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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-10-01 · 2 (10.1934) · p. Seite 73

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
2 (10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 73 (sequence 31)
Language
German
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Seite 73 mögen, — die Gewilltheit zur altjüdischen Chawerath, zur restlichen Verantwortung eines Juden für den anderen umschließen. „National" in solch weitem Sinne deckt sich mit dem von einer großen Schar deutschjüdischer junger Menschen seit Jahren gebrauchten und praktisch befolgten Begriff der „gesamtjüdischen Haitung"; diese fordert in gleichem Maße Einsatz in der Golah wie zum mindesten Offenheit für das Neue und Schöne in Palästina. Teilnahme an der „sozialen" Erneuerung aber will von der jüdischen Jugend, der bündischen vorweg, nicht nur Eingliederung der jüdischen Gesellschaft in berufsständischer Hinsicht, sondern darüber hinaus mutigen Einsatz bei der Neugründung auch und gerade unserer jüdischen Gesellschaft auf der Grundlage einer schlechthin unbedingten, für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer gültigen Gerechtigkeit. Jüdische Jugend, die ihren Standort im Sinne der Wendezeit richtig wählte, sollte vernünftigerweise Trägerin aller echten Erneuerungs-Maßnahmen im deutschjüdischen Bereiche sein, ob es nun um geistige, religiöse oder künstlerische Gestaltungen geht. Dabei wird es mitunter zu Spannungen zwischen dem Standort der Jugend und dem der älteren, an den Gestaltungen teilhabenden Generation kommen. Diese Spannung wird sich fruchtbar lösen, wenn man sich — im Gegensatz zu den Anfängen der Jugendbewegung — von dem urjüdischen [wie auch von je im „Fernen Osten" gültigen, neuerdings auch das Abendland ergreifenden] Gesetz der Kontinuität in Geschichte und Leben der Familien wie der umfassenderen Gemeinschaft der Stämme leiten läßt. „■Der Standort unserer Jugend" war als Analyse gedacht und ist zur Forderung geworden. Auch dies geschab im Gehorsam gegen ewiges und zeitliches Gesetz. Die diesjährigen Ferienspiele des Israelitischen Kinderhorts auf dem Seckbacher Sportplatz, haben wiederum bewiesen, wie notwendig es gerade in dieser Zeit ist, eine solche soziale Einrichtung aufrecht zu erhalten. Wenn man noch vorher Zweifel haben konnte, ob bei den beschränkten Mitteln eine Erholungsfürsorge in diesem Umfange gerechtfertigt sei, so ist durch die Ergebnisse dieser Ferienspiele der Beweis für ihre Wichtigkeit erbracht worden. Die Aufgaben der Ferienspiele, wenn sie erfolgreich sein sollen, sind heute erweitert. Was das jüdische Kind braucht, ist nicht nur körperliche Erholung, sondern auch seelische Aufmunterung. Denn weit mehr als der Erwachsene, der die Jculturellen und sozialen Verhältnisse übersehen und einzuschätzen weiß, muß das Kind in seinem Selbstbewußtsein und seiner Selbstachtung bestärkt werden. Ihm in den Ferienspielen das Gefühl der Geborgenheit und Freiheit zu geben, ihm bewußt zur jüdischen Gemeinschaft zu verhelfen, in dem man ihm Gelegenheit zur körperlichen Erholung und Ausspannung gibt — darauf kommt es mehr denn je an. Nicht weniger als 230 jüdischen Großstadtkindern, im Alter von 6—14 Jahren, wurde diesmal die Möglichkeit gegeben, vier Wochen in Luft und Sonne ein frohes kindgemäßes Leben zu führen. Unser täglicher Sammelplatz war am Hessendenkmal. Dort trafen sich die Kinder mit der Jugendleiterin, zwei Hortnerinnen und zwei Lehrern, um mit der Straßenbahn nach unserem Bestimmungsort — dem Seckbacher Sportplatz — zu fahren. Um größere Ansammlungen zu verhindern, wurde eine Vereinbarung mit der Straßenbahndirektion getroffen, wonach uns für zwei Transporte je zwei Sonderwagen zur Verfügung gestellt wurden. Die Straßenbahn, in der der gemeinsame Tag mit Pläneschmieden, Vereinbarungen von Wettspielen begonnen wurde, brachte die Kinder abends, erfüllt von den Ereignissen des Tages, wieder an ihren Aus- Ferienspiele 1*34 gangspunkt. Dazwischen lag ein langer Tag, den die Kinder, losgelöst von aller städtischen Gebundenheit und den häuslichen Hemmungen, sich ein rechtes Jugendland errichten konnten. Ohne besondere autoritative Disziplin und ohne die Atmosphäre des Zwanges, erwuchs für jeden Einzelnen die Aufgabe, sich in der Gemeinschaft einzuordnen. Kleine Gemeinschaftsgruppen wurden gebildet, die sich ihren Interessen und ihren Wünschen gemäß beschäftigen konnten. Während eine Gruppe Fußball spielte, führten andere Tischtenniswettkämpfe aus, wieder andere trieben eifrig Gymnastik. Kleine Stegreifspiele aus dem eignen Erlebniskreise brachten den Kindern Freude und Abwechslung. Singen mit Flötenbegleitung, Mund- und Ziehharmonika waren besonders beliebt. So verging der Tag im Fluge. Wichtige Unterbrechungen boten die Mahlzeiten: Frühstück, Mittagessen und Vesper. Das schmackhafte Mittagessen, das in Termophoren herausgebracht wurde, lieferte uns die Notstandsküche und die Jüdische Haushaltungsschule. Ein besonderes Ereignis bildete die Veranstaltung des Kulturbundes, der uns zu einem heiteren Musiknachmittag in die Frankfurt-Loge einlud. Auch die Spielschar sei erwähnt, die uns mit ihrem lustigen Theaterspiel erfreute. Den Abschluß und Höhepunkt der Ferienspiele bildete die Schlußfeier, in der die Kinder den Gästen und den Erziehern durch ihr freies und beglückendes Spiel ihre Dankbarkeit ausdrückten und ihnen damit einen Einblick in das frohe Treiben da draußen boten. Der Jüdischen Wohlfahrtspflege, die durch ihre finanzielle Unterstützung dem Kinderhort die Durchführung der Ferienspiele ermöglichte, sowie Allen, die sich uns zur Verfügung gestellt haben, sei herzlichst gedankt. Lucie Aschkenasy, Leiterin des Israelitischen Kinderhorts.

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