Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 3 (11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 114 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094412-3094415--4397-3099189- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 1U Wissende, um Aufschluß über jüdische Gebräuche und Feste. — Von befreundeter christlicher Seite drängte sich dabei zuweilen die Sorge um das ewige Heil ihrer Seele an sie heran, in bester Absicht zwar, aber doch das feinempfindende Mädchen tief verletzend. Solche Gespräche verstärkten sie nur in ihrer Verwurzelung in ihrer Väterreligion. Als sie ihrem Lehrer einmal von diesen peinliehen Unterhaltungen erzählte, machte derselbe ihr den Vorschlag, die wichtigsten Grund- und Unterscheidungslehren des Judentums darzustellen, zur eigenen Klärung und Befestigung, wie auch zur Abwehr und Verständigung. Mit flammendem Eifer ging sie auf diese Anregung ein; und so entstanden diese „Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judentums". Voll ehrfürchtiger Ergriffenheit lesen wir diese Briefe, in denen die höchsten Wahrheiten unserer Religion fast naiv, im schwärmerischen Stil jener Tage, vorgetragen werden. Umso überzeugender, anziehender und reizvoller ist ihre Wirkung. In der Einleitung zu den Briefen sagt die kaum achtzehnjährige Verfasserin: „Die Menschen haben sich gegen Juden und Judentum----seit Jahrhunderten mit Haß und Vorurteilen erfüllt, ohne dazu einen wahren Grund zu haben. Einen Scheingrund na«h dem anderen haben sie hervorgesucht, um unsere Religion zu verunglimpfen und ihre Berechtigung zu beinträchtigen, aber es ist ihnen nicht gelungen, denn sie steht aufrecht und unerschütterlich da in ihrer ganzen Wahrheit, ein Panier, um welches einst alle.Völker sich scharen sollen, denn: Ein Tag wird kommen, wo durch sie alle Nationen vereint zum wahren einzigen Gotte gelangen werden." In den folgenden Briefen spricht sie weiter vom Missionswesen, vom alleinseligmachenden Glauben, von der Erbsünde, von der Versöhnung, lehre, von der Messiaslehre, der Erwählung Israels, der Liebe und Gerechtigkeit im Judentum; und der letzte Brief, wohl kurz vor ihrem Tode geschrieben, heißt „Gott unser Vater" und handelt vom Sterben. Wie tief dieses junge Menschenkind in den wahren Geist unserer Religion eingedrungen ist, zeigt besonders der achte Brief „Liebe und Gerechtigkeit im Judentum". Es heißt darin unter anderem: „Du sagst, beste Freundin, Du hättest geglaubt, die Liebe sei erst mit dem Christentum in die Welt gekommen, das Judentum aber sei eine Religion der Gerechtigkeit, und der Ewige, unser Gott, sei nur ein strenger Gott, das Recht ohne Liebe ausübend. — Wie irrst Du doch hier, meine gute Ellen! Unser Gott ist die Liebe selbst, der Urquell-aller Liebe, also muß auch unser Verhältnis zu ihm innig sein, so wie sein Verhalten gegen uns von der innigsten Liebe beseelt ist. Mit der Liebe zu Gott ist dann die Liebe des Nächsten unzertrennlich verbunden, da wir das hingebende, das innige Gefühl, welches' wir für Gott empfinden, auf unsere Nebenmenschen übertragen sollen. — Der Alliebende umfaßt die ganze" Menschheit. — Das vermögen wir freilich nicht, da wir nur mit einem sehr kleinen Teil der Menschen in Verbindung treten, allein wir können doch insofern dem Maße der göttlichen Liebe näherkommen, daß auch wir unserer Liebe keine Grenzen setzen durch unseren Willen, wodurch in dem Kreise unserer möglichst ausgedehnten Liebe jeder Unterschied der Religion, des Standes, der Abstammung von selbst wegfällt. Unsere Schriften enthalten ja so vielfache Sprüche, die uns ausdrücklich das Gebot auferlegen, unseren Feinden wohlzutun, sie zu kleiden, zu ernähren und ihnen stets Gutes für Böses zu vergelten..... Eines der vorzüglichsten Gebote, das Gott den Kindern Israels wiederholt einschärfte, ist, den „Fremdling" zu lieben. Wir sollen ihn seine verlassene Lage nicht fühlen lassen, er soll daher freundlich unter uns wohnen, den Genuß der Freude und der Wohltätigkeit gleichmäßig teilen; wir sollen ihm in der Not helfen, alles Böse von ihm fernhalten, mit einem Wort, ihn lieben wie uns selbst ( 3. B. M. 19, 34), das heißt, als unseren menschlichen Bruder, und ihn stets so behandeln, wie wir behandelt sein möchten, wenn wir uns an seiner Stelle befänden." Und nun noch das Schlußwort des letzten Briefes: „Wie glücklich, wie selig wäre ich, wenn ich mit Bestimmtheit wüßte", daß, ich Dich durch meine Worte von der unendlichen, allumfassenden Liebe des „Gottes Israels" durchdrungen und versichert hätte! Er ist ja auch Dein Gott und Vater, denn es gibt nur Einen Schöpfer, Einen allwaltenden Gott, wie Er selbst im Munde des Propheten Malachi von sich sagen läßt: „Haben wir nicht alle Einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen?" (Malachi 2, 10). Ella Seligmann Lernzeit des jüdifchen Frauenbundes in Bad Nauheim vom Der Jüdische Frauenbund verband seine diesjährige Gesamtvorstandssitzung mit einer zweitägigen L e r n z e i t, die die Mittelstelle für Erwachsenenbildung unter Leitung von Professor Bube r und Dr. Ernst Simon zu einer wirklichen Grundlage zur Weiterbildung jüdischen Wissensstoffes zu gestalten vermochten. Etwa 80 Frauen aus allen Teilen Deutschlands nahmen teil. Bedenkt man, wie viele dieser Frauen mit Sorgen eigenen und fremden Schicksals beladen nach dort gekommen sein mögen, und doch in intensiver Aufmerksamkeit sich in die nicht ganz leichte 'Materie einzuleben suchten, die die Herren Dozenten den Frauen vorsetzten, dann kann man den unschätzbaren Wert dieser Lernzeit erfassen. Professor Buber wählte „Das Deboralied", „Gebet der Hanna" und den „Spruch der Frau aus Thekoa" als Texte und verstand 4.-6. Oktober 1934 meisterhaft, das biblische Wort in seiner Unantastbarkeit den Hörerinnen zum Verständnis zu bringen; gleichzeitig die Tiefe und die Bedeutung, jedes Wortes und jedes Gedankens, als Quelle ernsten Nachsinnens zu erläutern, und zu erschließen. Dr. Ernst Simon sprach über das „Jüdische Gesetz", über den Aufbau der Lehre und die daraus gezogene Halacha und ihre Kodifikation; über die Decisonen und ihre Bedeutung, mit besonderem Hinweis auf die Stellung der Frau im Judentum, Eherecht und Ehegesetze. Die ungemein fesselnde und lebendige Vortragsweise machte die Lemzeit zu einem ganz starken und nachhaltigen Erlebnis für die Zuhörerinnen. Der gemeinsame Freitagabend, vom Israelitischen Frauenheim in Nauheim zu einem wirklich festlichen gestaltet, fügte sich wie selbstverständlich in die von jüdischem Geist erfüllte Atmosphäre ein und wurde gekrönt durch die Verlesung verschiedener Psalmen in der Buber-Rosenzweigschen Ueberseizunj»; u<JÖicÄ4 >RZELLAN-BÄR I