestand und auf. die drei. Erscheinungsformen des Einen hinzeigt..... Alle die Myriaden Farben im Weltall sind nur die verschiedenen Grade und Schatten des Lichts, dieses Schöpfers aller Elemente, welcher den Himmel so schön mit der Sonne, dem Mond, den Planeten und Sternen geschmückt hat; welcher Land und Wasser gemacht mit all den" Schönheiten der modernen Sphären, an; einigen Stellen dunkel, ah anderen hell, was der Mensch Licht und Schatten genannt hat." Die Sonne, der Mond, die Planeten und die Sterne, das Leuchten der Elektrizität, das Licht des Gases, der Lampe, der Kerze, der Kohle oder des Holzes — alle deuten auf die Sonne hin. Licht ist die eine und einzige Quelle und die Ursache der ganzen - Schöpfung." „Gott ist das Licht des Himmels und der Erde" (Koran).