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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-10-01 · 2 (10.1934) · p. Seite 53

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
2 (10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 53 (sequence 11)
Language
German
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Seite 53 ganze Anzahl von Werken Alt heims und Ewalds, denen Goldschmidt persönlich nahe gestanden hat, war da verzeichnet; weiter OBui'ger, Lunteschütz, Scholderer und gar ein Spitzweg — alles Meister einer geruhsameren behaglicheren Zeitperiode. Nußbaum und Lismann, Scheil und Wedel und so manche andere unserer Generation sind frühzeitig von Goldschmidt gewürdigt und gesammelt worden. Descamps, Hamilton, Zick sind vertreten gewesen und — aus dem 16. Jahrhundert — kein Geringerer als Albrecht Dürer mit einem Holzschnitt. Einige Holzplastiken aus dem 15. und 16. Jahrhundert, silberne Leuchter aus verschiedenen Stilepochen, holzgeschnitzte Bauernstühle des 17. Jahrhunderts und Sitzmöbel aus dem Rokoko mochten manchen Kunst- und Antiquitätenfreund interessieren. Weiter lag da— nunmehr ungewohnt übersichtlich ausgebreitet — eine ganze Anzahl älterer Münzen und etwa 3 0 Gegenstände altägyptischer Kleinplastik, darunter recht gefällige Darstellungen. Nicht sehr groß, aber auf vielerlei Kulturgebiete eingestellt, war die B i b 1 i o t h e k des ungemein gebildeten Mannes, der in fast allen Künsten die Kenntnisse des Fachmannes mit dem Geschmack des Liebhabers vereinte: unter seinen Büchern hat sich manch reizvolle Ausgabe französischer und deutscher Klassiker befunden. Der Verdi-Schwärmer besaß die meisten Klavierauszüge des größten italienischen Opernkomponisten der Neuzeit. Freilich galt das Interesse des Publikums längst nicht allem, was zur Versteigerung gelangte, und wenn Goldschmidt es erlebt und gesehen hätte, zu welch lächerlich geringem Preis viele seiner modernen Bilder und Gemälde verkauft wurden, es hätte ihm wehe getan. Oder — vielleicht hätte er nur sein bis zuletzt blondes Haar geschüttelt und zu ungezählten feingeschliffenen Aphorismen und Epigrammen, die ihm unsere Welt mit all ihren Schönheiten und Gebresten eingegeben hat, ein paar weitere geprägt. S' SJZwei jüdische Männer Deutschlands Von zwei jüdischen Männern Deutschlands soll hier gesprochen werden, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Schriftsteller und Forscher Glanzvolles geleistet haben — Julius Rodenberg und Daniel Sanders. Es ist Pflicht und Aufgabe gerade unserer Zeit, wieder einmal an die Bedeutung dieser Deiden Persönlichkeiten zu erinnern. Nicht, als ob sie während ihrer Lebenszeit verkannt oder durch widrige Umstände niedergehalten worden wären. Sie fanden im Gegenteil in geradezu besonderem Maße den Dank und die Anerkennung ihrer Zeitgenossen. Ja, sie erlebten die Genugtuung, Dichter und Schriftsteller zu ihren Bewunderern zu zählen, die ihrer Verehrung in poetischer Form öffentlich Ausdruck gaben. So fand Julius Rodenberg, als Kurhesse unser engerer Landsmann, zu einer Zeit, als ihm die ersten dichterischen Lorbeeren grünten, schon die Wertschätzung eines Ferdinand Freiligrath. Denn lange, ehe Rodenberg als Herausgeber der „Deutschen Rundschau" Name und Ruf gewann, jener Rundschau, der Größen wie Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyer und Marie v. Ebner- Eschenbach ihre Arbeiten bereitwillig zur Verfügung stellten, hat er sich durch seine Erzählungen und lyrischen Gedichte bekannt gemacht. Rodenberg, der in späteren Jahren vortreffliche Schilderungen des Berliner Lebens veröffentlicht hat, und der auch seine Reisen durch England und Frankreich fesselnd zu schildern wußte, blieb in seinem Herzen der treue Sohn seiner Heimat. In der Schrift „Aus der Kindheit" beschreibt er sein jüdisches Elternhaus mit derselben Innigkeit wie seine hessische Heimat, die er immer wieder aufsuchte. Als im Jähre 1853 Rodenbergs „Lieder" erschienen, fanden sie auch den Weg zu dem damals in England im Exil lebenden Ferdinand Fr eilig rat h. Welche Gefühle der Sehnsucht die Verse des hessischen Heimatdichters in dem Verbannten erweckten, zeigt das nachstehende Stämmbuchblatt: In Julius Rodenbergs Album. Den jungen frischen Liedermund Will ich an Wald und Wiesen, An Buchenhang und Eichengrund Zum Boten mir erkiesen. Die Heimat grüß er tausendmal, Die seine und die meine, Den Lipperwald, das Wesertal, ' Schaumburg und Externsteine. Und Dorf und Stadt und Baum und Strauch Und allwärts auf den Auen Das blonde Volk mit blauem Aug', Die Männer und die Frauen. Heil ihm, daß i n der Heimat er Darf für die Heimat singen, Und mög ihm jeden Sommer mehr Sein freudig Lied gelingen! Der Sprachforscher Daniel Sanders, ein geborener Mecklenburger, hat ebenfalls die Genugtuung erlebt, von seinen Zeitgenossen geschätzt und gewürdigt zu werden. Er war aus dem Lehrerstande hervorgegangen, war Altphilologe und Germanist. Seine ersten literarischen Versuche waren poetische Uebertragungen biblischer Stellen. Seine eigentliche überragende Bedeutung aber liegt auf dem Gebiete der deutschen Sprachforschung. Sein „Wörterbuch der deutschen Sprache" in drei Bänden ist ein Standardwerk ersten Ranges. Es kann garnicht daran gedacht werden, im Rahmen dieser kleinen Abhandlung seine zahlreichen deutschkundlichen Werke wie Wörterbücher, Grammatiken, Rezensionen, Sprachbriefe und Literaturgeschichten namentlich aufzuführen. Keine Lehrerbibliothek, in der seine Bücher nicht vertreten waren. Er ist tief in die Bedeutung des deutschen Wortes eingedrungen und hat den Geist der deutschen Sprache wie wenige erfaßt. — Sein Leben war das eines zurückgezogenen Gelehrten, sein Forscherfleiß war sprichwörtlich. Als 1897 Daniel Sanders in seiner Heimatstadt Strelitz starb, herrschte Trauer in der Gelehrtenwelt, und sein Heimgang wurde von den Geistigen seiner Zeit beklagt. Der satirische Schriftsteller Richard Schmidt-Cabanis, die Spottdrossel seiner Zeit, stimmte seine Leier um und sandte dem Sprachgenie folgende Verse ins Grab: Hält nun dein leuchtendes Aug' ewige Nacht gebannt, Ruht nun vom Lebenswerk deine erkaltete Hand! Hat den gewaltigen Geistesringer Doch überwunden der Allbezwinger? Wenn auf dem blutigen Plan sinkt ein sterbender Held, Fernher zieht Weheruf über Heide und Feld; Ahnungsbang rauschende Totenklage Seines Volk3 (so deutets die Sage). Kämpe der Wissenschaft, dir um den Hügel auch Weht vom Süden und Nord klagender Geisterhauch. Dir, unseres Heimatslauts tapferem Hüter, Treuer Eckhart der heiligsten Güter! — Ruhmreicher Helden Bild ragt bald in Stein und Erz, Siegeslorbeergekrönt hebt er sich himmelwärts, Daß in der Zukunft Seele es senken Mag durch den Anblick das Angedenken! Du hast das Edelmetall „Sprache" in Form uns gefüllt, Du aus dem Marmor des „Worts" schufest dir selbst dein Bild, Das nicht eher in Staub kann zerfallen Als mit des deutschen Sprachklangs Verhallen! Julius Rodenberg und Daniel Sanders sind aus der deutschen Heimat- und Sprachgeschichte nicht wegzudenken. Wie sehr fühlten sich diese Männer mit Heimat und Sprache verbunden! Wie sehr aber auch ihre Mitwelt sich mit ihnen verwachsen fühlte, zeigen in eindringlicher Weise die beiden hier mitgeteilten Gedichte. E. Gut OSCAR BACHARACH KLE,PE5öSre«f??*

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