Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 3 (11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 87 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 87 luhg aufging — „und es schien ihm die Sonne (1. M. 32, 32), d. h. sie schien, ihn zu heilen" — so ergeht an Jakobs Samen die Verheißung: „Euch aber strahlt auf, Fürchtige meines Namens, die Sonne der Bewahrheitung, an ihren Flügeln die Heilung." (Maleachi 3, 20). Wer war, der mit Jakob rang? Zwei Antworten sind zu finden. Eine sagt: es war der Schutzgeist Esaus (nach der Vorstellung der Alten hatte jeder Mensch und jedes Volk seinen himmlischen Schutzgeist, der behütet und begleitet). Dann aber müßte dem Namen Israel eine anders gefärbte Deutung zu eigen sein. Dann müßte elohim in dem Sinne genommen werden, in dem es gelegentlich auch in der Bibel verstanden wird; die Bibel läßt die Heiden von ihrem Denken aus ihre Götter, die für uns Ungötter sind, auch elohim nennen, sie nennt sie selbst so, wenn sie von ihnen redet. Dann wäre der Sinn des Namens Jisrael: „denn du streitest mit Dämonen und Menschen und überwindest," und das hat, wie oft!, seinen Sinn gehabt. Der Kampf um Gott als der Kampf gegen das Widergöttliche. . Eine andere Antwort sagt: „es war der Engel Michael, der mit ihm rang; Michael sagte zu ihm: wenn du mit mir, der ich doch einer der obersten Fürsten in der Schar der Engel bin, so verfahren konntest, brauchst du da vor Esau Furcht zu haben? Rabbi Tarfon sagte: Michael durfte nicht von seinem Platze weichen, bis ihm Jakob die Erlaubnis dazu gab. Denn so heißt es: „er sprach, laß mich los, denn das Morgengrauen ist hinaufgezogen." Jakob sprach zu ihm: bist du denn ein Dieb oder ein Würfelspieler, daß du dich vor dem Morgengrauen fürchtest? Es kämen Scharen über Scharen von Engeln des Dienstes, sie sprachen zu ihm: Michael, Michael komm hinauf, die Zeit zum Gesang ist da, wenn du das Lied nicht beginnst, ist unser Lied ohne Sinn. Da flehte er Jakob an und sprach zu ihm: ich bitte dich, laß mich los, daß die Engel des Dienstes im Himmel mich nicht verbrennen, weil ihr Lied verzögert, verhindert wird. Darauf Jakob: ich lasse dich nicht, du habest mich denn gesegnet. Der Engel: Aber wer ist denn mehr, der Diener oder der Sohn? Ich bin nur Diener, du der Sohn, und du brauchst meinen Segen? Darauf Jakob: Ja, trotzdem. Nunmehr der Engel: nicht Jakob sei fürder dein Name genannt sondern Jisrael, Heil dir, Weibgeborener, du bist eingegangen in den himmlischen Palast und gerettet worden. Es wird erzählt: Als sie miteinander rangen, wollte die Schar des Michael Jakob gefährden, da erschien über ihnen der Heilige, gelobt sei er, und als Michael den Heiligen, gelobt sei er, erblickte, wich seine Kraft von ihm; so heißt es denn: er sah, er überwinde ihn nicht, so rührte er an seine Hüftpfanne. Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Michael, hast du gut daran getan, daß du meinem Priester einen Schaden zugefügt? Michael sprach: Herr der Welt, bin i c h denn nicht dein Priester? Sprach Gott zu ihm: Du bist mein Priester im Himmel und er ist mein Priester auf Erden." So der Midrasch. In ihm ist vor allem ein starkes Element der Tröstung. Der Hinweis darauf, daß wer den Kampf mit dem Engel bestand, vor keiner Gefahr mehr zu zittern braucht, auch anderen Bedrohungen standhalten wird, soll Mut und Zuversicht verleihen. Die gleiche aufmunternde Wirkung soll der Hinweis darauf bewirken, daß Jakob auf Erden der Priester sein soll. Hier ist die Weiterführung der biblischen Erzählung aber zugleich auch eine deutliche Mannung. Man „ist" nicht Priestei*, man muß sich dessen immer wieder aufs neue würdig erweisen, man muß um sein Priestertum kämpfen und auch leiden. Der Midrasch ist Bibelerklärung, eine Erklärung eigener, nicht immer wortgetreuer Art. Aber da er Bibelerklärung ist, will er stärken und beleben, will er den Hörer mit einem Willen erfüllen. Die Erzählung von Jakobs Kampf mit dem Engel wird hier also ausgewertet, um Israel seine Pflicht als Priestervolk zum deutlichen Bewußtsein zu bringen. Mit der Tröstung verbindet sich so der Aufruf zur Verwirklichung. Die Erzählung von den Engeln, die Michael zum Gesang rufen, spiegelt Gedankengänge der Mystiker wieder, die die himmlischen Heerscharen täglich zum Lobpreis Gottes zusammentreten lassen. Daran knüpft ja auch der Eingangsvers der Keduscha an, in dem die Betenden sagen, daß sie ihre Heiligung Gottes jetzt vollziehen wie die Engel sie mit dem dreifachen „Heilig" bewirken. 130 Jahre Philanthropin Pädagogische Woche des Philanthropins (Sonntag, den 25. November bis Freitag, den 30. November 1934) von Oberstudiendirektor Dr. Otto Driesen Aus Anlaß des 130. Schuljahres des Philanthropins ist zu Beginn dieses Jahres das „Merkblatt 1934" erschienen. Es zeigt den Geist, den Aufbau, die Berechtigungen und die besonderen pädagogischen Einrichtungen der Anstalt. Inzwischen sind in diesem Schicksalsjahr 1934 Ereignisse, Diskussionen und Theorien ihren Weg weitergegangen. Unsere Gemeinschaft ist besorgt über Bildungsgang und Bildungsmöglichkeiten der Jugend, über Lebenszukunft und Berufsaussichten. Umschichtungszwang und Notwendigkeiten pädagogischer Fortbildung .der Lehrerschaft, Besinnung auf unser Wesen und Werden, unser Schicksal und unseren Wert, unsere Auseinandersetzung mit Welt und Umwelt beherrschen die Stunde. Unruhe ist zu bannen nur durch die T a t. Darum wollen wir allen denen, denen die Zukunft der Jugend aufgegeben ist, nicht mehr länger nur Worte und Zuspruch geben. Wir wollen ihnen vielmehr die älteste Bildungsanstalt des deutschen Judentums, als Gemeinschafts-Schule aller zurzeit im deutschen Judentum lebendigen Richtungen, im Betrieb zeigen. Daher die pädagogische Woche. Schon vor 10 Jahren von mir geplant, wird sie heute, in letzter Stunde, Wirklichkeit Wir zeigen zwanzig Unterrichtsproben (Deutsch, Geschichte, Musik, Hebräisch, Iwrith, Französisch, Englisch, Biblische Geschichte, Palästinakunde, Probleme des Judentums der Gegenwart, Religiöse Probleme, Pentateuch-Interpretation, „Gesamt-Unterricht", Sport und Turnen, Biologie, Rassenkunde, Chemie, Physik, Wirtschaftskunde). Wir geben fünf Referate (Das Philanthropin im Lichte der Veröffentlichungen seiner Lehrer, von 1804—1934; Kind, Kunst und Handwerk; Das Judentum in der neuesten französischen Literatur; Zur Psychologie der jugendlichen Aussage; Soziale Schuljugendarbeit und Schulhygiene). Wir veranstalten zwei Vortragsabende: Soziologie der Juden; Jüdische Motive in der bildenden Kunst, mit Lichtbildern; und zwei Kunstabende (Jüdisches Erleben im deutschen Kulturkreis und „König Saul" aus Uraufführung unserer „Spielschar"). Ferner ist vorgesehen ein gemeinsames Frühstück zu Ehren der auswärtigen Gäste, ein Abend gemütlichen Beisammenseins und als Abschluß eine Freitag-Abend-Feier. Mit der pädagogischen Woche sind verbunden sechs Ausstellungen, darunter auch eine Ausstellung der am Philanthropin vertretenen Jugendbünde, sowie eine bibliographische, kunsthandwerkliche, pädagogische, hygienische und eine Verlagsausstellung. Die Nachmittage sind jeweils der Aussprache über die am Vormittag erlebten Unterrichtsproben und über die Referate vorbehalten. Um einen möglichst weiten Kreis auswärtiger Fachleute zur pädagogischen Woche begrüßen zu können, werden die Mitglieder der israelitischen Gemeinde gebeten, soweit sie in der Lage sind, Unterkunft mit Verpflegung zur Verfügung zu stellen. Ich bin überzeugt: Dieser Ruf wird nicht ungehört verhallen. Freundliche Gastliohkeitsangebote nimmt entgegen: Studienrat Dr. Ernst Mar bach^ Frankfurt a. M., Günthersburg-Allee 71, Fernruf 48772. Die Eröffnung der pädagogischen Woche findet statt am Sonntag, den 25. November, vormittags 11 Uhr, in der Aula des Philanthropins, Hebelstraße 15. Keine Antwort gibt der Midrasch auf die Frage, warum denn überhaupt der Kampf begonnen wurde, wollte man das nicht als den verborgenen Grund annehmen, daß mit dem Sieg, der Jakob vorbestimmt war, ihm Mut und Zuversicht für alle fernen und künftigen Geschlechter verliehen werden sollte. Charakteristisch aber ist die Stellung, die hier Jakob, also dem Menschen, gegenüber dem Engel zugewiesen wird. Im Grunde ist bei aller übermenschlichen Geltung der himmlischen Wesen der Mensch der wahre Herr. Er kann den kämpfenden Engel zurückhalten und den ganzen Chor der Engel dadurch in seinem himmlischen Morgengesang hemmen. In einem anderen Gewände ist das die das ganze jüdische Fiömmigkeitsleben durchziehende