Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 1 (9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 leichtern. Die Beratungsstelle ist wegen dieser und anderer Fragen in ständiger Fühlung mit den Vertretern der Jugendbünde. Neben der Berufsumschichtung hat sich die Arbeit der Beratungsstfelle immer stärker auf das Gebiet der Wirtschaftsberatung undWirtschaftshilfe konzentriert. Ein Stab von ehrenamtlichen kaufmännischen Fachberatern berät in eingehender Weise mit den Besuchern ihre Angelegenheiten in den Sprechstunden. Das Ergebnis der Einzelberatungen wird allwöchentlich einmal in einer Gesamtsitzung aller Mitarbeiter durchgesprochen und gründlich erwogen. Durch den Austausch der Meinungen in dem aus den verschiedenen Fachgruppen bestehenden Gremium ergibt sich ein klares Bild der angebrachten Maßnahmen. Vielfach erfolgt nur Wirtschaftsberatung, häufig aber wird eine Wirtschaftskredithilfe beschlossen. Durch die Gewährung dieser Kredite, die die Beratungsstelle aus eigenen Mitteln durch die Jüdische Leihkasse gibt, konnten schon viele Existenzen erhalten oder neu aufgebaut werden. Besondere Unterstützung erfuhren Kaufleute und selbständige Vertreter, die mit Hilfe der gewährten Darlehen ihre Tätigkeit wieder aufnehmen und sich und ihre Familien ernähren konnten. Leider konnten nicht alle Ansprüche befriedigt werden, da die dazu erforderlichen Mittel nicht vorhanden sind und auch voraussichtlich in nächster Zeit nicht vorhanden sein werden. Da sich in der Aufbringung der für die großen Aufgaben nötigen Gelder in letzter Zeit Schwierigkeiten ergeben haben, ist die Unterstützung der Sozialaufgaben der BeratungsstelledurchprivateFördererunentbehr- 1 i c h, da ja die im Gang befindlichen Umschichtungskurse und Wirtschaftsmaßnahmen nur durchgeführt werden können, wenn dauernd von allen Seiten geholfen wird von allen, die irgend dazu berufen und in der Lage sind. Im Atelier bei Max Liebermann Von Dr. Sascha Walter Rathenau wollte mir eine Empfehlung an seinen Vetter Max Liebermann geben. Ich zögerte, schüchternes, erstes Semester, das ich damals war. Aber Rathenau redete mir zu, und der quecksilbrige, bizarre, alte Frankfurter Schriftsteller Salomon von Halle, der zufällig in Berlin war, bot sich mir als Begleiter in die Höhle des Löwen an. So kam ieh in das Atelier des längst berühmten Malers. Er empfing uns sehr freundlich. Im Vorraum hing das lebensgroße, schöne Doppelbildnis seiner Eltern, das seine gute, bürgerliche Herkunft gleichsam repräsentierte. Skizzen zu angefangenen Gemälden lagen auf dem Boden, Studien in aufgeschlagenen Mappen: eine Fülle, die kaum mit den Augen zu bewältigen war. Zuweilen dasselbe Thema in Malerei und Zeichnung, nur das Motiv leicht verändert Das später berühmte Portrait Gerhart Hauptmanns stand gerade frisch auf der Staffelei. Das Bild, meinte Liebermann lächelnd, sei Hauptmann ähnlicher als er sich selbst in Wirklichkeit sei. Tiefsinniges Paradoxon auf die Natur, nach der man „angetreten". Ein Kopf eines älteren Herrn stand an der Wand: die scharfen Züge und der kühle Blick waren gemildert durch die weiche Farbigkeit der Malerei. Reiter am Perlmutterstrand des Meeres glänzten in grauer Silbrigkeit von ferne. Liebermann holte immer neue Bilder zur Besichtigung herbei, zeigte uns seine Nebenräume mit ihren Schätzen. Auf der Schmalwand eines Zimmers hingen die berühmten „Spargel" Manets, jene Delikatesse eines Stillebens, das man zu -schmecken glaubt. Er erzählte von Paris, von Bildern, die er dort gesehen habe. Dann warf er plötzlich mit betonter Ironie hin, auch Italien habe ein gutes Bild: den Papst Innozenz des Velasquez bei Doria. Ein wenig stolz berichtete er, das er auch einen Papst. Leo, den Dreizehnten, zu malen habe. Er werde ihn segnend darstellen. Mein pastellhafter Schlapphut und mein toniger, graubeiger Flauschmantel ä la Liebermann gaben mir Sicherheit und Mut, mollig in mir selbst ruhend, den Maler zu betrachten, wie er dastand und plauderte. Er schien Berliner, Jude und Spanier in Schwab acher / einer Person zu sein. Wirklich, dieser Norddeutsche hatte etwas Spanisches: seine geschmeidige Eleganz und Nervigkeit erinnerten an Männerbildnisse des Velasquez. Aber in den Höhlen seiner Augen wohnte Urweisheit seines alten Stammes. Er funkelte von Ideen. So meinte er „Was einer nicht schon weiß, wird er nie erfahren". Ich begriff, daß er von Anfang an zu jenen gehört hatte, denen Wissen der Dinge gegeben war. Die Unterhaltung streifte das Leben, überflog die Jahrhunderte. Man sprach auch über Goethe und Weimar. Liebermann erzählte heiter, man begegne in Weimar auffallend vielen, schönen jungen Mädchen. Goethe, das Genie, habe für alles in Deutschland gesorgt, auch für guten Nachwuchs. S. von Halle lief unruhig im Atelier hin und her, aus Angst, die Unterhaltung könnte gepfefferter werden — für mich — das junge Mädchen, über das er väterlich zu wachen pflegte. Aber ich hörte zwischen Scham und Entzücken diesem überlegenen Manne zu. Seine Berliner Schnauze, die der Sicherheit seiner Vorstellungskraft, der Freiheit seines Geistes eine drollige Würze gab, amüsierten und packten mich. Und Liebermann seinerseits freute sich an meinem jugendlichen Erröten anläßlich seiner gesalzenen Witze „Wenn det mir doch ook noch passieren könnte!" Das Gespräch wogte hin und her. Liebermann sprühte, S. von Halle parierte: Schaumschlägerei, aus der Perlen blitzten. Als wir uns endlich verabschiedeten, holte Liebermann aus einem Schrank ein Exemplarseines soeben erschienenen, selbstverfaßten Bändchens über „Degas" hervor und schenkte es' mir „Zur Erinnerung an den kecken Maler". Ich war beglückt über seine Freundlichkeit und betrachtete die braunwarme Einbanddecke mit der Tänzerin „schwellend im Raum". Auf der Treppe meinte S. von Halle, ein Zeichen an den Atelierbesuch müsse in das Buch. Schnell nahm er seinen kleinen Bleistift, und schrieb hinein „Dem jungen Mädchen verehrt von Max Liebermann, dem vorzüglichen Maler und Frauenkenner" und darunter in ganz kleinen, bescheidenen Buchstaben „S. von Halle als Begleiter". DEUTSCHE EFFECTEN.UND WECHSEL «BANK Konstabier Wache Allerheiligensirasse 89 Osthafen Hanauerlandstrasse 125 Bockenheim Leipzigersirasse 50 vormals L A. Hahn — gegründet 1821 — Akt.-Ges. seit 1872 FRANKFURT AM MAIN Kaiserstrasse 30 Individuelle Beratung Auch in den Städten: Höchst a. M. Dalbergstrasse 3 'Offenbach a. M. Frankfuriersirasse 54