Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 3 (11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 113 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Jüdische bildende Künstlerinnen der Gegenwart II. Martha Friedländer-Lewenz — Lotte Laserstein Man kann nicht umhin, bei der Erörterung weiblichen Künstertums auch gelegentlich einem außerkünstlerischen Gesichtspunkt Rechnung zu tragen, der beim schaffenden Manne nur in den seltensten Fällen von Bedeutung ist: es ist die letzte Entscheidung zwischen Leben und Schaffen, vor die sich weibliche Künstler oft in ganz anderer Weise gestellt sehen als männliche. Im dritten Akt von „Hoffmanns Erzählungen", in der Gestalt der Antonia, die so qualvoll zwischen ihrem Anspruch auf Lebensglück und ihrer inneren Verpflichtung zur »Kunst hin und hergezerrt wird, ist ja diese besondere Tragik weiblichen Künstlertums aufs Eindringlichste symbolisiert. Mit weit weniger Pathos aber deshalb nicht weniger ernst und hart sehen wir heute Frauen, die sich schicksalsmäßig dem Leben mit seinen mannigfaltigen Anforderungen verschrieben haben, um ihr Recht auf Schaffendürfen, um ihre zweite Liebe, ihre Kunst, ringen. Daß für die jüdische bildende Künstlerin diese an sich schon bestehende Problematik heute besonders verschärft ist, bedarf keiner weiteren Ausführung; man braucht auch nur an die banale aber entscheidende Schwierigkeit ■der Erhaltung eines eigenen Atelierraumes bei etwaiger gleichzeitiger Berufstätigkeit des Gatten zu denken. Martha Friedländer-Lewenz gehört zu den Künstlerinnen, die ihre Kunst erst in mühsamem Kampf mit Vorurteil, Alltag, Pflichten dem Leben abringen mußten. Sie war bereits Mutter von vier Kindern, als sie während des Krieges ernsthaft anfing, künstlerisch zu arbeiten. Was in diesen beiden Jahrzehnten entstand, ist eine in vielfacher Weise imponierende Leistung. Ueberall wo die Natur sich reichquellend, voll und strahlend zeigt, ist sie in ihrem Element, von solchen Eindrücken her strömen ihr die Bildideen zu. Sie ist sogar in besonderem Maße davon abhängig, d. h., ihre Kunst kann an Atelierluft garnicht recht gedeihen. So steht Vollkommenes oft neben nicht Bewältigtem in ihrem Gesamtwerk. Nur nebenbei ist sie auch eine gute Porträtistin. Ihr Eigenton aber klingt immer da auf, wo sich des Lebens Ueberfluß überwältigend zeigt: rotbäckige stämmige Bauernkinder können es sein oder schwerhängende leuchtende Blütenzweige,auch helle sich frei breitende Landschaften, oder auch etwas, das zwischen eigentlicher Landschaft und Stilleben, bloß ein leuchtendes Eckchen Welt ist. Ferner gelingt ihr das von nur Wenigen beherrschte Gebiet der Architekturmalerei besonders ausgezeichnet. Es ist sogar anzunehmen, daß die Kunstgeschichte sie einmal auf dieses Spezialgebiet festlegen wird. Wer ihr im Berliner alten Westen gelegenes Atelier einmal gesehen hat, einen Ableger des von dem jüdischen Schinkelschüler Hitzig um 1860 erbauten Familienstammsitzes, wird das besonders sinnvoll finden. Denn hier ist eine der seltenen Stellen der immer physiognomieloser werdenden Großstadt, die noch „Gesicht" hat und wo man sich gut vorstellen kann, wie ständiges sich Vertiefen in die rhythmisch abgewogene, zurückhaltende und doch im eigentlichen Sinne „ansprechende" Architektur immer neue Impulse zur Gestaltung im Bilde gibt. — Ihre farbenfrohe Malerei ist am besten von ihrem persönlichen Bekenntnis aus zu verstehen: „wenn meine Bilder von den Wänden herab nicht hallelujah singen, dann bin ich künstlerisch noch nicht da, wo ich sein möchte." Ein paar biblische Scenen, darunter Judithdarstelhingen, zeigen im übrigen die Reichweite dieses immer wieder aufs Neue tapfer erkämpften Schaffens. i In manchen Zügen, z. B. in dem romantisch-biedermeierischen Einschlag .berührt sich diese Künstlerin mit der von vornherein Wenn Dein Herz den Mass der Menschen spürt, beschäme sie durch Deine Gute. Arthur Pfungst unter glücklicheren Bedingungen schaffenden noch jungen Lotte Laserstein, deren Bilder bei der Londoner Ausstellung jüdischer Künstler als besonders qualitätvoll auffielen. In der Hauptsache aber ist diese Malerin eine überzeugte Realistin, die sich mit immer neuer Verliebtheit und einer an Leibi erinnernden Treue der Anschauung in die verschiedensten Motive zu versenken weiß. Porträts, weibliche Akte, kraftvolle Arbeitsscenen, aus denen Erdgeruch strömt, großfigurige Kompositionen, Tiere — überall zeigt sich nicht nur die Sicherheit, die das Durchmachen einer guten Schule verleiht — Lotte Laserstein ist Meisterschülerin, des bekannten jüdischen Akademieprofessors Erich Wolfsfeld —, sondern in dem oft kühnen originellen Aufbau auch viel selbständige, selbstbewußte Kraft, die in ihren Selbstbildnissen in sympatischer Weise zum Ausdruck kommt und sie im übrigen auch befähigt, einen Kreis von Schülern anzuregen und weiterzubringen. Dr. Margot Riesa Ein vergessenes Buch Briefe von Clementine von Rothschild In diesen schweren Tagen, die wir durchleben, die aber, für so Viele, stärkere Verwurzelung im Judentum bedeuten, ist eine Sehnsucht in uns erwacht, der ältesten Urkunde unserer Religion nachzuspüren, aus ihr Gottvertrauen und neuen Lebensmut zu gewinnen. — Da kam mir ein kleines vergilbtes Büchlein in die Hände, das zutiefst erfüllt ist von Wissen um unsere Väterreligion und von heißester Liebe zu ihr. Von diesem Büchlein und seiner Verfasserin sei hier erzählt. Ein ganz feines, zartes Frauenbild steigt vor uns auf, wie mit dem Pastellstift des Malers gezeichnet. Eine Mädchenblume, lieblich erblüht und schnell verwelkt und unendlich betrauert von allen, die die kurze Wegstrecke ihres Lebens mit ihr schreiten durften. Ein behütetes, sorgsam gepflegtes Menschenkind, das aber den Keim des Todes frühzeitig in sich trug und im blühenden Alter von zwanzig Jahren von dieser Erde scheiden mußte. Freiin Clementine v. Rothschild (1845—1865), Tochter von Mayer Carl und Louise von Rothschild. Hier, in unserer Vaterstadt, auf den Höhen des Lebens geboren und doch um allen Jammer dieses Daseins wissend. Erfüllt von unendlicher Liebe zur ganzen Menschheit und von ihrer frühen Jugend an nachsinnend, wie sie dereinst, selbständig geworden, ihre reichen Mittel für die Enterbten der Gesellschaft verwenden könne; denn nur in tätiger Menschenliebe fand sie den Sinn des Reichtums. Von diesem selten begnadeten Wesen wissen wir durch ihren Lehrer, den Frankfurter Rabbiner Dr. Leopold Stein, den Herausgeber der von ihr verfaßten „Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judentums". Zu diesen Aufsätzen in Briefform hat der Lehrer seine früh verblichene Schülerin in weiser Erkenntnis angeregt, daß er ihre Gedanken durch Vertiefung in religiöse Fragen von ihren körperlichen Leiden ablenken könne. Er hatte die tiefe Innerlichkeit und den religiösen Eifer seiner Schülerin erkannt. Und er hat ihr durch die Herausgabe dieser Briefe, zu denen er ein biographisches Vorwort schrieb, ein edles Denkmal gesetzt. Bei ihrer vielfachen Berührung mit gebildeten christlichen Familien bildete oft die Religion mit deren charakteristischen7 Lehren und Formen das Thema der Unterhaltung. Man bat sie, die