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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-11-01 · 3 (11.1934) · p. Seite 83

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
3 (11.1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 83 (sequence 5)
Language
German
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Seite 83 Menschen, welche Träger die.ses jüdischen Handwerkerstandes in Deutschland sind, in Ehren -ihr Leben führen können.' Zunächst muß nachdrücklich ausgesprochen werden, daß die Umstellung eines Akademikers oder Kaufmanns auf einen handwerklichen Beruf eine Frage ist, die lediglich im Wege der individuellen Beratung zu lösen sein wird. Nicht jeder, der in einem anderen Beruf nicht unterkommt, kann Handwerker werden; die handwerkliche-Berufsausbildung darf niemals als der letzte Ausweg aus den Schwierigkeiten der Berufswahl angesehen werden. Früher mag es oft üblich gewesen sein, daß Eltern zu Kindern, die in der Schule nicht vorwärts kamen, mit der Strafe drohten: „Wenn du nicht fleißig bist, dann lasse ich dich Handwerker werden." Wir glauben, daß diese Auffassung endgültig überwunden ist, denn, wenn auch nach den bestehenden Gesetzen eine Sonderstellung des jüdischen Handwerkers grundsätzlich nicht besteht, so wird er doch im Konkurrenzkampf durch besonders hochwertige qualifizierte Leistung sich zu behaupten haben. Es gilt heute doppelt das Wort, das Ludwig Holländer im Jahre 1932 in der C V.-Zeitung schrieb: „Will der jüdische Handwerker sich gegen Vorurteile und Feindseligkeit durchsetzen, so muß er womöglich noch mehr leisten als seine nichtjüdischen Berufsgenossen. Größte Geschicklichkeit, "eiserner Fleiß, unbedingte Zuverlässigkeit, reellste Preisgestaltung und größte persönliche Zurückhaltung allein werden ihn befähigen, den schweren Daseinskampf zu bestehen." (Wir erinnern hierzu an die Richtlinien des Reichskabinetts vom 14. Juli 1933 über die Vergebung öffentlicher Aufträge, in welchen daraufhingewiesen wird, daß bei gleichwertigen Angeboten von deutschstämmigen und nichtarischen Firmen den deutschstämmigen der Vorzug zu geben ist.) Ein starkes inneres Moment, das zu den Voraussetzungen eines gesunden jüdischen Handwerkerstandes in Deutschland gehört: Die Werkfreudigkeit. Die Berufsschichtung der deutschen Juden hat es mit sich gebracht, daß das für einen Handwerker besonders wesentliche Gefühl der Beziehung des Menschen zu seinem Werk häufig nicht vorhanden war. Dieses muß erlernt und anerzogen werden. Wir müssen insbesondere die Jugend zu einer Berufsfreudigkeit erziehen, die sie auch befähigt, mit innerer Anteilnahme die Entstehung und Formung auch des kleinsten Gegenstandes und der einfachsten Form mitzuerleben. Dieses Gefühl muß neben der Beibringung der notwendigen manuellen Fertigkeit von Anbeginn dem jüdischen Handwerkerlehrling eingeimpft werden. Deshalb muß auch immer gewarnt werden vor jedem Versuch, Menschen, welche aus anderen Berufen kommen, mit dem Handwerk durch Schnell-Kurse vertraut zu machen. Man erzieht auf diese Weise nur Pfuscher, die niemals den Existenzkampf bestehen werden. Es bedeutet eine Geringschätzung des Berufes des Handwerkers, wenn man glaubt, das, was andere Menschen in einer langjährigen Lehr- und Gesellenzeit an Erfahrung und Uebung gesammelt haben, in wenigen Monaten beibringen und erlernen zu können. Auch die soziale Notwendigkeit, rasch wieder zu Verdienst zu kommen, kann vom Standpunkt einer verantwortlichen jüdischen Berufspolitik, die dem jüdischen Handwerker den Platz einräumt, der ihm gebührt, nicht gerechtfertigt erscheinen. Qualifizierte Fachkräfte werden auf diesem Wege niemals zu erziehen sein, auch bei Menschen nicht, die ihre Berufstätigkeit nicht in Deutschland auszuüben beabsichtigen. Kein Berufsstand ist in Deutschland so mit der Allgemeinwirtschaft verknüpft wie das jüdische Handwerk. Dies ist in der Entwicklung der deutschen Wirtschaft besonders deutlich geworden, als die Bildung von Großunternehmen, Konzernen, Kartellen und Trusten die kleinen mittelständischen Existenzen in Deutschland, also auch den jüdischen Handwerker stark getroffen hat. Deshalb wird jene Entwicklung der deutschen Wirtschaftsführung, die den Rückgang des Handwerks und seine Verdrängung auszugleichen versucht, besonders auch vom jüdischen Handwerker begrüßt werden müssen. Wenn auch in gewissem Umfange im Laufe des letzten Jahres die Wertschätzung des jüdischen Handwerkers gerade in jüdischen Kreisen zu einer stärkeren Berücksichtigung geführt hat — auch hier bleibt noch manches Vorurteil auszuräumen —, so muß unterstrichen werden, daß es ein Irrtum wäre zu glauben, daß diese Entwicklung allein die Existenz des jüdischen Handwerkers auf die Dauer festigen könne. Deshalb wird es einer besonders scharfen Beobachtung bedürfen, um in denjenigen Sparten des Handwerks Nachwuchs zu schaffen, in denen die Allgemeinwirtschaft einen Mangel leidet. Während im Hinterland und größeren Umkreis unserer Frankfurter Gemeinde Juden als Handwerker schon seit Generationen tätig sind, insbesondere als Bäcker, Schuhmacher und 'Metzger, in einem kleinen Landstrich auch als Seifensieder, ist für das großstädtische Judentum die Frage des handwerklichen Nachwuchses noch ungelöst. Insbesondere in den technischen Zweigen des Handwerks muß versucht werden, der allgemeinen Entwicklung der Wandelbarkeit des Handwerks Nachdruck zu verleihen. Dies ist eine verantwortungsvolle Aufgabe aller jüdischen Stellen, die dazu berufen sind, jüdische Existenzen in Deutschland zu erhalten. Eine Beschäftigung im Handwerk darf nicht als ein vorübergehender Ausbihhingsgang angesehen werden, der es jederzeit ermöglicht, einen anderen Beruf zu ergreifen. Nur wer willens und geeignet ist, als Handwerker zu arbeiten und auch leben zu wollen, darf zu diesem Beruf zugelassen werden. Das jüdische Handwerk als wertvoller Bestandteil des deutschen Judentums und der deutschen ÄUgemeinwirtschaft muß mit kritischer Sorgfalt die Nachwuchsfrage behandeln. An der jüdischen Gemeinschaft ist es eine neue Berufsgliederung des deutschen Judentums durchzuführen. Juden im Kunsthandwerk von Dr. Hermann Gundersheimer Daß zu allen Zeiten der Geschichte und überall, wo Juden wohnen, jüdische Handwerker zu fanden sind, bedarf keiner ausführlichen Darlegung. Die literarische Ueberlieferung, die Namen der Juden, die soziale Schichtung, besonders bei den Juden des Ostens, beweisen es eindeutig. Nicht ebenso klar festzustellen ist die Rolle der Juden im Kunsthandwerk, also in jenen Zweigen gewerblicher Betätigung, die, aus der Sphäre des reinen Gebrauches hinausragend, Ansprach auf künstlerische Wertung erheben. Wie der Anteil der Juden an der Entwicklung der freien Künste, das heißt der Malerei und Plastik, zu einem Teil von den Bildnisverboten der Heiligen Schrift, zum anderen von wirtschaftlichen^ politischen und sozialen Gegenkräften bestimmt wurde, so ist auch die Tätigkeit des Juden auf dem Gebiete des Runsthand- . werks ein bewundernswertes Sichdurchsetzen gegen die stärksten Widerstände. Eine Geschichte der jüdischen Kunsthandwerker — sie zu sehreiben wird erst möglich sein, wenn die Sammeltätigkeit der Museen jüdischer Altertümer weiter und systematischer ausgebaut sein wird — würde zugleich ein Bericht steter Zurücksetzungen und Ausschließungen sein, denen die Juden ausgesetzt waren. Es spricht für die den Juden innewohnende Gestaltungskraft, daß sie, allen Schwierigkeiten entgegen, auch hier mit beachtlichen Beiträgen zur kulturellen und künstlerischen Entwicklung der Völker hervorgetreten sind. Aus biblischen und geschichtlichen Quellen sind wir in der Lage, ein in Umrissen zutreffendes Bild von dem Leben und der Tätigkeit jüdischer Kunsthandwerker im Altertum zu machen. Wir wissen, daß, um nur wenige Beispiele zu nennen, die Goldblechbelege im salomonischen Tempel aus den Werkstätten jüdischer Handwerker stammten. Neben römischer Einfuhrware hat der palästinensische Boden Erzeugnisse der Kleinkunst bewahrt, wie Siegel, deren jüdische Herkunft nicht umstritten ist. — In einem talmudischen Bericht über die große, im Jahre 117 zerstörte Synagoge in Alexandrien wird erzählt, daß die Plätze für die

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