Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 1 (9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 In der Aufklärungszeit wurde das Jüdisch-Deutsch auch mit dem Beinamen „Jargon" belegt. Dies geschah mit Absicht; die Bezeichnung wurde in gewollt verächtlichem Sinne gebraucht. Darüber brauchte man sich nicht zu wundern, denn dergleichen lag ganz in der Zielrichtung der Aufklärung. Verwunderlich aber bleibt es, daß auch Gelehrte vom Jüdisch-Deutschen mit einer Verachtung sprachen, die durch nichts begründet war. Abraham Geiger spricht vom „ekelhaften Jargon". Heinrich G r a e t z nennt den Jargon eine „halbtierische Sprache". Selbst Jost, der zugibt, daß das jüdisch-deutsche Schrifttum einen überaus guten Einfluß auf die sittliche Gesinnung der jüdischen Volksmassen geübt hat, kann nicht umhin, den Jargon als „ein allem Geschmack hohnsprechendes Wortgemisch" zu bezeichnen. Diese Urteile beruhen auf einer Unkenntnis des jüdisch-deutschen Idioms. Jüdisch-Deutsch klingt durchaus nicht mißfällig, allenfalls nicht mißfälliger als jeder andere Dialekt. Im Gegenteil, das Jüdisch- Deutsch verfügt über eine gewisse Bieg- und Schmiegsamkeit, wie man sie selten in einer Sprache findet. Gerade durch die Verschmelzung des Hebräischen mit dem Deutschen werden die Ausdrucksformen beweglich und die Wortreihen gleichsam zwanglos aneinandergefügt. Von Regeln der Grammatik unbelastet, bewegt sich die jüdisch-deutsche Sprache leicht und frei, etwas sprunghaft zwar, aber doch nicht wiild und zügellos. Keine Anarchie herrscht in ihrem Reiche. Sie besitzt ungeschriebene Sprachgesetze, die eigentlich niemand kennt und die doch jedermann befolgt. Jedes Wort findet seinen richtigen Ort und jeder Satz wird mit natürlicher Gesetzmäßigkeit gebaut. Die ersten Anfänge einer jüdisch-deutschen Literatur reichen bis ins fünfzehnte Jahrhundert. Die ältesten literarischen Erzeugnisse in Jüdisch-Deutsch waren Erbauungsbücher, für die Frauen und die Jugend bestimmt. Die Sittenbücher, die gegen Ende des sechzehnten und Anfang des siebzehnten Jahrhunderts erschienen, fanden unter den Juden große Verbreitung. Die Belehrungsschriften und Erbauungsbücher, in denen buntgemischt biblische Erzählungen und talmudische Weisheits'sprüche, zudem Fabeln und Märchen mit moralischer Nutzanwendung den spannenden Lesestoff boten, wurden an Sabbaten und Feiertagen von Jung und Alt mit Andacht gelesen. In diese Zeit fallen auch die ersten Versuche, biblische Stoffe, wie die Geschichte Josefs und seiner Brüder, der Kampf David mit Goliath, die Rettungstat der Königin Esther, zu dramatisieren. Aber die Schreiber jener Tage ließen es bei solchen sprachlich und stofflich jüdischen Literaturerzeugnissen allein nicht bewenden, sie waren vielmehr bemüht, den Umfang des jüdisch-deutschen Schrifttums durch Uebersetzungen zu erweitern. Es ist bezeichnend, daß das erste gedruckte Buch in jüdisch-deutscher Sprache — das „Bovobuch" des Elia Levita (Venedig 1507) — die Uebersetzung eines berühmten englischen Romans war. Auch ältere deutsehe Heldendichtungen und unterhaltende Erzählungen wie „König Artus Hof", „Till Eulenspiegel" und andere wurden ins Jüdisch-Deutsche übertragen. Den Grundstein zur modernen jiddischen Literatur legte in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Mendel Lepin, ein geachteter Gelehrter seiner Zeit. Er veröffentlichte eine jüdisch-deutsche Uebersetzung der Sprüche Salomos in Versen. Nach dem Erscheinen dieses Buches setzte ein offener Kampf gegen das Jüdisch-Deutsch ein. Ein hebräischer Schriftsteller, Tobias Feder, veröffentlichte eine Schrift gegen das „Machwerk" Lepins. Feder protestierte: ein Gelehrter wie Lepin darf und soll nicht „Jargon" schreiben. Die Streitschrift Feders rief noch andere auf den Plan, die teils für, teils gegen den Jargon Stellung nahmen. Die Preßfehde war indessen für die Entwicklung eines jiddischen Schrifttums von nicht geringem Nutzen. Manche Gelehrte und Schriftsteller, die bislang nur Hebräisch schrieben, besannen sich mit einem Male der jüdischen Volksmassen und ihrer Sprache und begannen Jiddisch zu schreiben. Ein praktizierender Arzt in Samosz, Doktor Ettinger, schreibt ein Theaterstück in jiddischer Sprache; ihm folgt A. B. Gottlob er, ein bedeutender hebräischer Schriftsteller, mit einer dreiaktigen Komödie. Alexander Zeder bäum, der Begründer der ältesten hebräischen Tageszeitung „Hameliz", gibt zwei jiddische Wochenschriften heraus. Gelehrte und Dichter, wie lsak Ber Lewinsohn und Jakob Eichenbaum, veröffentlichen neben ihren hebräischen Werken auch einige Bücher in jiddischer Sprache. Unter den jiddischen Schriftstellern jener Tage befindet sich ein merkwürdiger Mann namens Michel Oiserkes. Ein Abenteurer. Als Mohamedaner geboren, tritt er erst zum Christentum und dann zum Judentum über, wird Vorbeter in Ortschakow und schriftstellert in Jiddisch. Viel war es nicht, was diese Schreiber boten, auch nicht sehr wertvoll, aber sie brachten doch neues Leben in das jiddische Schrift tum. An der Jahrhundertswende erlebte die jiddische Literatur die Zeit ihrer Blüte. Da traten Männer auf, die nicht mehr „aus Erbarmen" den jüdischen Volksmassen einige Literaturbrocken hinwarfen, sondern aus Liebe zum Volke in der Sprache des Volkes dichteten und schrieben. Da wären vor vielen andern zu nennen: der „Großvater" der jiddischen Literatur S. J. Abramowitsch, der unter dem Schriftstellernamen Mendele Mocher Sforim berühmt geworden ist, der glänzende Humorist S. Rabin o witsch (Pseudonym: Scholem Aleche m), die Romanschriftsteller Dienesohn und Spektor, die Lyriker Frug und Rosenfeld, der unübertreffliche Erzähler chassidischer Geschichten J. L. Perez. der berühmte Romancier und Novellist SchalomAsch und der Dramatiker David Pinski. Ungemein reich an Talenten und Begabungen ist die jüngere und jüngste Generation in der jiddischen Schriftstellerwelt. Die jiddische Literatur war in ihren Anfängen eine „Literatur unter Bedingungen". Das heißt: man schrieb Jiddisch, weil und solange die jüdischen Volksmassen im Osten keine andere Sprache* verstanden. Die älteren jiddischen Schriftsteller waren aufrichtig genug, es frei herauszusagen, daß sie „Jargon" schreiben um des Volkes willen, um das Volk aufzuklären, zu bilden, zu erziehen und es schließlich — dem Jargon zu entfremden. An die Spitze seiner „Geschichte der jargonischen Literatur" stellt Eleasar Schulmann folgenden auf schlußreichen Satz: „Sollte einmal die Zeit kommen, in der die Juden aufhörten, sich de,s, Jargon als Umgangssprache zu,bedienen, so würden wir uns glücklich schätzen". So wie Schulmann dachten damals viele. Die führende geistige Schicht im Ghetto lehnte Jiddisch als Schriftsprache überhaupt ab. Die Talmudgelehrten bedienten sich zur Abfassung ihrer Responsen der talmudisch-hebräischen Sprache, Dichter und Schriftsteller schrieben und dichteten hebräisch, gebildete Kaufleute führten sogar ihre Bücher und Korrespondenzen in hebräischer Sprache. Briefe wurden nur äußerst selten jiddisch geschrieben. Nur der Chassidismus bediente sich der jiddischen Sprache als eines Hilfsmittels, die chassidischen Lehren den breiten Volksmassen zugänglich zu machen. Ein großer Teil des chassidischen Schrifttums mit seinen Wundermären, Legenden, Anekdoten und Parabeln ist in Jiddisch abgefaßt. Die Chässidim gingen von der richtigen Voraussetzung aus, daß man auf die Volksmassen nur in der Volkssprache wirken könne, — ein Standpunkt, zu dem sich später auch ein Teil der hebräischen Schriftsteller bekannte. Erst mit dem Anbruch der jüdischen Renaissancebewegung im Osten begann man das Jiddische anders und höher zu bewerten. Nunmehr nahmen Sprache und Schrifttum einen ungeahnten Aufschwung. Gegenwärtig gibt es im Jiddischen eine stetig wachsende schöngeistigeLiteratur, gediegene Wochen- und Monataschriften, eine weitverbreitete Tagespresse und — was besonders wichtig ist — ein großes Lesepublikum. Kurzum, das Jiddische be sitzt alles, was zu einer gut ausgebildeten Sprache gehört. Und wenngleich letzthin der jiddischen Sprache in Hebräisch ein mächtiger Konkurrent erstanden ist, so hat sie dennoch an ihrei vorherrschenden Stellung innerhalb der jüdischen Volksmassen keine Einbuße erlitten. Gleichwohl läßt sich über die Zukunft des Jiddischen keine Vorhersage machen. Nur das eine steht heute schon fest: während die Dichter dichten und die Schreiber schreiben, übt die Jugend des Volkes ihre Zunge an fremden Sprachen. - Erhaltet die Notstandsküche! Postscheckkonto Jüd. Wohlfahrtspflege Konto N Nr. 86776