Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 3 (11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 84 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3094266-3094412-3094415--4367-3099159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 84 Goldschmiede, Silberschmiede, Erzgräber, Weber usw. voneinander geschieden waren. Es scheint also eine zunftmäßige Gliederung der Gemeinde bestanden zu haben, die eine große Zahl jüdischer Handwerker, darunter auch kunstgewerblich tätiger, voraussetzt. — Von den Schöpfungen der jüdischen Kunsthandwerker des Altertums ist nur sehr wenig auf uns gekommen. Die erhaltenen Gegenstände berechtigten nicht, auf eine national-gebundene, besonders jüdische Ueberlieferung zu schließen. Schon damals bestand eine weitgehende Angleichung an die Formen- und Vorstellungswelt der Umgebung. Im Mittelalter war den Juden in vielen Ländern die Ausübung von Handwerken, besonders jener Zweige, die wir Kunst- _handwerk nennen, außerordentlich erschwert, wenn nicht verboten oder durch Not unmöglich gemacht. In Deutschland war den Juden, jedes zünftige Handwerk streng verboten; den christlichen Meistern war es untersagt, Juden in ihre Werkstätten aufzunehmen. Daß trotzdem eine sehr große. Anzahl jüdischer Kunsthan d- .werker auch im mittelalterlichen Deutschland wirkte, ist zugleich ein denkwürdiges Beispiel für den immer wachen Eifer, zum Schmücke des Gottesdienstes in Synagoge und Haus beizutragen, und eine Bestätigung unserer Ueberzeugung von der nicht zu unterdrückenden künstlerischen Begabung der Juden. Von den Bedürfnissen des jüdischen Kultus ging die stärkste Anregung auf die Kunsthandwerker aus. Der Schmuck der Synagoge, der "Thorarolle, des Sabbattisches verlangten Arbeiten der Goldschmiede, Ziseleure, Brokatsticker, Kupferschmiede, Graveure; die Ausmalung der Synagogen und der Schmuck der Haggada beschäftigte Dekorationsmaler und Miniaturisten, die Verbreitung der heiligen und gelehrten Bücher machte ihre frühe Drucklegung erforderlich. So wird das jüdische Kunsthandwerk durchaus vom " Religiösen und Kultischen her bestimmt; die Form aber, die den besonderen jüdischen Gehalten diente, ist häufig eine Lehnform. Die Rimonim, silberne oder silbervergoldete Aufsätze für die beiden Stangen der Thorarolle (Ez-chajim), sind meist gotischen Stadt- oder Kirchtürmen nachgebildet, die Bessomim-Büchse, der Gewürzbehälter für den Sabbatausgang, bildet zeitgenössische Architekturen mit leichten Variierungen um. In der Formung der Kidduschbecher werden die verschiedenen Entwicklungsstufen der Goldschmiedekunst deutlich; häufig ist es nur die hebräische Inschrift, die den Zweck verrät. Obwohl es den Juden nicht gestattet war, Meistermarken auf ihren Erzeugnissen anzubringen, ist die Tätigkeit jüdischer' Kunsthandwerker gesichert. So gab es.um 1540 mehr als 10 000 jüdische Handwerker in Polen; unter ihnen stehen die des täglichen Bedarfs, die "Tuchmacher und Kürschner, an vorderster Stelle. Dann folgen die Goldschmiede.. Noch im Jahre 1857, also bereits nach Beginn der Auswanderung nach den westlichen Ländern, wurden in Polen, ohne Warschau, fast 550 Goldschmiede gezählt. Mit den vertriebenen s panischen und portugiesischen Juden kamen Goldschmiede nach Hamburg und in die N i e d e r 1 a n de. Bis zum heutigen Tage ist das Dia m& ntschleifen noch vorwiegend ein Tätigkeitsfeld jüdischer Handwerker. Es würde den Rahmen dieses Ueberblickes sprengen, wenn im einzelnen die Mitwirkung der Juden an kunsthandwerklichen Leistungen im Ablauf der Geschichte aufgeführt würde. Nur wenige Beispiele sollen verdeutlichend angeführt werden: Was der Fürth er Kantor E Ikone an prächtigen Parochet (Thoraschreinvorhängen) schuf, reiht sich den besten Textilien der Zeit würdig an. Die Waffenziselierungen, die Salomo da S e s s a an den Höfen von M a n t u a und F e r r a r a fertigte, verschafften ihm höchsten Ruhm bei den Zeitgenossen. Unter seinem Taufnamen Ercole de Fedeli ist er in die Kunstgeschichte eingegangen. — Abraham ben Salomo Conat, der 1475 bis 1477 in Mantua wirkte, gehört zu den ersten Meistern der Buchdruckkunst; in Venedig wirkte die Familie S o n c i n o. Ihr ist die vielbewunderte Veredelung des Schriftbildes, die hohe Qualität der Drucke zu danken. An Jakob von Günzenhausen sei noch erinnert, der in Neapel druckte, und nicht zuletzt an Ohajim Schwarz, der gemeinsam mit Gerson-Kohen in Prag mit Randleisten und Illustrationen versehene hebräische Werke edierte. ■ . Die Aufgaben, die von Kultus und dem Leben an den jüdischen Kunsthandwerker gestellt wurden-, hat er verschieden gelöst. Er hat den gleichbleibenden jüdischen Gehalt in die sich wandelnden Formen gefaßt. Seine Ausschließung von den organisch sich entwickelnden Zünften und Handwerken hat bewirkt, daß er die einmal aufgenommenen Formen länger konservierte. So kommt es, daß Gegenstände des 18. Jahrhunderts aus den Werkstätten jüdischer Handwerker häufig noch Erinnerungen an frühere, etwa gotische Motive wecken. Der den Juden eigene traditionelle Sinn verstärkte diese konservative Tendenz besonders. Die Ketuba (Eheverträge), die besonders lange mittelalterliche Schmuekformen benutzen, die Grabmäler, die nur ganz allmählich in den Umrissen sich wandeln,, sind in starkem Maße Zeugen dieser konservativen Eigenart. Auch unsere Gegenwart, ganz besonders das deutsche Judentum, darf auf eine Reihe schöpferischer Persönlichkeiten hinweisen, die die Entwicklung des modernen Kunsthandwerks mitgebildet, zum Teil sogar entscheidend beeinflußt haben. Der Tätigkeitsradius dieser Meister ist umfassender geworden. Auch alle Gebiete des profanen Lebens werden von ihrem Gestaltungstrieb erfaßt. Was beispielsweise auf dem Gebiete der Innendekoration und auf dem der Kleinkunst in den letzten Jahren in jüdischen Werkstätten entstanden ist, hat vielfach weiter befruchtend gewirkt. Der jüdische Kunsthandwerker unserer Zeit verbindet nunmehr mit einem besonderen Verständnis für seine speziellen Aufgaben die letzte und völlige Beherrschung der technischen Mittel. Seine Bedeutung und Leistung wird in Zukunft, noch stärker als bisher, von den Kräften abhängig sein, die aus der jüdischen Gemeinschaft entströmen. Zur Statistik der deutschen Juden von Lothar Bauer Das Statistische Reichsamt hat soeben („Wirtschaft und Statistik", 1. Oktoberheft 1934) mit der Veröffentlichung der Religionsgliederung des Reiches nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 16. Juni 1934 begonnen. Die Ziffern sind für die Angehörigen der „israelitischen Religion", wie die Bezeichnung der Statistik lautet, von besonderem Interesse, denn sie geben zum ersten Mal seit 1925 wieder ein zuverlässiges Bild der Entwicklung des deutschen Judentums. Noch liegen zwar die Einzelergebnisse nicht vor, insbesondere sind auch die Ziffern für unser engeres Gebiet noch nicht veröffentlicht, aber aus'den für die deutschen Länder und preußischen Provinzen mitgeteilten Zahlen ist die Leitlinie deutlich genug. Die amtliche Erläuterung faßt sie folgendermaßen zusammen: Die Israeliten (hier der Religionsnicht der Rassezugehörigkeit nach) haben im letzten Zählabschnitt um rd. 65000 Personen oder 11,5 v. H. abgenommen.' Ihr Anteil an der Reichsbevölkerung ist infolgedessen von 0,90 v. H. auf 0,77 v. H. zurückgegangen. Die Abnahme wird vor allem auf Abwanderung zurückzuführen sein; sie erklärt sich ferner aus dem Sterbeüberschuß der Israeliten, zum Teil wohl auch durch Austritte aus den israelitischen Religionsgemeinschaften. Zum besseren Verständnis dieser Erläuterung sei bemerkt, daß die Gesamtbevölkerung des Reiches von 1925 bis 1933, in der Zeit zwischen den beiden letzten Volkszählungen, von 62,41 auf 65,22 Mill. Menschen gestiegen ist, so daß also der prozentuelle Anteil der Juden noch stärker gefallen ist als der absolute. Daß die Bevölkerungsbewegung der Juden fast in jeder einzelnen Zahl anders gelaufen ist als die der übrigen Bevölkerung, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Es werden aus der Statistik dieselben Faktoren ersichtlich, die bei der Darstellung der Bevölkerungs-