Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 1 (9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
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JUGEND UND GEMEIND Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde__ Nr. 1 SEPTEMBER 1934 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der "Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, zu richten. Jüdische Jugend und Jüdische Feste In diesen Blättern wird von jungen Menschen über die Beziehung der jüdischen Jugend, besonders der jüdischen Bünde, zu den jüdischen Festen gesprochen. Wir setzen den Ausführungen einen Brief Chajim Nachman B i al iks voraus, den dieser am 20. März 1930 an David U manski-Ginnegar riditete. (Aus dem Sdiodien-Almanadi auf das Jahr 5695) Feiert die Feste eurer Väter! Sehr geehrter Herr! Feste erdichtet man nicht aus dem Herzen. Schon König - Jarowam (Jerobeam) hat dergleichen versucht, und es ist ihm milaglückt. Man kann „Form" und „Stil" der Feste ein wenig zurechtmachen, aber mau kann nicht aus dem Nichts neu ein Etwas schaffen. Feste sind ein Gegenstand gemeinschaftlicher Schöpfung, woran vielerlei und verschiedenartige Kräfte ihren Anteil haben: Glaube. Ueberlieferung, Geschichte, Kunst, Natur und manches andere. Und so wie man auf Bestellung oder nach Anweisung oder durch einen Beauftragten nicht gute Gedichte schreiben kann, so kann man auch kein Fest und kein Festprogramm bestellen. Die wahrhaftige Festesfeier geht vom Herzen aus, und kommt durch den Heiligen Geist in die Welt. Fehlt aber dieses — was können Ihnen dann Ratschläge aus der Ferne fruchten? Mein einziger Rat ist dieser: Feiert die Feste eurer Väter, und fügt nach eurer Kraft und eurem Geschmack und nach euren Umständen ein wenig von Eigenem hinzu. Die Hauptsache bleibt, daß ihr alles im Glauben tuet, und aus lebendiger Empfindung und aus dem Bedürfen der Seele heraus. — Und lasset das viele Klügeln! Unsere Väter wurden ihrer Sabbate und Festzeiten nicht überdrüssig, obschon die alJ ihr Leben lang immer wieder in der gleichen Art und Weise zu ihnen kamen. Sie fanden von Mal zu Mal neuen Sinn und neue Erweckung darin. Und wissen Sic warum? Weil Saft in ihnen war und der Segen des Festes in ihren Seelen eine Wohnstatt hatte. Findet aber einer in den Festen und Feierzeiten keinen Sinn, dann ist das ein Zeichen dafür, daß seine Seele leer ist und sein Inneres wochentäglich. Und für. solche gibt es keine Abhilfe. B i a 1 i k Jüdische Feste und jüdische Jugend Jüdische Jugend erlebt wieder jüdische Feste. Bar Erlebnis ist aber nicht einheitlich. Dem Kinde trägt die Welt der Farben und Klänge und außerordentlichen Dinge einen Ransel) seinei eigenen Seele, die so stark mitschwingen kann, zu. Dem Reifenden ist das Außerordentliche Anlaß, nur einer unter vielen, zui kritischen Stellungnahme. Dem jungen Menschen auf dem Lande — vielleicht auch im konservativen Milieu der Stadt — ist eine Menge von Vorfreuden, Freuden der Vorbereitung, zugänglich, die in der Hinfuhrung zu den Feiertagen von nicht geringer Bedeutung sind. Die fallenden Blätter der dämmerigen Wege an Selichothtagen, die Kränze und Sträuße des Ernteschmuckes dei Sukkoh sind genug besungen worden. Man. ist versucht zu sagen: reich ist die Fülle der Erlebnisansprache, greift nur in sie hinein! Dieses Greifen muß von mehreren Seiten aus versucht werden. Das Elternhaus, das durchschnittliche, im deutschen Judentum hat hier eine einzigartige Gelegenheit. Eltern spüren, daß ihr junger jüdischer Wille nicht getragen wird von jüdischen Kenntnissen. Sie empfinden diesen Mangel besonders dort, wo sie selbst dazu aufgerufen sind, ihren fordernden Kindern Jüdisches zu geben. Die Welt der Feiertage bringt ihnen eine Welt voll pädagogischer Möglichkeiten ins Haus. Es darf sich aber nicht beim nur Schönen und Gemütlichen (Kerzenzünden. Liedersingen) genug sein lassen. Gerade der ernste Charakter der Jomim noroim bezeugt, daß hinter all dem ein Ernst der Entscheidung zu stehen hat. Und der der Kindheit entwachsende Mensch hat ein großes Verständnis dafür, daß aus dem Spiel mit Feiertäglichem Ernst des Bekennens werden muß. Es habsn nach der Fülle der jüdischen Festeswelt die Bünde zu greifen. Und sie tun dies auch. In einer Weise allerdings, die nicht immer geeignet ist, dieser Welt gerecht zu werden. Will man aus jüdischen Zeiten der Feier nur Beweisstücke für völkisches Denken ziehen, sp verfälscht man ihren Sinn. Nationalfeiertage künden vom Wirken der Nation. Jüdische Feiertage künden davon, daß unserem Volke über alle Regeln irdischen Geschehens hinaus Wunder geschahen. Die Siege, deren wir uns erinnern, sind nicht Siege unserer Kraft, sondern das Eingreifen einer überstrategischen Macht. Die Erstarkungszeiten jüdischen Volksbewußtseins bezeugen nicht Erstarken völkischen Bewußtseins, sondern Starkwerden des Wissens um die transnationale Sache, die diese Gemeinschaft zum Volke macht. So können schon — und müssen auch — diese Tage als erste und eindrucksvollste Beweisführung für Geschehen um und mit uns beigezogen werden. Sie werden aber nur zeigen,• daß unsere Geschichte nicht abläuft nach der Weise der Geschichte anderer Völker. In diesem besonderen Sinne hätten die hohen Feiertage eine eigene Bedeutung für das Leben und das Denken im Kreise der Bünde. Hier tritt Sprache an uns heran, die niemals abgleiten kann ins allzu Politische. Hier verweht die Versuchung, Judentum zu nivellieren dem Geschehen des Tages, das Einschlagen des Schicksales abzuleiten durch allzuirdische Sicherungen. Hier müssen einmal die gewiß vordringlichen Fragen des Lebens schweigen vor der Frage nach dem Sinn und Sollen dieses Lebens. Man hat vielleicht bisher im Kreise der Jugend solche Sprache als zu theologisch abtun wollen. Es ist aber höchste Zeit, sich solcher Sprache zu stellen. In einem nur ihnen zu eigenen Sinne können die Tage des Ernstes gerade denen unter jüdischer Jugend etwas bedeuten, die mitten im Arbeiten und Geschehen dieser unserer Jugend stehen. Diese Tage meinen den Einzelnen, der in Jugendkreisen —■ nicht nur bei uns — viel zu selten gemeint ist. Wir wissen von dem Notwendigen des Hinfindens zur Lebensweise im Kollektiv. Wir wissen von den erzieherischen Leistungen, die gerade auf diesem Gebiete gefordert und gebracht werden. Wir wissen aber auch vom Klagen, daß etwas zu kurz zu kommen droht, daß etwas vernachlässigt wird, worum es uns noch einmal sehr leid wäre. Das Erleben des eigenen Werdens, des eigenen Schicksales, fast des eigenen Seins. In den Anfangstagen des Tischri steht gleichwertig und gleich gerufen neben dem „Ihr" und ..Wir" das „Du" und „Ich". Und das tut uns so not. Wir Jungen verstehen auch die Weisung dieser Tage auf eine uns ganz eigen nahe Weise. II m kehren und Neu a n fang e n, Besinnung über Weg und Wollen sind uns jüdische Losung. Sie sind aber der jugendlichen Seele eigener Zustand. Ihr ist die Welt noch nicht ein Abgeschlossenes, Hinzunehmendes. Der eigene Platz darin ein immer wieder zu