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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-11-01 · 3 (11.1934) · p. Seite 86

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
3 (11.1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 86 (sequence 8)
Language
German
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Seite 86 Entwicklung ist bekanntlich seit über 50 Jahren die Verstädterung -des deutschen Judentums. Sie hat, wie deutlich sichtbar ist, weitere Fortschritte gemacht. Zwar ist, um das krasseste Beispiel anzuführen, die jüdische Bevölkerung Berlins, die bei der Zählung 1925 als einzige stark gestiegen war und mehr ausgemacht hatte als die Zunahme des Gesamtjudentums, etwas zurückgegangen, aber nur um 7,1% gegen 11,5% im ganzen Reich. So umfaßt heute die jüdische Bevölkerung Berlins -32% aller deutschen Juden gegen 30% .im Jahre 1925 und nur 26% dm Jahre 1910. Sie ist also von einem Viertel auf ein Drittel gestiegen. Auch sonst ist ersichtlich, wie in ländlichen und kleinstädtischen Bezirken die Zahl der Juden ständig gesunken ist. So hat Mecklenburg seit 1910 einen Rückgang um 40%, Pommern und Ostpreußen um fast 30%, Anhalt und Lippe um ein Drittel, Hessen, aber auch Bayern um ein Viertel, während der Reichsdurchschnitt in dieser Zeit" um 7,3% sank. Neben dieser Richtung der Verstädterung wirkt noch eine zweite, die sich teilweise mit ihr deckt, nämlich die starke Abwanderung in Bezirken, in denen nur eine geringe Zahl von verstreut lebenden Juden vorhanden war. So erklärt sich u. E. die Abwanderung aus Ostpreußen, Pommern, Westfalen, Thüringen, gewissen Teilen von Bayern, kleinen Ländern wie Oldenburg, Braunschweig, Anhalt usw. Dagegen hat eine weitere Tendenz, die zwischen 1910 und 1925 zu beobachten war, nicht angehalten, nämlich die Zunahme der Juden in Norddeutschland, besonders südöstlich von Berlin, gegenüber einem beträchlichen Rückgang im Süden. Auffallend stark haben damals Bayern, Württemberg, Baden und Hessen abgenommen, während die Zahl der Juden in beiden Schlesien, in Provinz und vor allem Land Sachsen, erheblich gestiegen war. Auch in Hessen-Nassau wäre die Bevölkerung damals um rund 2000 Seelen zurückgegangen, wenn nicht Frankfurt durch eine Vermehrung um 3000 Köpfe diese Tendenz ausgeglichen hätte. Die Zusammensetzung der deutschen Juden hatte sich bekanntlich damals infolge der Einwanderung recht erheblich geändert. Diese auffallende Verschiebung hat nun etwas nachgelassen. Zwar ist auch zwischen 1925 und 1933 die Zahl der Juden in Bayern um 17,4, in Baden um 14,3 und in Hessen um 12,3% gesunken, aber auch der preußische Gesamtdurchschndtt unter Weglassung Berlins ging um 12,5% zurück (unter Einschluß Berlins um 10,4). Auffallend ist Württemberg, wo in dieser Zeit die Zahl der Juden nur um 7,4% sank und damit etwa nur im selben Verhältnis wie in Berlin. Immerhin aber hat sich die Zahl der Juden in den vier süddeutschen Ländern von 1910 auf 1933 von 117 058 auf 90 467 verringert, d. h. doppelt so stark wie der Gesamtdurchschnitt. Die süddeutschen Juden machen danach nur noch 18% der Gesamtzahl aus gegen 21,8% im Jahre 1910. Unser heimisches Gebiet H e s s e n - N a s s a u ist in den letzten acht Jahren der Durchschnittsbewegung am besten gefolgt, denn die Abnahme betrug 11,9% bei 11,5% Reiohsdurchscbnitt. Hessen- Nassau ist der einzige Bezirk, in dem drei Großgemeinden (Frankfurt, Wiesbaden und Kassel) von einer verhältnismäßig zahlreichen jüdischen Landbevölkerung umgeben sind. So ist der jüdische Anteil bei der Gesamtbevölkerung immer noch der höchste (18,2 vom Tausend) außerhalb Berlins. Es folgen das rein städtische Land Hamburg und Hessen, wo der Anteil zwar noch über 1% der Gesamtbevölkerung liegt, aber doch relativ in 23 Jahren um ein Drittel zurückgegangen ist. Am wenigsten Juden im Verhältnis zu der 'Gesamtbevölkerung leben in 'Mecklenburg, in Schleswig-Holstein und in Thüringen. Die Religionszugehörigkeit nach dem Geschlecht zeigt, daß sich zum Judentum 238747 Männer und 260935 Frauen bekannten, d. h. 47,8% Männer und 52,2% Frauen. Der Ueberschuß der Frauen ist damit gegen 1925 gestiegen; damals betrug er 15 500 Personen gegen jetzt 22 200, das Verhältnis war 48,6 zu 51,4. Gerade diese Ziffer ist übrigens jetzt Verhältnis von Männern zu Frauen der ganzen Reichsbevölkerung, so daß das Judentum eine größere Frauenzahl hat als der Reichsdurchschnitt. Die gegenwärtige Prozentzahl der Juden haben auch die Angehörigen der evangelischen Kirchen, während bei den 'Gemeinschaftslosen z. B. die Frauen nur 39,5% ausmachen. Die Verteilung der Geschlechter bei der katholischen Kirche entspricht genau dem Redchsdurchschnitt. Nachträglich werden noch einige Ziffern der jüdischen Bevölkerung einzelner Städte bekannt. Davon interessiert zunächst Frankfurt a. M. Es hat seine Stelle als größte jüdische Gemeinde nach Berlin behauptet. Die israelitische Bevölkerung betrug bei der Volkszählung 1933 26158 Seelen gegenüber 29 385 bei der vorhergehenden Zählung 1925. Die Abnahme war also 11,8%, d. h. nahezu der Durchschnitt des Reiches. Der Bevölkerungsanteil der Juden in Frankfurt a. M. sank auf 4,71% gegen 6,29% im Jahre 1925. Inzwischen ist das Stadtgebiet durch die (Eingemeindung verhältnismäßig judenarmer Vororte gewachsen. In dem an dritter Stelle stehenden Breslau sank die jüdische Bevölkerung-auf 20202 Seelen gegenüber 23 240, d. h. um 13,86%. An der Breslauer Gesamtbevölkerung sind die Juden mit 3,23 (4,17) % beteiligt. An vierter Stelle folgt Köln mit einer jüdischen 'Gemeinde von 14 816 Mitgliedern gegen 16 093, d. h. einer Abnahme von 7,94% und einem Anteil an der Gesamtemwohnerzahl -von 1,96 (2,3) %. Das Schriftwort Jacobs Kampf mit dem Engel von Max D Eine der schwersten und dunkelsten Stellen in der Erzählung von den Erzvätern ist der Bericht von Jakobs Kampf in der Nacht, als er, am Flusse Jabok angelangt, zur Begegnung mit Esau sich rüstete. Der biblische Bericht lautet: „Jakob blieb allein zurück. Da rang einer mit ihm, bis das Morgengrauen heraufzog. Und sah, er überwinde ihn nicht, so rührte er an seine Hüftpfanne, und Jakobs Hüftpfanne verrenkte, als er mit ihm rang. Dann sprach er: laß mich los, denn das Morgengrauen ist heraufgezogen. Er aber sprach: ich lasse dich nicht los, du habest mich denn gesegnet. Da sprach er zu ihm: was ist dein Name? Und er sprach: Jakob. Da sprach er: Nicht Jakob mehr werde dein Name gesprochen sondern Jisrael, denn du streitest mit Gott und Menschen und überwindest."Alles an dieser Erzählung ist dunkel und schwierig, von einem Dunkel, das im Grunde nicht zu lichten ist. Wer ist's, der mit Jakob rang? Warum rang er mit ihm? Wer hat ihn geschickt? Was ist der Sinn des Geschehens? -Warum renkte er die Hüfte Jakobs aus? Was ist der letzte Sinn der neuen Namensgebung? Von den zwei Strömungen, die seit alters das Frömmigkeits leben Israels durchziehen, der rationalistischen, rein auf Vernunft lenemann und klares Forschen sich stützenden, und der mystischen ist die rationalistische am wenigsten imstande, ihr gemäßen Sinn zu deuten. Hier ist die Welt der Mystik. Und die Midraschim, die die Erzählung begleiten, bewegen sich in ihren Bahnen, und die . Phantasie schafft frei. Aus diesen Midraschim ergabt sich eine Fülle der Tröstung und Aufrichtung. Die Frage wird gestellt: Warum wurde Jakobs Hüfte ausgerenkt? Die Antwort: Das ist eine symbolhafte Andeutung von künftigem Erlebnis. „Er rührte an seine Hüftpfanne, d. h. er rührte an die frommen Männer und Frauen, die einst aus ihm erstehen werden, und wer sind sie? Das ist das Geschlecht der Verfolgung." Der Midrasch selber als Erklärung des Bibelverses ist durchaus nicht klar und leicht ins Verständnis eingehend; soviel aber ist klär, daß mit ihm gesagt werden soll: in jeglicher Zeit der Verfolgung wachsen Israel besondere Kräfte zu und ein Geschlecht der Unterdrückung wird zu einem Geschlecht frommer Männer und Frauen, zu einem Geschlecht des Willens der Männer und Frauen, zu einer neuen Frömmigkeit. Es kann sein, daß man für eine Weile hinkt, wie Jakob hinken mußte, als die Faust des Ringenden ihn packte, aber wie über Jakob die Sonne der Hei-

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