Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 1 (9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11 Musik des Balkans und des Orients; Kowalski läßt die Dichtungen Verlaines und die Poesien Persiens auf sich wirken; Rosy Geiger- Kullmann schlägt die Brücken zur Geisteswelt Indiens und Chinas. Auch in der Musik sind Städte nicht selten Sammelpunkt künstlerischer Individualitäten geworden, deren Schaffen durch Uebereinstimmung der Seelenhaltung und der Technik, durch Aehnlichkeit der Zielsetzung und des Ausdrucks den Begriff „Schul e" rechtfertigt. Wir kennen die „Wiener klassische » Schule", wir sprechen von einer „Münchener Schule", in der die Fortschrittler „neudeutscher" Prägung zusammengehalten werden, von einer „Berliner Schule", die den Geist der klassischen und romantischen Tradition hütete. Ein solcher Generalnenner für den Stil läßt sich schon bei den Frankfurter Komponisten des deutschen Kulturkreises, bei Kaff, Scholz, Ursprucb, Knorr, nicht gewinnen; weniger noch bei den Musikern semitischer Abstimmung, trotz der Tatsache, daß drei von ihnen die Unterweisung eines Lehrers. Bernhard Sekles', genossen haben, also Vorbedingungen einer „Schule" in besonderem Maße erfüllen würden. So scheint sich auch hier das Wort Goethes vom Judentum als einem Volk der Individualitäten zu bewahrheiten! Nur Mut Eine chassidische Legende von I. Britan Einzig autorisierte Uebertragung von Dr. Bernshard Hirschberg-Schrader in einer kleinen Ortschaft lebte ein frommer wohlhabender Chassid, Heb Meier. Eines Tages erfuhr er, daß in der Nachbarstadt die Versteigerung einer sehr guten alten Fabrik stattfinde. Reb Meier zählte sein Geld, achtzehntausend Rubel (achtzehn — eine Glückszahl!), nahm seinen Buchhalter mit, ohne den er sich wie ein Mensen ohne Hände fühlte, und fuhr in seinem Wagen zur Stadt. Unterwegs wurde es dunkel. *Sie übernachteten in einem Gasthof und setzten am nächsten Morgen ihren Weg fort. Als sie bereits in der Nähe der Stadt wraren, fuhr Reb Meier plötzlich vor Schreck zusammen: die Brieftasche mit dem Geld war fort, verloren oder im Gasthof zurückgelassen. Achtzehntausend Rubel! Das war vor neunzig Jahren ein Vermögen. Der Buchhalter wollte umkehren, aber Reb Meier sagte: „Nein, ohne dich wird aus dem ganzen Geschäft nichts". Es war bereits halb zwölf geworden, um zwölf Uhr mußten sie zur Stelle sein. Sie fuhren weiter. Plötelich werden sie angehalten. Es war ein Freund Reb Meiers, - ein steinreicher Mann. Sie kamen ins Gespräch. „Machen Sie sich keine Sorgen, Reb Meier, hier sind achtzehntausend Rubel, bei Ihnen ist das Geld gut aufgehoben." Reb Meier eilte zur Versteigerung. Er wollte unter allen Umständen die Fabrik erwerben. Und er hatte Glück. Eine Woche später wurde ihm für die Fabrik das Doppelte, das Dreifache, das Fünffache geboten . . . Reb Meier äst ein reicher Mann geworden. Die Schuld hat er sofort zurückgezahlt. Drei Monate später kommt Reb Meier mit seinem Buchhalter wieder an dem Gasthof vorbei. „Herr, lassen Sie uns hineingehen, vielleicht ist das Geld unversehrt", meint der Buchhalter. „Nein, lieber nicht, man darf einen Menschen nicht in Verlegenheit bringen. Wenn der Gastwirt das Geld aufgehoben hat und es mir zurückgeben will, wird er es schon aus freien Stücken tun", erwiderte Reb Meier. Währenddessen hatte der Besitzer des Gasthofes Reb Meier durchs Fenster erblickt. Er kam sofort gelaufen und rief: „Reb Meier, Sie haben bei. mir das Geld vergessen, hier ist es." Als Reb Meier das 'Geld empfangen hatte, — er gab es später dem Synagogenvorstand zur Verteilung an die Armen — begann er bitterlich zu weinen. Der Buchhalter wunderte sich, wagte aber nicht zu fragen, um ihn nicht zu verwirren, denn er sagte sich, daß das . plötzliche Weinen seinen Grund haben müsse. Fünf Jahre vergingen. Der Buchhalter hatte sich selbständig gemacht und besaß in einem Städtchen ein kleines Geschäft. An uinem Freitagabend schließt er den Laden, geht auf die Straße hinaus und erblickt einen armen, sehr hinfälligen alten Mann. „Mein Gott, Reb Meier! Wie sehen Sie aus? Wo ist das viele Geld geblieben?" „Alles längst dahin, alles, ich habe keine Kopeke mehr." Der ehemalige Buchhalter Reb Meiers hatte Mitleid. „Hier sind fünf Rubel, kaufen Sie sich Wäsche, gehen Sie dann in die Badeanstalt und kommen Sie zum Sabbätmahl zu uns." Der Tisch war gedeckt, das Essen aufgetragen, aber Reb Meier fehlte noch. Der Buchhalter wird ängstlich. Vielleicht ist dem alten Manne was zugestoßen. Er eilt in die Badeanstalt. Alles ist leer. Plötzlich hört er jemanden singen. Der Gesang scheint aus der letzten Badezelle zu kommen. Der Buchhalter betritt den Raum — und findet dort Reb Meier. Da wird der Gastgeber ungehalten. „Hören Sie, Reb Meier, wir warten die ganze Zeit auf Sie, das Essen ist schon kalt geworden, und Sie sitzen hier und singen. Kleiden Sie sich an und kommen Sie mit mir." „Ich soll mich ankleiden? Das ist leichter gesagt als getan. Wie soll ich das machen, wenn man mir alles gestohlen hat, alles, die alte und die neue Wäsche, die Kleider und die Schuhe. Ich bin vollkommen nackt." „Das ist allerdings ein großes Unglück, Reb Meier. Aber weshalb singen Sie denn?" „Weshalb ich singe? Erinnerst du dich, daß ich in Tränen ausgebrochen war, als ich die achtzehntausend Rubel zurück- ... bekommen hatte. Damals war es recht von dir, mich nach dem Grunde meines Kummers nicht zu fragen. Jetzt aber will ich es dir erklären. Ich mußte weinen, weil mir alles geglückt war wie kaum einem anderen auf der Welt. Ich hatte alles. Und es war mir zum Bewußtsein gelangt, daß es mir nicht mehr besser gehen kann, eher schlechter. Du siehst, ich habe recht behalten. Aber jetzt, da ich nichts mehr besitze, da es nicht mehr schlimmer werden kann, singe ich. Jetzt kann es nur besser werden." ©en Slrmen au« feiner 2lo< mb 3er* SfoeifJung retten; 3$m fcen Stauben an Me Silf$bere{tf*aff feiner jüMfe&en Sritöer erhalten; ®ur$ Äo&lfun jufatnmen mit tDm tot» 6#idfal tragen! 3üi>if$e MlfaWflege $ranffurt am 3!iam pojlfWfonto: Sranffurt am Slafo 3lr. 54*92 ämuf 28249-