Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 3 (11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 92 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 92 §ie tiä$jie Hummer erfrf)einf an 30: Marter ^nna^mepup für Stoselaen♦ MommmW . . . 23. floöenrter 23. HoDem&er Ein Liederabend Die Frankfurter Altistin Annelise Bender gab im Trausaal der Westend-Synagoge einen Lieder- und Arien-Abend, der ihr Aufmerksamkeit und Anerkennung einer zahlreichen Hörerschaft eintrug. Bas Programm brachte eine bunte Folge von Kompositionen aus dem Bereich der deutschen Romantik (bis aur unsere Tage) und der italienischen Oper, erfreulicherweise auch so manches Unbekannte der bekannten Meister (Mendelssohn, Schumann, Hugo Wolf, Zilcher). Annelise Bender singt mit viel Empfindung; leider haftet sie noch immer stark am Notenbild (wohl mehr aus Befangenheit als aus Unsicherheit), und die Textaussprache läßt dadurch an Klarheit zu wünschen übrig. Die Stimme hat dm ganzen guten Klang; sehr schönen warmen Tönen in allen Lagen stehen allerdings mitunter andere, wenig sonore gegenüber. Die Intensität des Ausdrucks, die der Konzertgeberin Sympathieen sichert, kam besonders vorteilhaft bei der innigen ,jDgnon"-Vertonung Hugo Wolfs zur Geltung; auch die große Rezia-Arie aus Webers „Oberon" wurde plastisch und kraftvoll, trotz gelegentlich hörbarer Forcierung, erfaßt. Dr. WallySalom o n war auch an einem Instrument, das nicht gerade zur Flügel- Elite zählte, der stilsichere Begleiter, der auch den pianistischen Zwischen- und Nachspielen Bedeutung zu geben wußte, g.seh. Schönberg-Feier im Kulturbund Der Kulturbund Rhein-Main eröffnete die neue Spielzeit mit einem Konzerte zu Ehren des 60. Geburtstages von Arnold Schönberg. Er löste damit eine Verpflichtung ein, die gegenüber dem größten schöpferischen Musiker, den das Judentum in der Gegenwart der Welt schenkte, eine Selbstverständlichkeit bedeutet. Das innere Gewicht, das somit der Veranstaltung von vornherein gegeben war, wird auch nicht durch die Tatsache herabgemindert, daß nur ein kleiner Kreis von Musikfreunden sich bereit fand, der Feier beizuwohnen. Das Problem Schönberg kann nicht mit ein paar flüchtigen Bemerkungen abgetan werden. Die überragende Stellung des Komponisten innerhalb der modernen Musik, die Ehrfurcht vor der Persönlichkeit eines Sehaffenden, der durch die unerbittliche Folgerichtigkeit seines Werkes den. Leidensweg eines wahren Märtyrers durchmessen mußte, verbieten eine oberflächliche Stellungnahme. Es sei deshalb lediglich als persönliche Beobachtung aufgefaßt, wenn wir anläßlich der erneuten Begegnung mit ßchönbergs Musik meinen, daß die Zeit nicht für, sondern gegen den Meister arbeitet. Abseitiges hat für uns heute weniger Geltung als je. Und es ist doch wohl so, daß selbst jetzt noch der Laie überhaupt nichts mit dem späten, also dem eigentlichen Schönberg anzufangen weiß, und daß unter den Fachmusikern nur ein winziger Bruchteil dazu eine Beziehung zu finden vermag. Diese Feststellung besagt, natürlich nichts gegen den absoluten Wert von Schönbergs Werk. Wir halten uns nicht befugt, zu urteilen, ob diese abstrakte Klangwelt eine Verirrung oder eine geniale Tat darstellt. Erst die Geschichte wird darüber entscheiden. Aber wir dürfen und müssen uns das Recht nehmen, es auszusprechen, daß unsere heutige Situation nicht einer individualistisch eingestellten, sondern einer gemeinschaftsbildenden Kunst bedarf. § 9 § Von diesen allgemeinen Erwägungen wird natürlich das spezielle Verdienst unseres Konzertabends, dessen außerordentlich hohes künstlerisches Niveau für den Leistungswillen des Kulturbundes ehrendes Zeugnis ablegte, in keiner Weise berührt. Die aus Früh- und Spätwerken Schönbergs geschickt ausgewählte Vortragsfolge war instruktiv und abwechslungsreich. Mit Recht stellte man das Klavierwerk in den Mittelpunkt. iEs ist besonders geeignet, Aufschluß über den Entwicklungsgang (Schönbergs zu geben, da dieser die neuen Ideen seiner Schaffensweise fast stets an der kleinen Form des Klavierstücks ausprobierte. In die vergrübelten Expressionen des op. 23 fiel die Einfühlung besonders schwer, während die mehr impressionistischen Skizzen des op. 19 (nicht 9) und in die, wie uns schien, kompakteren, dem Ohre greifbareren Stücke aus der jüngsten Epoche relativ leichter Zugang fanden. Für die Art, wie Erich Itpr Kahn, ein gern gesehener Gast, die schwierige Materie pianistisch und geistig meisterte, ist kein Wort des Lobes zu hoch. Er bewährte sich sowonl als Solist wie als hervorragender Begleiter der Gesänge, die in Erika S t o r m eine intelligente, gesanglich und musikalisch gleich beschlagene Vermittlerin fanden. Die Sängerin errang mit ihrer etwas herben, aber wohlgebildeten Stimme den Stücken aus den frühen „Gurreliedern" einen vollen Publikumserfolg. Sie wußte auch der seltsamen Lyrik des „Buches der hängenden Gärten", in der Schömberg mit dem geistesverwandten Stefan George eine kongeniale Verbindung eingegangen hat, Eindruck iu sichern. Den Beschluß bildeten Teile des Streichquartetts d-moll op. 7, jenes Meisterwerkes klassischer Prägung, das selbst bei Schönbergs Gegnern stest Anerkennung gefunden hat. Das neugebildete Kulturbundquartett (Hans Bassermann, Ernst Drucker, Richard Karp, Felix R. Mendelssohn), gab hierbei eine überzeugende, bei der Kürze der Vorbereitungszeit erstaunliche Probe seines Könnens. Von einer Spielgemeinschaft, die schon jetzt Schönberg in einer solchen Verdichtung und klanglichen Entmaterialisierung wiederzugeben vermag, ist Großes zu erwarten. Dr. E. Beethoven-Abend des Kulturbund-Orchesters Alle Kreise der Frankfurter Judenheit werden Genugtuung darüber empfinden, daß das Orchester des Kulturbundes auch in der neuen Spielzeit erhalten werden konnte. Die erfreuliche Tatsache, daß damit einer Reihe qualifizierter Musiker auch weiterhin Arbeit und Verdienst gesichert werden, verbindet sich so mit dem Interesse eines Publikums, das auf den Genuß sinfonischer Musik nicht gerne verzichten will. Der Leistungsstand des Orchesters vermochte sieh nicht nur zu behaupten, er ist, wie wir feststellten, im weiteren Anstieg begriffen. Zwar ließ sich der Abstand der Bläsergruppe vom Streichkörper begreiflicherweise noch nicht überbrücken. Aber auch Im Holz und Blech wird trotz mancher Uuzulänglichkeit eine Festigung des Könnens bemerkbar. Offenkundig ist der Zuwachs an Klang und Präzision bei den Streichern. Restlos erhalten hat sich der gute Geist freudiger und hingebungsvoller Zusammenarbeit zwischen dem Dirigenten und seiner Gefolgschaft. Man erfreut sieh nach wie vor eines Musizierens, bei dem jeder Einzelne, fernab von „Routine", mit vollem Einsatz sein Bestes gibt. Das erste Konzert war auf Beethoven abgestellt und zwar auf den Beethoven der mittleren Schaffensepoche. Die Einheitlichkeit des Programms wurde keineswegs zur Einförmigkeit, da die Werke ganz verschiedenartige Haltung aufzuweisen hatten. Die Coriolan-Ouvertüre begann, sorgfältig ausgeformt in allen Einzelheiten, plastisch in der Figuration des Hauptthemas, geweitet im ausgreifenden Melos des Seitensatzes, großlimg in der Zusammenfassung. Und doch will uns scheinen, als ob nicht das Letzte an gesammelter dramatischer Energie, die gerade hier niedergelegt ist und gewiß auch in der Absicht Steinbergs lag, aus dem Orchester herausgeholt werden konnte. (Unserer Besprechung liegt die 3. Aufführung zugrunde.) Wesentlich eindrucksvoller geriet die IV. Symphonie, die mit ihrem heiteren Grundakzent nicht die Fülle des Klanges und der-Spannung verlangt wie jene Ouvertüre. Steinberg konnte sieh an diesem unsagbar . klaren und durchsichtigen Werke mit hinreißender Lebendigkeit ausmusizieren und sich zu einer Freiheit der Gestaltung aufschwingen, wie sie nur großen Orchesterführern gegeben ist. Freilieh läßt sieh auch eine Auffassung denken, die, weniger dynamisch ausladend und kraftbetont, mehr die musikantisch-spielerischen Tendenzen sich auswirken läßt. Es müßte gerade in diesem relativ kleinen und daher für Beethoven akustisch schwierigen Saale und mit diesem im Verhältnis zu den gewohnten Sinfonie-Orchestern nicht sehr stark besetzten Klangkörper reizvoll erscheinen, die IV. Symphonie auf das Kammermusiikalische, Unpathetische hin anzulegen: ein Versuch, der durchaus .im Bereiche dieser Partitur liegt.