Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 3 (11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 82 (sequence 4)
- Language
- German
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Seiite82 falschen Assimilation zu beseitigen, und hat für die schöpferisch schaffende Arbeit, die allein zu einer Gesundung des deutschen Judentums führen kann, jahrzehntelang unermüdlich gekämpft. Mit dem Umbruch ergeben sich jedoch über diese mit Erfolg betriebene Zielsetzung hinaus neue gewaltige Aufgaben, die an die Organisation immer größere Anforderungen stellen. Der Verband hat seine Zeitschrift ausgebaut und damit sich ein Organ geschaffen, das sowohl den jüdischen Handwerker- und gewerblichen Mittelstand in der jüdischen allgemeinen Oeffentlichkeit wirksam repräsentiert, dem aber auch allerseits große Beachtung geschenkt wird. Mit seiner Hilfe ist es möglich, den Kontakt der Berufsangehörigen untereinander wie zwischen dem Handwerkerstand und der gesamten jüdischen Gemeinschaft immer enger zu gestalten. Die Sorge gilt wallen Gemeinden, vor allem aber auch den. kleineren Gemeinden. Die in den Großstädten. durchgeführte segensreiche Tätigkeit wird nunmehr auch auf die mittleren und kleinen Gemeinden ausgedehnt, in denen die Angehörigen des Handwerks und Mittelstandes fast ausschließlich die Träger der jüdisenen Gemeinschaft sind. Darüber hinaus wird der aufwärtsstreoenden Jugend zur fachlichen Ausbildung Gelegenheit gegeben werden, damit sie auf Grund der erworbenen Fähigkeiten in der Lage ist, sich eine einigermaßen gesicherte Existenz aufzubauen. Wir vergessen nicht, daß der jüdische Handwerker und Mittelstand so eng mit der "gesamtdeutschen Wirtschaft -verflechten sind, daß sie ihre Aufgaben nur im Rahmen und im Gleichklang mit den Interessen der deutschen Gesamtwirtschaft zu lösen vermögen. 25 Jahre Verein selbständiger israelitischer Handwerker und Gewerbetreibender e. V., Frankfurt a. M. Es bedurfte flieht erst der Umwälzungen nach dem Kriege, um einsichtigen Männern die Erkenntnis von der 'ungesunden Berufsschichtung innerhalb des deutschen Judentums zu verschaffen. Schon Jahrzehnte vor dem Krieg sahen die Gefahren, die in der einseitigen Bevorzugung der geistigen und kaufmännischen und in der Geringschätzung der handarbeitenden Berufe lagen. Diese Unterbewertung des Handarbeiters und die Ueberschätzung des Kopfarbeiters trat besonders kraß bei uns Juden in Erscheinung. Jene Erkenntnis gab den Anstoß zur Bildung jüdischer Handwerkervereine in fast allen Großstädten Deutsehlands. So wurde auch in Prankfurt a. M. im Jahre 1909 der „Verein selbständiger israelitischer Handwerker" gegründet. Er setzte es sich einerseits zur Aufgabe, die jüdische Allgemeinheit über den Wert eines jüdischen handwerklichen Mittelstandes aufzuklären und sie mit allen damit verbundenen Fragen bekannt zu machen. Andererseits sah er seine Aufgabe darin, erzieherisch auf den jüdischen Handwerker einzuwirken, ihn zur Weiterbildung anzuregen und für einen gut ausgebildeten Nachwuchs zu sorgen. iDie Arbeit des Vereins war schwer, galt es doch, unermüdlich gegen viele Vorurteile gegenüber dem jüdischen Handwerker und gegen manche Mißstände innerhalb des Kreises derselben anzukämpfen. In zäher Kleinarbeit mußte Schritt für Schritt getan werden und die jeweiligen Vereinsleiter, von denen als besonders rühriger der vor einigen Jahren verstorbene Schneidermeister . Weishaupt genannt sein mag, scheuten keine Opfer an Zeit und Arbeitskraft, die gesteckten Ziele zu erreichen. .— Im Jahre 1912 w«rde der Verein in das Vereinsregister eingetragen und schloß sich in demselben Jahre dem Zentralverein jüdischer" Handwerker Deutschlands an, um dadurch seiner Tätigkeit einen stärkeren Rückhalt zu verschaffen. Der Mitgliederstand hob sich von anfänglich 30 Mitgliedern von Jahr zu Jahr; ein Beweis für die bereits spürbar werdende Wirkung der Tätigkeit des Vereins. Sie wurde unterbrochen durch die Jahre des Krieges, als die waffenfähigen Mitglieder im Kriegsdienst standen. — Nach dem Kriege setzte dann die Tätigkeit verstärkt ein. Ein Verbandstag in Jahre 1923 gab der Frankfurter jüdischen Oeffentlichkeit ein Bild von dem Aufstreben des jüdischen Handwerks und dem gewachsenen Selbstbewußtsein seiner Träger, das auf ihrem Können beruht. Die bisherigen Erfolge -spornten zu weiteren Anstrengungen an. Zur Unterstützung der Mitglieder wurde z. B. neben anderem eine Darlehenskasse gegründet, eine Rechtsberatungssteile ins• Leben gerufen und der Anschluß an eine Sterbekasse vorgenommen. Die äußere Anerkennung des Vereins zeigte sich in .'der Heranziehung von Angehörigen zur Tätigkeit in anderen jüdischen Korporationen und Institutionen, wie z. B. in der Gemeindevertretung. — Im Jahre 1921 wurde die Frauengruppe ins Leben gerufen, deren Wirksamkeit sich hauptsächlich auf charitative Betätigung erstreckt und im Stillen viel Wohltaten zu erweisen in der Lage war. Wenn der Verein auch nicht von manchen Rückschlägen verschont geblieben ist, so zeigt ein Rückblick auf sein Wirken, daß seine Ziele und seine Wege doch richtig waren und die jüngste Vergangenheit .bewies, wie recht er damit tat, immer und immer •wieder auf das Lebensrecht, ja auf die Lebenspflicht des jüdischen Handwerks und ,seiner Bedeutung für -die Lebenskraft des Judentums hinzuweisen. Als es im vergangenen Jahr galt, den plötzlich aus ihren bisherigen Berufen Gerissenen zu einem neuen Beruf zu verhelfen, standen wir nicht zurück und gaben manchen die Möglichkeit zu einer handwerklichen Ausbildung. Wir betätigten uns bei der Schaffung von Lehrstellen, soweit dies im Rahmen der Gesetze möglich war, und zeigten damit, daß wir uns unserer Pflicht der jüdischen Gemeinschaft gegenüber bewußt waren. Wir wissen wohl, daß uns noch viel zu tun übrig bleibt, aber wir dürfen heute rückschauend sagen, daß unsere Arbeit nicht umsonst war. Wir werden weiter arbeiten für die Erhaltung und Kräftigung des jüdischen Handwerkes und wir sind uns mit Stolz bewußt, hiermit auch für das Wohl der deutschen Juden im deutschen Vaterlande zu wirken. Wir hoffen aber auch auf die Unterstützung und Mithilfe aller Juden, denn deren bedürfen wir heute mehr denn je. Dipl.-Ing. H. Joseph, 1. Vorsitzender Das Handwerk, ein Träger jüdischer Zukunft in Deutschland von Dr. Wolfgang S. Matzdorff Zu Beginn des Umbruches des vergangenen Jahres gerieten die deutschen Juden in eine Situation, die zunächst erforderte, den aus ihren Berufen entfernten Menschen zu helfen. Die allgemeinen der jüdischen Oeffentlichkeit zur Verfügung stehenden Beratungsstellen der Gemeinden und die juristisch-wirtschaftlichen Beratungsstellen des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V. versuchten, diesen ersten Ansturm zu bewältigen; fachkundige Berater " besprachen mit jedem einzelnen, der in jenen Nöten kam, das berufliche und wirtschaftliche Schicksal. Hierbei ergab sich eine sehr starke Neigung der Kaufleute und Akademiker,nunmehr eine stärkere Beschäftigung im Handwerk und in der Landwirtschaft zu suchen. Man versuchte, die schon vor der Umwälzung erkannte und in wiederholten, leider vergeblichen Veröffentlichungen erkannte Tatsache der ungesunden berufliehen Gliederung des deutschen Judentums mit einem Schlage dadurch radikal auszugleichen; jeder glaubte, seine Chancen in der Landwirtschaft und im'Handwerk in "Deutschland oder aber auch, wenn dies nicht möglich war, im Ausland durch eine möglichst schnelle Umstellung zu vergrößern. Wenn wir heute auch noch keinen geschichtlichen Abstand zu jenen Tagen haben, so haben wir doch Erfahrungen in der Richtung, daß wir heute in eine Betrachtung der wirtschaftlichen Zukunft des deutschen Judentums eintreten können, ohne in den Fehler einer opportunistisch erscheinenden Betrachtung zu verfallen. Die landwirtschaftliche^ Ausbildung scheidet in diesem Zusammenhang aus, da sie fast ausschließlich Vorbereitung für nach Palästina gerichtete 'Menschen ist. Die handwerkliche Berufswahl, sei es bei der Berufsausbildung Jugendlicher oder bei der Umschichtung Aelterer, muß jedoch heute nüchtern in der Weise betrachtet werden, daß dieser Stand, welcher, wie an anderer Stelle in diesem Blatt gezeigt wird, schon seit langem im deutschen Judentum verankert ist, im Rahmen der Bemühungen um Schaffung und Erhaltung jüdischer Existenzen so eingesetzt wird, daß die