Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-09-01 · 1 (9.1934) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
1 (9.1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094413--4283-3099073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 10 Sekles hat sich immer wieder als Meister der kleinen Form bewährt. Besonders die „P h a n t a s t i s c h e.n Miniaturen" („Gesichte") für Orchester, die „15kleinenKaninierstücke" und die jüngst uraufgeführte, als Hausmusik gedachte „Suite" für drei Streicher zeugen von seiner Fähigkeit, in enggespanntem Rahmen Vollgültiges zu sagen. Selbst dann, wenn der Komponist, wie in einem mehrsätzigen Orchester werk aus den letzten Jahren die Bezeichnung „Symphon'ie" wählt, ist der Eindruck «iner im Kern intimen, kammermusikalischen Gestaltungsweise vorherrschend. Es ist bezeichnend für seine innere Kraft und Selbständigkeit, daß Sekles sich bei aller Hellhörigkeit und. Experimentierlust niemals vom Zentrum seiner künstlerischen Natur hat abdrängen lassen. Er ist nie in die Exzesse der Fortschrittsleute verfallen, sondern er hat stets die geistigen Zusammenhänge respektiert, die ihn mit der Welt der Klassik und der Romantik verbinden. Sie treten am deutlichsten in seiner Kammermusik zutage, die Werke verschiedener Besetzung umfassen, unter ihnen ein durchsichtiges, reizvoll zwischen Altem und Neuem vermittelndes Streichquartett op. 31. Das Bild der vielseitigen, an dieser Stelle naturgemäß nur in knappsten Umrissen darstellbaren Persönlichkeit Sekles' bliebe allzu skizzenhaft, wenn man nicht wenigstens kurz noch des ausdruckssicheren, feinfühligen Lyrikers gedächte, dem wieder besonders für exotische Stimmungen eine reiche Faubenskala zu Gebote .steht. * Reine Lyriker sind in unserem so unlyrischen Zeitalter selten geworden. Der ungewöhnliche Fall, daß ein Musiker sich nahezu ausschließlich auf dieses ..undankbare'" Gebiet beschränkt, liegt bei Max Kowalski vor. Von wenigen Klavierstücken und der Bühnenmusik zu dem in Köln aufgeführten Schelmenspiel „Till Eulenspiegel" abgesehen, ist er nur mit Liedern hervorgetreten. Seine hervorragende lyrische Begabung stellt Kowalski in etwa 80 erschienenen Liedern unter Beweis, für das große-Publikum am zwingendsten in den vielgesungenen „P i e r r o t - L i e d e r n". In ihnen deutet der Komponist schlagkräftig und variabel die ironischsentimentalen Gefühlsgehalte der Dichtungen Verlaines in einer für Sänger und Begleiter gleich ergiebigen Weise aus. Dem alten Gesetz, daß die Gegensätze sich anziehen, scheinen die .,M a r i e n - L i e d e r" ihr Enstehen zu danken. Diese Gabe zum Sichversenken in eine fernliegende Glaubenswelt wird auch durch Lieder aus anderen Gruppen kenntlich. Vergleicht man frühe Arbeiten mit denen aus neuerer Zeit, so macht man die Beobachtung, daß Kowalskis Stil keine weitgreifenden Entwicklungsphasen hat. Der zarte, klarschwingende, gemütsv warme Ton, der seine ersten Gaben auszeichnet, beherrscht ohne wesentliche Veränderungen auch die letzten Publikationen, seine demnächst erscheinenden sechs Goethe-Lieder op. 17. Die jetzt abebbende Epoche des stürmischen Kampfes gegen die überkommenen Formen, der auch die Lyrik der letzten Jahrzehnte umbrandete, ist an Kowalski völlig abgeglitten. Er steht, seine Eigenart wahrend, genau wie ehedem fest auf dem Boden tonalen Denkens. Er ist aber darauf bedacht, diesen durch feine harmonische Wendungen individuell aufzulockern. Selbst stimmbegabt, hat der Komponist den Vokalpart stets sehr glücklich zu behandeln verstanden; eine Ursache mehr dafür, daß viele Konzertsänger gern zu den Arbeiten Kowalskis gegriffen haben. * Auf einer weit breiteren Grundlage baut Rosy Geiger-Kull- Hans Marcus Treuhänder und Fachberater fUr Steuer- und Devisenrecht Frankfurt a. M., Goethestr. 5 Telefon 28561 mann. Sie ist ebenfalls aus der Schule von Bernhard Sekles hervorgegangen. Nicht weniger als vier dramatische Arbeiten — die heiter-romantische Oper „E m a n u e 1 e" nach einem Stoff E. T. A. Hoffmanns, dann „Ritter Lanzelot vom Se e", der Buf fo- Einakter „D er Hut" und die .Volksoper „V o g e 1 f uß" harren noch der Annahme. Ueber verschiedene Bühnen ist das wirksam kindlicher Musikfreude angepaßte Märcheuspiel „Tischlein deck dich" (Basel 1929) gegangen. Der Konzertsaal hat sich der Komponistin dagegen verschiedentlich erschlossen. Den Orchesterliederzyklüs „Die chinesische Flöte" brachte Carl Schuricht 1923 in Wiesbaden heraus, nachdem schon 1917 die „0 r c h e s t e r v a r i a t i o n e n über ein eigenes Thema'* an der gleichen Stätte ihre erfolgreiche Uraufführung gefunden hatten. Es ist das Verdienst des Dirigenten an der Westend- Synagoge, Frank Rothschild, wenigstens durch die Wiedergabe von Bruchstücken auf das Oratorium „M o s e" aufmerksam gemacht zu haben. Das vorgesehene Orchester mußte allerdings durch die Orgel ersetzt werden. Trotz dieser Einschränkung kam eine eindringliche Wirkung zustande. Sie ergibt sich aus dem starken formalen Talent und aus dem natürlichen Sinn für die Führung der Singstimmen; nicht zuletzt auch aus der noblen Gesamthaltung der Tonsprache. Wagner und'Brahms sind es vorzugsweise, die den Stil Rosy Geiger-Kullmanns haben bilden helfen. Ebenso ist einiges vom Wesen der neueren Musik in die Sprache der Komponistin eingedrungen, ohne das Eigenleben ihrer Phantasie zu zerstören. Mit das Persönlichste findet sich in den Liedern, unter denen die Tagore-Lieder an wichtigster Stelle stehen und in den Frauenchören a cappella zu Texten „Aus des Knaben Wunderhorn". Das gegen komponierende Frauen vielfach vorhandene Vorurteil zu bekämpfen, ist unter den lebenden jüdischen Komponistinnen in Deutschland vielleicht keine so befähigt, wie gerade Rosv Geiger-Kullmann. * ■ Auf eine nur durch wenige Werke gekennzeichnete, anscheinend schon abgeschlossene Laufbahn als Opernkomponist blickt Max W o 1 f f zurück. Mit der Jugendarbeit „D a s h e i ß e E i s e n" trägt er an der Frankfurter Oper 1909 einen Erfolg davon. Anerkennung fand einige Jahre später in Hamburg „Der Heilige". während „Frau Berthes Vespergang", zu der sich Wolff mit geschickter Hand das Textbuch geschrieben hat, auf dem Nürnberger Fest des Allgemeinen Deutschen Musikvereins kein positives Votum erreichte. Wagner und sein Lehrer Max v. Schillings wirken bestimmend auf die Stilgebung ein: ihnen folgt Wolff in der scharfen dramatischen Akzentuierung und im üppigen Farbenauftrag. Seine schriftstellerische Begabung hat Max Wolff in neuerer Zeit Theaterstücken nutzbar gemacht, von denen dem Lustspiel „Reserviert für Gaston" eine besonders freundliche Aufnahme bereitet worden ist. * Noch eines Musikers aus dem Nachwuchs sei gedacht: des jetzt nach Paris übergesiedelten früheren Mitarbeiters am Frankfurter Sender, Erich Itor Kahn. In Kammermusiken und Liedern bekennt sich dieser ohne Zugeständnisse zur Gefolgschaft Schönbergs. Die Zukunft muß zeigen, ob und wie weit seine Begabung die Kraft zu einer selbständigen Entwicklung aufbringt. Auch hier dürfte wie so oft der neue Wirkungskreis mitentscheidend für die Zielsetzung und für das Ergebnis werden. * Sieben Persönlichkeiten habe ich in diesem „Kreis Frankfurter Komponisten" in, Umrissen zu skizzieren versucht. So verschieden ihre Eigenart ist, allen ist wieder gemeinsam, daß sie fest im deutschen Kulturleben wurzeln und doch auf Anregungen aus den Kulturen anderer Zonen stark reagieren. Der Charakter Frankfurts, die geistige Aufgeschlossenheit, begegnet sich hier mit einer spezifischen Eigenschaft des westeuropäischen Juden: der Fähigkeit zum schnellen Verarbeiten neu eindringenden Kulturgutes. Einer Art Weltbürgertum — ein Kennzeichen der künstlerisch und wissenschaftlich interessierten jüdischen Schichten Frankfurts — verdanken auch die Komponisten Wesentliches: Sekles horcht auf den Pulsschlag der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.