Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 2 (10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 72 (sequence 30)
- Language
- German
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Seite 72 zu „innerer Wahrhaftigkeit", im übrigen aber bekannte man sich jetzt bereits zu Kräften und Zielen ausgeprägt sozialer Natur: durch „Liebe und Reinheit" hoffte und glaubte man „zu Arbeit und Einheit" zu gelangen und so der damals schon verbreiteten gewaltigen Not weitester Kreise des deutschen Volkes zu steuern. Damals, also ums Jahr 1924 etwa, waren neben unverkennbar marxistisch-sozialistischen Tendenzen in breiten Schichten der bewegten Jugend auch schon betont nationale, ja nationalistische Strömungen zu bemerken. Die Kurve der deutschen Jugendbewegung führt also unmittelbar, ohne Bruch, wenn auch in weit ausholendem Bogen zu ihrer heutigen Ausdrucksform. Die jüdische Jugendbewegung in Deutschland ist ohne das große Vorbild ihrer Umwelt im Beginne nicht zu denken; es war vor allem den Antrieben junger Juden, die aus der deutschen Wandervogel-Bewegung kamen, zu danken, wenn uns eine innerlich und äußerlich gestraffte Jugend heranwuchs, mochte sie nun im B1 au-Weiß, bei den Kameraden oder im Jungjüdischen Wanderbund stehen. Betrachtet man heute aus geschichtlicher Distanz das Schicksal gerade der großen jüdischen Bünde während der letzten 15 Jahre, so empfindet man das Walten verwandter Gesetzlichkeit wie bei der nichtjüdischen bündischen Jugend auch im weiteren Verlauf. Der Zusammenbruch des Blau-Weiß gerade wegen der unbiegsamen Treue zum Grundsatz der „eigenen Gesetzlichkeit" war ein Fanal, hätte es sein sollen; denn darin kündete sich das Ueb er walten des sozialen gegenüber dem individuellen Prinzip an. Und doch mußten auch die „Kameraden" ihre tragische Stunde erleben, da sie sich vor dem Gebot der übergreifenden Gemeinschaft nicht beugen wollten und meinten, durch den Zerfall in Gruppen „selbstverantwortlich" zu wirken. Wohl hatte die Wendung zum Sozialen auch in den Massen lebendiger jüdischer Jugend Besitz ergriffen, wohl begriff man auch hier die Bedeutung des Rufes nach „Einheit", nach Ueberbrückung der sozialen Gegensätze und nach Besserung der wirtschaftlichen Lage durch „Arbeit". Gerade die Hinneigung nicht weniger Jugendlicher zum Sozialismus, zur Hilfe am notleidenden Arbeiter-Bruder, war ja nicht nur bei den „Kameraden" erster Anlaß zur Spaltung, sondern hielt fast alle Bünde ums Jahr 1930 in Atem. Aber diese mähliche Ueberwindung des Individualismus auch in der jüdischen Jugendbewegung geschah großteils ohne eigene, ohne jüdische Impulse. Denn an der Ausprägung des Sozialismus der verflossenen 10 Jahre in der Wirklichkeit des Alltags hatte wahrhaft jüdische Geistes- und Seelenkraft den geringsten Anteil. Nur in einer Gruppe stark bewegter jüdischer Jugend verband sich schon damals das soziale Bewußtsein in Form der sozialistischen Gemeinverbindlichkeit mit dem Willen zu letzter Hingabe an die eigene jüdische Gemeinschaft, — beiden C h a 1 u z i m. Es gab einen kleinen, dem „Aelternbund der Kameraden" nahestehenden Kreis, der der Wendung zum Sozialismus mit bürgerlich-konservativen und damit im Grunde wieder individualistischen Gedanken glaubte begegnen zu müssen. Und zu ihnen träten in beachtlicher Zahl „bürgerlich" eingestellte junge Menschen, die dem Bekenntnis der Chaluzim und ihrer zionistischen Freunde zu einer „Jüdischen Nation der sozialen 'Gerechtigkeit" die These von der Unverbrüchlichkeit der Teilhabe an der deutschen Nation, am deutschen Volke auch als bewußte Juden" entgegenstellten. Aber diesen jüdischen Gruppen fehlte die elementare (Schwungkraft, mußte sie fehlen, die den Deutsch- Völkischen in der deutschen Jugendbewegung schon damals zu eigen war und sie zum zweiten Quellgebiet deutscher Jugendbewegung von heute machte. Während so die Kurve der deutschen Jugendbewegung im letzten Jahrzehnt in zwei bald parallel, bald divergent, dann wieder mehr konvergierend verlaufenden Strömungen sich darstellte, kann man von der jüdischen Jugendbewegung bei kurvenmäßiger Betrachtung den Begriff der zunehmenden Aufspaltung gebrauchen. Damit ist mehr ein Schicksal als ein vom Willen geleitetes Verhalten gekennzeichnet, und nur die große Linie ins Auge gefaßt, während graduelle Unterschiede im Verhalten einzelner Bünde außer Acht bleiben. Das Ergebnis dieser Entwicklung im Bereiche lebendiger jüdischer Jugend, das aus der vorstehenden Betrachtung erklärter erscheint, kennzeich- Oneg Schabbat für Schüler Samstag 13. Oktober sollen in der Hauptsynagoge und in der Westendsynagoge im Anschluss an den Gottesdienst Zirkel von Schülern für eine regelmässige Säbbatfeier (Oneg Schäbbat) gebildet werden. Es ist an je 3 Zirkel von Knaben und Mädchen im Alter bis 10, von 10-13 und über 13 Jahre gedacht Die Leitung dieser Zirkel haben Rabbiner, Lehrer und Lehrerinnen übernommen. * net den Standort unserer jüdischen Jugend in dieser Stunde. Er kann nur für die Scharen chäluzischer Jungens und Mädels, die mit einem idealistischen Sozialismus Begeisterung für die „jüdische Nation" vereinen, als eindeutig und voll zukunftsgewisser Spannung bezeichnet werden. Alle anderen bewegen sich noch auf schwankender Grundlage. Insbesondere scheint uns dies bezüglich des in jüngster Zeit viel erörterten Gedankens der erklärt „deutsch-jüdischen Bünde" zu gelten, die jüdische Jugend solle sich künftighin in zwei friedlich aber klar geschiedene Lager trennen: in ein national-jüdisches und ein national-deutsches. Es ist achtunggebietend, wenn jüdische junge Menschen aus ihrem weiteren Bleiben in Deutschland, auch bei beschränkten Rechten, nicht nur eine Angelegenheit der Zweckmäßigkeit, vielmehr des aufrechten, auch unter Schmerzen abzulegenden Bekenntnisses und eine Aufgabe am deutschen Staate und Volke machen möchten. Aber bei solchem Gehorsam vor dem Gebot des politisch-weltanschaulichen Gewissens oder Fühlens wird der letzte, ja meist auch der vorletzte Einsatz bei der fraglos eigenen, der jüdischen Gemeinschaft, verhindert. Die jüdische Gemeinschaft aber hat heute von sich aus und zugleich nach dem Wunsche der jetzt maßgeblichen Kreise unserer deutschen Umwelt das Recht, den vollen Einsatz jüdisch-jugendhafter Kräfte im jüdischen Bereiche eu fordern. Sie hat dies Recht nicht nur aus natürlich-selbstischen Gründen, sondern auch aus der höheren Begründung, daß künftighin ohne" Zweifel die Bewährung des jüdischen Menschen auch in der Diaspora und vor der nichtjüdischen Welt vorwiegend nach der Bewährung im jüdischen Kreise gewertet wird. Auch dies ist noch gegenüber der oben genannten alternativen Parole deutsch-jüdischer Jugend zu sagen, daß vom „Geiste" her, wie er sich in seinem dialektischen Gange heute offenbart, jetzt weit mehr auf artgemäße Haltung und Gestaltung als auf Regungen des Gewissens Gewicht gelegt wird. Wir können dies vom Judentum aus nur begrüßen, da hier das „Hören" ohne das „Tun" immer wenig galt. So wird eine bewußt wägende Führerschicht der in Deutschland verbleibenden jüdischen Jugend, vor ewigen und zeitlichen Gesetzen, nicht das Ausmaß ihres Fühlens für den außerjüdischen Kulturkreis zum ordnenden Prinzip erheben und als Regulativ ihres Tuns wählen können. Maßgeblich wird zuerst und zuletzt das Lebensgesetz ihrer jüdischen Gemeinschaft sein müssen und dürfen. Die bildende, formende Macht des Deutschtums wird sich auch weiterhin an der deutschsprachigen Judenheit und darüber hinaus als wertvoll erweisen, — ob unsere Umwelt und wir selbst dies wahrhaben wollen oder nicht. Denn hier walten „Naturgesetze". Darüber sollte künftighin Auseinandersetzung ebensowenig nötig sein wie über die Tatsache, daß die jüdische Kultur in der Diaspora infolge der gleichen „Naturgesetze" irgendwie von der in Erez Israel differenziert sein wird. Nur die Bünde werden, zumal in der Diaspora, für die Zukunft der Judenheit wesenhaft sein, die sich mit ihrer ganzen Kraft und ohne Klügeln dem Dienste an der jüdischen Gemeinschaft hingeben. Das aber bedeutet für alle jungen .Juden, die in absehbarer Zeit nicht nach „Erez" überzusiedeln gedenken, also auch für viele nationaljüdische: Golah-Bejahung und daher auch Bejahung deutschjüdischen Seins und Erfüllung dieses Seins mit möglichst reichen, hohen jüdischen Werten. „National" und „sozial" muß, in der Sprache unserer Tage ausgedrückt, die Erneuerung und Erfüllung dieses jüdischen Seins in Deutschland und der Diaspora überhaupt sein. „Nationa 1" muß für alle, wie sie sich auch zur Anwendung dieses Begriffes in seinem üblichen Gebrauch auf die gesamte Judenheit stellen