Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-10-01 · 2 (10.1934) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
2 (10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 74 (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094414--4352-3099143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 74 Brie! in die Heimat Liebes Fräulein R. Istambul, 15. August 1934. i Endlich schreibe ich Ihnen einmal. Wir haben jetzt 2*A Monate Ferien und eine schreckliche Hitze (täglich 40—45 'Grad). Die Tinte trocknet mir ständig ein. Wir haben uns schon sehr gut eingelebt und sind zufrieden, daß wir hier eine zweite Heimat haben können und, wenn Gott will, neu Fuß fassen können. Die Landschaft und die Stadt ist ja wirklich herrlich; von unserem Haus haben wir eine wunderbare Aussicht. Wir sehen ein Stück vom Bosporus und ins tiefblaue Meer hinein.1 Am Horizont sieht man den Olymp und hohe Berge, davor lagern sich steile Inseln. Dann können wir den Hafen überblicken und sehen Alt-Stambul mit den vielen, prächtigen Moscheen und Minarets. Ueber all das wölbt sich der ewig blaue Himmel. Die Farbenpracht ist hier fast das schönste, wenn man dann noch abends die Sonne grade zwischen den Minarets der Hagia Sofia untergehen sieht, und dann gerade von jedem Minaret die Stunde ausgerufen wird, dann ist es wie im Märchenland, trotz des vielen Modernen. Hier ist es überhaupt ganz eigenartig: bei dem Modernen, Neuen findet man noch das Alte, Orientalische. So steht z. B. unser Haus, mit einem gepflegten Garten, zwischen lauter verfallenen Bretterbuden. Die Menschen sind hier sehr sauber, da sie immer die Waschungen vornehmen müssen. Sie sind genügsam «und mit allem zufrieden, die wenigsten können überhaupt weder schreiben noch lesen. Jetzt ist natürlich Schulzwang, und der alte Glaube wird sehr unterdrückt. So darf z7 B. nicht mehr arabisch gebetet werden, und Religionsunterricht dürfen die Kinder in der Schule nicht mehr haben, auch wir nicht. Seit wir hier sind, sind überhaupt schon so viele neue Gesetze herausgegeben worden, so daß in noch 10 weiteren Jahren die Türkei bestimmt genau so modern sein wird wie die europäischen Staaten. Es ist schade, denn so sind die Menschen glücklicher und zufriedener; es gibt keinen Arbeitslosen, sie finden immer eine Arbeit, als Träger oder Verkäufer, und geht es ihnen schlecht, so ist es eben vorher bestimmt. Schon das Straßenbild ist ein ganz anderes. Alles wird auf der Straße verkauft, man muß es immer erst erhandeln. Entweder tragen die Verkäufer ihre Waren selber, oder kleine Eselchen schleppen sie auf dem Rücken. So schreien sie in allen Tonarten und bieten ihre Waren feil. Mit dem Sprechen geht es schon ganz gut. Französisch kann ich bald perfekt. Mit Türkisch geht es noch schlechter, es kommt daher, weil jeder hier auch französisch spricht amd türkisch ist es viel schwerer und fremder. Es gibt auch wirklich keinen richtigen Lehrer, und eine bestimmte Rechtschreibung ist auch noch nicht herausgegeben worden. Türkisch gleicht wirklich sehr dem Hebräisch, so finde ich. Ich gehe in die deutsche Schule hier. Die Lehrer sind alle Deutsche, aber mein Klassenlehrer ist sogar ein Jude. (Eigentlich gehen kaum Deutsche in diese Schule, vielleicht 10 Prozent, das andere sind Levantiner, Türken oder Juden. Die Unterrichtssprache ist natürlich deutsch, die Kinder können alle wie wir deutsch, höchstens betonen sie etwas falsch. Die meisten haben es in den Vorbereitungsklassen oder in dem Kindergarten gelernt. In der Schule wird sehr viel verlangt, mehr als in Deutschland, wir haben auch viel mehr Stunden. Es macht mir hier aber vielmehr Spaß, denn alles geht gerecht zu, und die Lehrer sind noch alle sehr jung, ungefähr 30 Jahre alt, und sind mehr Kameraden als Lehrer. Ich komme jetzt nach den Ferien wie in Deutschland in die UH. Jetzt in den Ferien gehen wir 2—3mal in der Woche baden den ganzen Tag. Wir gehen meistens in ein Bad am Bosporus an der Mündung ins Schwarze Meer schwimmen. Der Bosporus ist jetzt am schönsten und kühlsten. Riesengroße, alte Sultanspaläste aus weißem Marmor liegen an den Ufern, von großen Parks umgeben, oft auch von schattigen Wäldern aus Palmen und Pinien. Ich möchte so gerne einmal wieder in einem Wald sein, denn so etwas gibt es hier kaum, hinter der Stadt ist öde Steppe. Diese schönen Märchenschlösser sind aber oft ganz verlassen und verkommen und werden als Kohlenspeicher benutzt; so verkommt hier alles, es ist jammerschade, kein Mensch kümmert sich darum. So schön es im Sommer hier ist, so schrecklich war es im Winter. Die ganze Zeit goß es. Wenn ich dann an den schönen Schnee und das Eislaufen in Deutschland denke, an die schattigen Laubwälder und an unser nettes Häuschen, so bekomme ich schrecklich Heimweh. Trotzdem müssen wir froh sein, daß wir hier sein dürfen, und das tröstet uns auch immer und verkneift das Heim-# weh. Unsere Heimat bleibt und ist doch noch immer Deutschland, wir fühlen deutsch und bleiben Deutsche. Viele Grüße aus weiter Ferne Ihre I..... Aus der Arbeit der Bunde Brith Hazofim (IPD) Der Brith Hazofim besteht in Frankfurt a. M., wenn auch bisher unter anderem Namen, seit 1929. Im letzten Jahre wuchs die Mitgliederzahl derart, daß im April d. J. eine Aufnahmesperre von unserm Roschhag'dud angeordnet wurde, um die gründliche Erziehung unserer Menschen zu gewährleisten. Der G'dud Frankfurt a. M. zählt 250 Jungens und Mädels, wir sind also hier der größte jüdische Erziehungsbund. Die Arbeitseinheit des Bundes ist die Kwuzah (-Gruppe von 12—15 Menschen). Die Kwuzoth sind nach Alter, Geschlecht und Charakter eingeteilt: Gurim (Jüngere 10—13 Jahre), Zofim (Mittlere 14—17 Jahre), Bogrim (Aeltere über 18 Jahre). Wir erziehen unsere Menschen zu Zofim, jüdischen Pfadfindern, die nicht nur im Bund eine schöne Jugend verleben wollen, sondern aus unserer Erziehung heraus, Erez Jisrael als Chaluzim aufbauen. Bei den Gurim tritt das Spielerische in den Vordergrund, bei den Zofim das Verstehen und innere Auseinandersetzen, bei den Bogrim die Verwirklichung der Zofiuth: der Einsatz für's jüdische Volk, Chaluziuth. Heimabende, Fahrten und Feiern geben unserm bündischen Leben die Ausdrueksform. Auskunft bei Gert Rosenberg, Beethovenstraße 59, Telephon 79648. Bund deutsch-jüdischer Jugend Die Heimnachmittage der bündischen Gruppe finden im Oktober wie folgt statt: . - Montag von 17—19 Uhr für 10—12 u. 12—löjährige Jungens: Basteln Dienstag von 17—19 Uhr für 12—15jährige Erste Hilfe bei Jungens: Unglücksfällen Donnerstag von 17—19 Uhr für 12—15jährige Erste Hilfe bei Jungens: Unglücksfällen Donnerstag von 18—19 Uhr für Mädels: Basteln Freitag von 16—17^ Uhr für 12—15jährige Jungens: ' Basteln Beschäftigung Samstag von 15—17 Uhr für 10—12u. 12—15mit jüdisch. Gejährige Jungens: schichtejüdisch. Samstag von 17—19 Uhr für 12—15u. 15—17- Religionsgejährige Jungens: bräuchen, Bun- Samstag von 17—19 Uhr für 13—15jährige des-Ideologie u. Mädels: Persönlichkeitsschulung. Den Bünden steht an dieser Stelle Raum für Beruhte aus ihrer Arbeit zur Verfügung Besucht das Museum jüdischer Altertümer!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.