Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 2 (10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 71 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 2 OKTOBER 1934 Alle Artikel Bind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, zu richten. Jugend und Gemeinde — es geht alle an! „Jugend und Gemeinde" ist der Titel, der an der Spitze der Seiten des Frankfurter Israelitischen Gemeindeblattes steht, die von dem Lehen der Jugend unserer Gemeinde sprechen sollen. Nicht als ob hier die wechselnden Beziehungen zwischen der Verwaltung der Gemeinde und den Organisationen der Jugend allein zur Sprache kommen sollten. „Jugend und Gemeinde" ist im weitesten Sinne als Name für diese Spalten gewählt worden: Jugend, das ist nicht nur die in den Bünden zusammengeschlossene beträchtliche Zahl von Jungens und Mädchen, sondern das sind auch die, die ihren Weg außerhalb bündischen Zusammenschlusses suchen und finden. Auch die ganz Jungen in- und außerhalb der Bünde sind es und selbst sie sind hier aufgerufen, die dem 'Bund sich entwachsen fühlen. Und Gemeinde? Gemeinde ist uns die einzig existente alle Juden umfassende Gemeinschaftsform in unseren Tagen und in unserem Land. „Jugend und Gemeinde" will und wollte nichts anderes sein als der Ort, an dem die Fragen aufgeworfen, die Antworten gegeben werden zu allen Dingen unseres Lebens als junge Juden. Hat die Beilage „Jugend und Gemeinde" wirklich das erfüllt, was sie sich als Ziel setzte? In den Jahren ihres Erscheinens hat die Beilage „Jugend und Gemeinde" eine besondere Form für sich gefunden: die Schriftleitung hat ein Thema zur Erörterung gestellt, sei es durch eine Rundfrage, sei es durch Zuteilung von Themen an einige Referenten und hat dabei eine beachtliche Höhe gedanklicher Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen bündischen Richtungen erreicht und lebendig erhalten. Abgesehen aber von der bedauerlichen Zurückhaltung der 'meisten Leser, von sich aus zu den Fragen der Jugend und der jüdischen Gemeinschaft das Wort zu ergreifen, hat diese gewiß wertvolle Formung der Jugendbeilage andere Nachteile mitgeführt: vor allem waren ausgeschlossen oder fühlten sich nicht angesprochen, alle, die außerhalb der Jugendbünde stehen. Dann brachte die Problematik der aufgeworfenen Fragen eine Schwere und Gewichtigkeit in diese 'Blätter, die für viele das Lesen erschwerten, für die meisten die Vorstellung wachhielten, hier könne nur der mittun, der sich einer Ausdrucksweise bedienen könne, die — vorsichtig gesprochen — akademisch anmutet. Das Leben der jüdischen Jugend ist aber heute so wenig akademisch wie nur je. Das Leben der jüdischen Jugend in- und außerhalb der Bünde ist in unseren Tagen von Spannung und Bewegtheit, von Frische und zuversichtlichem Wollen erfüllt. Unsere jüdische Jugend war nie weniger langweilig als heute, ihre Interessen waren selten so sehr auch die der „Gemeinde" wie im Augenblick. Davon soll in Zukunft „Jugend und Gemeinde" berichten. Wir wollen nicht auf das wertvolle Gespräch zwischen den Vertretern der Richtungen verzichten, das uns bisher aufhorchen ließ. Aber es sollen nicht nur die Fragen von der Schriftleitung gestellt, sondern von den jungen Lesern aufgegriffen werden. Und jeder junge Jude unserer Gemeinde soll Leser dieser Blätter werden. Sie sollen so mit jüdischer Jugend verwachsen sein, daß sie immer beim Erscheinen im Kreise der Frankfurter jüdischen Jugend erörtert — anerkannt oder abgelehnt —, aber beachtet werden. Sollten wirklich nur die Führer der Jugendbünde im Stande sein, zur Jugend und von der Jugend zu sprechen? Wird nicht invielenJungenundMädchendieBe gabung, auch die literarische Begabung, vorhanden sein, von Erlebnissen zuberichten, von Fahrten und Büchern, von Feiern und Heimveranstaltungen, von der Arbeit und von Erfahrungen? Wir wollen keine Stätte für geistreiche Auseinandersetzungen bieten, sondern Raum für alles, was Jugend angeht. Wir werden vom Schüler, auch vom jüngsten, ebenso gerne uns berichten lassen, wie vom Berufstätigen. Wer da glaubt, etwas zu sagen zu haben, was den anderen bereichern könnte, der möge von hier aus sprechen. Die Bünde sollen in der Beilage „Jugend und Gemeinde" die Plattform sehen, von der aus sie sprechen, auf die hin die anderen blicken werden. Die nichtbündische jüdische Jugend aber soll hier ihren Zusammenhang suchen und finden auf dem gemeinsamen Weg mit aller bündischen Jugend zur jüdischen Gemeinde. Jüdische Jugend Frankfurts! Macht Euer Blatt, :7?e Beilage „Jugend und Gemeinde", zu Eurer Zeitung! Fühlt Euch als die Verantwortlichen an ihrem Ausbau! Arbeitet mit! Keiner soll abseits stehen. Kritik ist uns wichtig, aber sie muß zu uns dringen. Schreibt, wie Ihr könnt und wie Ihr es für richtig haltet! Nur eines vergeßt darüber nicht: Jugend und Gemeinde — es geht alle an! Die Schriftleitung Der Sfandorf unserer Jugend Von >Dr. Gustav Löffler Man hörte in letzter Zeit mancherorts das Wort vom Siege der Jugend im Kampfe der Generationen um die Gestaltung der neuen Gesellschaft. Auch für unsere jüdische Jugend wurde kürzlich bei einer großen Kundgebung von einem ihrer berufenen Führer die Rolle des Siegers beansprucht. Es ist kein Zweifel, daß heute im öffentlichen Leben die jungen Menschen die beherrschende Farbe im gesellschaftlichen (Bilde abgeben. Tonangebend, führend aber ist gegenwärtig nicht etwa, eine Führer- Schicht der Jugend, sondern — zum mindesten in den Ländern, die eine Revolution nach dem großen Kriege durchliefen, — eine kleine Schar von „Frontkämpfern", unbewußt oder bewußt angetrieben von Ideen der neuzeitlichen Jugendbewegung. Insofern darf man wohl vom sieghaften Lauf der — Jugendbewegung sprechen. Nicht aus Wortspalterei geschieht diese Feststellung, sondern weil wir hierdurch Maßstäbe erhalten, die uns für die Beurteilung des Geschehens in unserer Umwelt,' aber auch im jüdischen GesellschaftsnBereich wichtig erscheinen, vor allem wichtig zur Bewertung heutiger bewegter jüdischer Jugend. Kennzeichnend für die gesamte deutsche Jugend dieser Tage, mag sie nun in den staatlich geförderten beiden großen Verbänden (HJ und BDM) organisiert sein oder nicht, ist ihre stete Bereitschaft zum Dienste am deutschen Volke. Hierzu läßt sie sich nach den bündigen Bestimmungen des Reichs-Jugendführers in ergreifender Selbstlosigkeit bilden. Die Grundsätze der „Eigengesetzlichkeit" und des Lebens „aus eigener Verantwortung", die mit der „ersten Meißner-Formel" die Anfänge der deutschen Jugendbewegung kennzeichneten, sind hier nicht mehr spürbar, würden vielmehr heute als Aeußerungen einer liberalistischen Zeit abgetan. Aber die Jugendbewegung selbst hatte ja einige Jahre nach dem Kriege diese individualistischen Regungen als unwürdig empfunden und überwunden. In der „Zweiten Meißner- Formel" verkündete man zwar ganz wie früher jenen edlen Willen