Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 2 (10.1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 51 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 51 in ihrer Selbstverständlichkeit fast banal klingende Feststellung, muß auch hier als Forderung einleitend erhoben -werden. Man hat bisher in einer Ausschließlichkeit über geistige und seelische Belange deutschen Judentums gesprochen, daß man verzweifelt sich nach dem Verstehen für das augenblickliche Geschehen fragt. Was heute in Deutschland geschieht, wird stärker als je zuvor von dieser dritten Dimension, dem Körperlichen, bestimmt. Wir deutschen Juden müssen zumindest diese 'Geschehnisse überprüfen, sichten. Die Forderung einer Bewußtmachung jener dritten Dimension soll aus der gleichen Linie erfolgen, wie die der geistigen und seelischen. Man hat deren Situation in den Geschichtsablauf hineingestellt und aus ihm Klarheit gesucht. Und weil nur dann eine echte Sinngebung des zu Tuenden erfolgen kann, wenn man weiß, wie alles geworden, eben s o geworden ist, darum sei jene Linie aufgezeigt, die ich die Geschichte der Leibesübungen im Judentum nennen möchte, und die es genau so gibt, wie eine Geschichte der Kunst bei den Juden seit der Diaspora. — Genau wie diese eine echte Problematik "aufweist, hat sie auch die Geschichte des jüdischen Sports. Es ist Aufgabe, das Problem zu klären, wieweit es überhaupt einen „jüdischen Sport" gibt, seit wann, und wie seine Bestimmung lautet. in. Das biblische Judentum kannte nur Sport in einer Form, die wir heute schlechtweg als „wehrhafte Ertüchtigung der Jugend'" bezeichnen würden. Was also an Leibesübungen getrieben wurde, stand unter diesem Aspekt völkischen Wehr-, ja Eroberungswillens. Diese Zweckbestimmung der Leibesübungen verhindert jede Entwicklung, die wir heute „Sport" nennen. Leibesübungen treiben heißt da Kriegskunst erlernen: reiten, fechten, werfen. Als aber später ein Gymnasion in der Nähe des Tempels erstand, wo man nach römischem Vorbild nackt übte, da war es eine Selbstverständlichkeit, daß das Judentum dagegen stand. Jerusalem und Kom, — da lagen nicht nur tausende Meilen, sondern Welten dazwischen! — Nicht Körperfeindlichkeit oder Ablehnung des Waffenhandwerks, sondern nationale Gründe (Ablehnung der fremdländisch-römischen), religiöse Anschauungen (Kampf dem Heidnischen, der Ueberbetonung des Körperlichen) u. a. m. ließen dieses erste Gymnasion eine Stätte Roms und der Römer bleiben. Teilnahme an Wagenrennen mit ihren Wetten, an Fechtübungen wurden sogar ausdrücklich verboten. „Panem et circensis" kein unjüdischeres Wort ist denkbar! — Als dann Jahrzehnte später in Alexandrien ein zweites Gymnasion geschaffen wird, gibt es jüdische Jünglinge, in Rom erzogen, von Rom geformt, die dort ihre Spiele treiben, den Diskus werfen, fechten, ringen, sich im Faustkampf gegenübertreten, mit Fäusten, die mit Lederriemen umwickelt sind, ja Mitglieder des damaligen Weltsportverbandes „Heraklit" werden. Wagenrennen zwischen Juden und anderen werden ausgetragen. Doch das jüdische Volk bleibt in seiner Gesamtheit dem fern. Und so kann Josephus Flavius, der getreuliche Chronist einer Epoche jüdischer Geschichte, von der Tapferkeit jüdischer Krieger immer und immer wieder berichten, aber nur einmal erwähnt er einen jüdischen Springer, Juda ben Jehousadab. — Nach wie vor bleibt allein die wehrhafte Ertüchtigung der Jugend Postulat völkischen Wehrwillens. rv. Die Nation "zerfiel, das Volk verging, doch was blieb, war mehr alß Volk. In den Heeren aller Herren Länder kämpften Juden und hie und da nennt das Schrifttum dieser Reiche ihren Namen. Das mittelalterliche rabbinische Schrifttum fordert, daß ein jeder schwimmen könne, doch bleibt die Teilnahme an Rennen und Reiten weiter verboten. — Da wird 1509 „Ott, der getaufte Jud" Meisterringer von Oesterreich. Er ist der erste „Sportler" in unserem heutigen Sinne. Er ließ sich taufen. Um starten zu können? Oder stieß man ihn aus den engen Gassen des Ghettos hinaus wie manchen anderen, der eigene Wege ging? — Von da ab wird des öfteren von jüdischen Sportlern berichtet. Vor allem sind es jüdische Boxer, deren Namen das Sportland England immer und immer wieder nennt, von ihnen berichtet und . Stiche nach ihnen zeichnet.. So wird. 1796 von Lyons berichtet; von Daniel Mendoza (1784)' schreiben die Zeitgenossen „one of the most elegant and scientific boxers recorded in the annuals of pugilism". Er war es, der Boxhandschuhe und Regeln in unserem Sinne zuerst einführte, die von allen späteren Boxern beachtet, weitergeführt wurden. Der Mittelgewichtler Samuel Elias, alias „Dutch Sam" ist berühmt durch seine Fairneß und Unbestechlichkeit; ja, von Aby Belasco, dem Apfelsinenverkäufer, berichtet ein Kritiker: „Der Jude benahm sich wie ein wahrer Christ. Er hätte tun können, was er wollte, aber wenn er Jack (seinen Gegner!) in den Seilen in eine gefährliche Situation gedrängt hatte, war er zu vornehm, um Vorteil daraus zu ziehen, hob die Hände hoch, trat zurück, donnernder Applaus." x\ehnlich wird von Belasco (1817) erzählt, seine „athletische Schönheit" gerühmt. Diese Namen leiten jene seltsame Kette jüdischer Boxer ein, deren heutiger Endpunkt die Tatsache ist, daß von den neun Weltmeistern der einzelnen Gewichtsklassen fünf Juden sind, daß in den Vereinigten Staaten Boxer sich jüdische Namen aus Reklamegründen zulegen.*) Bald traten auch auf anderen Gebieten der Leibesübungen Juden in die erste Reihe: im Tennis: Suzanne Lenglen, Lacoste, Austin, Prenn, um einige wenige zu nennen; im Tischtennis: die ersten fünf der Weltrangliste 1934. Man könnte nun die psycho- und physiologischen Voraussetzungen überprüfen, die zu diesem Ergebnisse geführt haben, man könnte sie rassebiologisch zu erklären suchen, oder gerade entgegengesetzt durch das geschichtlich Gewordene, durch Lebensumstände, soziologische Verhältnisse erklären. — Doch hiervon ist zu anderer Zeit an anderer Stelle zu sprechen, denn wir müßten die Ergebnisse der Aufbauarbeit seit 1933 weitergehend überblicken können und in rein sportliche Gebiete vordringen, die an dieser Stelle nicht zu behandeln sind. V. Zum ersten Male wurden 1898 in der „Jüdischen Turnerschaft" jüdische Sportvereine zusammengeschlossen. Aus den anfangs 800 Mitgliedern waren 1914 2400 geworden. Aber der größte Teil der jungen deutschen Juden stand in den Reihen der allgemeinen Sportverbände, verflochten mit ihrer sportlichen Existenz die Forderung: im Sport gibt es keine Parteien, Konfessionen und Rassen! Sportsmann sein, heißt Charakter sein. Er und die Leistung entscheiden allein. 1921 wurden die Reste der „Jüdischen Turnerschaft'' im „Deutschen Makkabikreis" zusammengefaßt, dessen Vereine den allgemeinen deutschen Sportverbänden unterstellt wurden, in sich aber wieder Teile des Makkabiweltverband sind, und auf dem national-jüdischen Gedanken sich aufbauen. Ueberall wurden deutsche Juden in breiterer Front Träger des sportlichen Gedankens. Mögen es Gründe der Abwehr, der Zeittendenzen oder andere Motive gewesen sein, es genügt, die Tatsache hier aufzuzeigen, daß es Hunderte von Juden in der Welt gibt, die Landesmeister, Weltmeister oder Olympiasieger wurden, als bedeutende Sportführer sich für ihre Heimat einsetzten. Da geschah das Jahr 1933. Wir jüdischen Sportler wurden aus unseren Verbänden gewiesen. Nur wenige konnten, noch wenigere wollten bleiben. Zwangsläufig wurde nun der „Sportbund des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten" gegründet, um den aus den deutschen *) Siehe weitere Angaben des Verf. unter Kennwort „Sport" in dem Ende Oktober erscheinenden Philo-Lexikon. IvMMrwieder- UtfrffZ Schlaganfälle Arterien verkalkun Beugen Sie rechtzeitig vor'mit Disarteron, dem bewährten, reinen 4- Pflanzenpräparat Zahlreiche Ärzte bestätigen die überaus günstige Wirkung ' Disartcroa^ Erhältlich In Apotfteken *