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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-11-01 · 3 (11.1934) · p. Seite 88

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
3 (11.1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 88 (sequence 10)
Language
German
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Seite 88 DasSdtriftwort Auffassung von der Aktivität des Menschen, von der Notwendigkeit seiner bewußten und gewollten Mitwirkung an dem Bau des Gottesreiches auf Erden. Im Gewände mystischer Dichtung birgt sich hier die Lehre von der Untrennbarkeit des Göttlichen und Weltlichen, und daß nicht nur das Göttliche den Menschen beeinflußt, sondern daß der Mensch auch Kraft ausstrahlt für das Werden des Göttlichen. In dem Midrasch findet sich eine bisher noch nicht genannte Bemerkung: „Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Michael: warum hast du also getan meinem erstgeborenem Sohn? Er antwortete: zu deiner Ehre habe ich es getan. Sprach Gott: von nun ab sollst du über ihn und seinen Samen bis ans Ende :aller Geschlechter gesetzt sein als Schützer." Was heißt das, Michael sagt, er habe zu Gottes Ehre mit Jakob gekämpft und ihn berührt, daß sein Bein schwach ward? Es kann heißen: Gottes ist die Ehre, wenn Jakob sich vor Esau nicht mehr fürchtet'; es kann heißen: damit Jakob, damit der Mensch nicht übermütig auf seine Kraft allein baut, durfte er nicht unversehrt aus dem Kampf hervorgehen. Midrasch ist nicht immer nur eindeutig, und dem Wort der Alten muß man nachsinnen, und je mehr man nachsinnt, um so selbständigeres Leben gewinnt es im Nachdenkenden. Wie immer es zu verstehen sei, unverrückbar bleibt die Tröstung, daß seit jenem Kampf Michael als Schützer bestellt ist für Jakobs Samen.. Die Juden im Urteil und in der Darstellung Wilhelm Raabes von Dr. Siegmund Hirsch ^Unsere Könige waren Hirten in den Zeiten der Ehren. Aber die Herden weideten unter den Palmenbäumen — die Sonne des Herrn leuchtete, das Land unserer Väter duftete nach Myrrhen und Weihrauch. Sie waren große Krieger in glänzenden Panzern und schlugen Schlachten — sie fürchteten niemand — sie waren tapferer als irgendein Heerfürst. — Der Herr Gott, der Gott unserer Väter, ist unser Schutz von der Welt Anfang an. Er wird seine Hand über uns halten, wie er sie seit fünftausend Jahren über sein armes Volk in der Prüfung gehalten hat. Wir sind dem Herrn zu Ehren noch immer da." So stolz, so fromm und tröstend läßt Wilhelm Baabe eine arme jüdische Greisin in der Stunde schlimmster Not zu ihrer Enkelin sprechen. Wilhelm Raabe, der von allen großen Erzählern deutsches Wesen am reinsten verkörpert, der deutsche Geschichte, deutsches Menschentum am tiefsten gestaltet hat, er hat auch jüdische Art liebevoll gesehen und warmherzig und wahrhaftzugleich dargestellt. Sechzig Jahre sind jetzt vergangen, seit die beiden Erzählungen mit den schönsten jüdischen Gestalten geschaffen wurden: Höxter und Corvey und Frau Salome. Am 15. November ist der Todestag Wilhelm Raabes. So können wir an stillen Leseabenden dieses Monats Dank mit Erinnerung verbinden und können uns an der inneren Freiheit, an der Güte des lächelnden Weisen aufrichten, wenn wir aus seinen Geschichten das Bild jüdischer Menschen und jüdischer Gesinnung vor uns erstehen lassen. Und wenn das recht viele dazu führt, tiefer in Raabes Gesamtwerk einzudringen, so setzen wir damit nur das fort, was der Dichter 1903 in einem Brief geschrielen hat: „Juden haben in meinem Leben immer mit zu meinen besten Freunden und verständnisvollsten Lesern gehört und daran hat sich bis heute nichts 'geändert." — Höxter und Corvey anno 1678! Eine ausgehungerte, lange von einer französischen Besatzung gequälte, zu Elend und Wut getriebene Bürgerschaft — heftige Kämpfe zwischen Katholiken und Lutheranern — die Entladung allen Grimms in einem wüsten Ansturm des Pöbels auf die Juden, aber auch das Eintreten trefflicher christlicher Männer für die Bedrängten und Mißhandelten! Aus der kleinen Zahl der Juden hebt der Dichter mit Teilnahme und Liebe ein altes Weibchen heraus, „unter dem Namen Kröppel- Leah dem Pöbel wohlbekannt, doch hoch angesehen bei ihren Glaubensgenossen." Der Dichter läßt uns fühlen, daß er diese Wertschätzung mitempfindet: wenn die Greisin heranhumpelt, keuchend unter einem schweren Bündel, so bietet sie einen Anblick nicht gewöhnlicher Art; sie ist „wegmatt, zeitmatt, kriegszerzaust und kriegerisch, ja kriegerisch unter ihrem Packen trotz ihrem Alter und ihrer Müdigkeit anzuschauen." Würdig antwortet sie einem betagten Benediktinermönch, der auch auf die Weserfähre wartet und voll Freundlichkeit zu der „Mutter" spricht. Ihm erzählt sie auch, daß sie in dem armseligen Bündel die hinterlassene Habe ihres Schwestersohnes, von dessen Sterbelager sie kommt, heim nach Höxter bringen will. Mit - gierigen Blicken auf den Sack der Alten und mit leise gemurmelten Schimpfworten rudert der rohe Fährmann die Insassen des Kahnes über den Strom. Die Greisin geht nach Hause; sie ahnt nicht, was während ihrer Abwesenheit in ihrem Heim geschehen ist. Die Haustüre ist aus den Angeln gerissen, der größte Teil der Fensterscheiben zertrümmert, alles Gerät zerschlagen, die Wände sind besudelt. So haben die 50 Kriegsmänner gehaust, die bis zu ihrem Abmarsch hier ihr Quartier gehabt haben. Aber das Allerschlimmste ist beim Eintreffen der Greisin schon wieder beseitigt; denn gleich nach dem Abzug der Musketiere hat sich ein kleines Mädchsn von vierzehn Jahren eingefunden und hat eine Weile starr mit gefalteten Händen und unterdrücktem Schluchzen, dann laut weinend vor der Wüstenei dagestanden. Es ist der Greisin letzte Enkelin. Wunderbare Worte findet Wilhelm Raabe für das kleine jüdische Mädchen und für sein ererbtes stilles Heldentum. Das Kind hat sich in den letzten wilden Wochen verborgen gehalten, jetzt ist es wieder da und weint „auf den Trümmern des Hauses seiner Großmutter geradeso laut und bitterlich wie weiland der Prophet Jeremias auf den Trümmern der großen Stadt Jerusalem." Doch das Mädchen rafft sich aus seinem Schmerz auf, denn, wie Wilhelm Raabe sagt: „Es war eben auch ein Sprößling jenes tapfersten aller Völker, das sich auf jedem Brandschutt seines Glückes schier noch hartnäckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern wieder anzuheften wußte." Bei den armen hilfsbereiten Glaubensgenossen leiht sich das Kind ein Lämpchen und einen Besen und reinigt das Haus; um Mitternacht DEUTSCHE EFFECTEN«UND WECHSEUBANK Konstabier Wache Allerhelligenstrasse S9 Osthafen Hanauerlandstrasse 125 Bockenheim Leipzigerstrasse 50 vormals L A. Hahn — gegründet 1821 — Akt.-Ges. seit 1872 FRANKFURT AM NA IN Kaisersfrasse 30 Individuelle Beratung Auch in den Städten: Höchst a. M. Dalbergstrasse 3 Offenbach a. M. Frankfurtersfrasse 54

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