Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 1 (9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 Betrachtung zu den Hohen Festtagen von Gemeinderabbiner Dr. Seligmann Worin liegt das Einzigartige des Erlebnisses der Hohen Festtage Neujahr und Versöhnungstag? Was gibt ihnen ihre Hoheit und weltentrückte Größe? Was ist das für eine zauberhafte Macht, die diesen Tagen verliehen ist, daß sie Jahr um Jahr mit unverminderter Gewalt unsre Seele ergreifen und uns ein höheres Leben ahnen lassen? Mancherlei stille Kräfte mögen wohl zusammenwirken, unterbewußte und bewußte Stimmungen, Gefühle und Erinnerungen, die am Gewebe dieser Tage still gewirkt und sie gestaltet haben. Eins aber scheint sie am tiefsten zu enthüllen, eins, dem der große Weise und Dichter Rab Areka in seinem für das Neujahrsfest gedichteten Gebet „Alenu l'schabeach" einen so packenden und unvergänglichen Ausdruck verliehen hat, daß dieses Gebet in die tägliche Liturgie als Schlußgebet aufgenommen wurde: An uns ist es, zu rühmen den Herrn des Alls, Zu huldigen dem Weltenschöpfer, Daß Er uns gewürdigt, Seine Einheit zu bekennen, Und daß Er uns zu Seinem Dienst berufen hat. Vor Ihm beugen wir das Knie, werfen uns nieder Und bekennen in Dankbarkeit Ihn, Den König aller Könige, den Heiligen, gelobt sei er. Er hat den Himmel gewölbt und die Erde gegründet; Seine Herrlichkeit thront im Himmel droben Und Seine Allmachtin den höchsten Höhen. Er ist unser Gott, keiner sonst: Er ist in Wahrheit unser König, keiner außer Ihm. So steht es in Seiner Lehre geschrieben: „Erkenne heute und nimm -es dir zu Herzen, Daß der Ewige der Gott ist im Himmel oben Und auf Erden unten, keiner sonst." Darum hoffen wir zu Dir, Ewiger, unser Gott, Bald die Verherrlichung Deiner Macht zu schauen, Da der Götzendienst von der Erde schwindet Und der Irrwahn ausgerottet sein wird, Da die Welt zum Gottesreich aufgerichtet ist Und die Erdenkinder alle Deinen Namen anrufen, - Da sich alle Gewaltherren der Erde zu Dir bekennen Und alle Erdenbewohner erkennen und wissen, Daß vor Dir jedes Knie sich beugen, Jede Zunge zu Dir schwören muß. Vor Dir, dem Ewigen, unserm Gott, werden sie knien Und sich in Demut beugen, Um Deinem erhabenen Namen die Ehre zu geben. Und sie alle werden das Joch Deiner Herrschaft auf sich nehmen. Mögest Du bald und für Zpit und Ewigkeit ihnen König sein. Denn Dein ist das Reich, und in alle Ewigkeit Bist Du König in Herrlichkeit, Wie in Deiner Lehre geschrieben steht: „Der Ewige wird König sein in Zeit und Ewigkeit", Und wie verheißen worden: ..Der Ewige wird König sein über die garize Erde. An jenem Tag wird der Ewige einzig sein Und sein Name .Einziger'". Dieses Gottesreiches Hauch verspüren wir an den Hohen Festtagen, den Hauch des wunderbaren Reichs, von dem auch in „Unesanne tokeph" gesungen wird, daß es am Neujahrs- und Versöhnungstage erstehe und uns zu sich emporhebe. Dieses Gottesreich, dessen Wirklichwerden wir nur in den wenigen Höhestunden unseres Daseins erleben, ist nicht im Himmel droben, ist keine erdenmüde oderillusionistische Flucht in eine überirdische Welt, wo die Frommen mit Kronen auf den Häuptern auf goldnen Thronen sitzen, wo die Unschuld ihren Himmelslohn findet und die Ruchlosen Höllenqualen leiden. Nein, dieses Gottesreich ist kein seliges Jenseits, das die Verheißungen erfüllt, um die uns dieses Leben betrogen hat: es ist keine traumhafte Zufluchtstätte für die im Mark ihres Wesens Kranken und Gebrochenen, die sich in den Vorfreuden eines sinnlichen Himmels voll irdischer Genüsse schadlos halten wollen für die Enttäuschungen und Schmerzen des Diesseits. Dieses Gottesreich fängt nicht erst nach dem Tode-des Menschen an; es kommt auch nicht, wie das Messiasreich (nach seiner gewöhnlichen Auffassung) am Ende der Tage, sondern, wenn du nur willst, ist es zeitlich jetzt schon da und räumlich hier auf dieser wohlgegründeten Erde. - Dieses Gottesreich, so weltentrückt und ewigkeitsfern es uns auch dünken mag, so nah ist es, oder vielmehr so nah kann es uns sein. In diesem Sinn haben die Propheten, hat Rab Areka, der Dichter des Alenu-Gebets, in diesem Sinn hat auch der große Maimonides das „Gottesreich" verstanden, wenn er sagt, daß die Weisen die jenseitige Welt nicht etwa darum so nennen, weil sie nicht diesseitig und gegenwärtig sei und erst eintrete, nachdem diese Welt untergegangen; nein, das Gottesreich sei jetzt schon und zu allen Zeiten da. - Es ist so weit da, wie wir Menschen es in dieses Leben einbauen. Diesem unsichtbaren Reiche gehört alles Heilige, Ewige, Göttliche auf Erden an, alles Höchste und Beste, das sich über die irdischen Nichtigkeiten, über alles Zeit- und Raumgebundene, alles Sinnliche und Stoffliche erhebt, alle idealen Empfindungen, Gedanken und Taten, oder — um es mit einem entsprechenden jüdischen Wort zu nennen — alles, was TSchem Schamajim, um des Himmels, d. h. um Gotteswillen geschieht. Auf uns wartet das Gottesreich, daß wir es mitten in dieses weltliche, vergängliche Leben pflanzen. Darum ist es nicht als eine Gnadentat Gottes, als ein himmlisches Wunder zu. verstehen, sondern als eine religiöse Forderung, als eine sittliche Aufgabe, wenn wir — bei unserem Schluß-Segensspruch zur Thor'a — Gott dafür danken, daß er Leben der Ewigkeit mitten in unsere Erden- Avelt gepflanzt hat, oder wenn wir in unserm Kaddisch-Gebet um das Kommen des Gottesreiches mit den Worten beten, „daß er es kommen lasse in unserm Leben und in unsern Tagen w'jamlich Malchuseh b'chajechon ub'jomechon". Wir Menschen müssen diese Welt zum Gottesreich aufbauen, wir müssen das Ewige in das Zeitliche, das Jenseits in das Diesseits pflanzen. Wir müssen Mehrer des Reiches Gottes auf Erden, Mitschöpfer Gottes, wie unsere Weisen es nennen, werden. So ist die Herbeiführung des Reichs Gottes nicht so sehr eine messianische Erwartung als eine Forderung, die an das Haus Israel erging und seine Berufung. Eine, Forderung nicht nur für eine ferne Zukunft, sondern für heute, für jede Gegenwart. „Wann wird der Messias kommen?", fragte nach einer talmudischen Legende Rabbi Josua ben Levi den Propheten Elija. „Heute", antwortete dieser, „heute, wenn ihr wieder Gottes Volk werdet und seiner Stimme gehorchtet". Das Gottesreich wartet, daß es von uns, in unserem Leben, in unsern Tagen, durch unsre Lebensheiligung gegründet werde. Wir sollen den Himmel auf die Erde.verpflanzen? indem wir den Ewigkeitswerten eine Stätte im Diesseits bereiten. Nicht Erdenflucht und Himmelssucht, sondern freudige und tapfere Mitarbeit an allem Wahren, Guten und Schönen, optimistischer frommer Glaube an die guten Mächte dieser Erde, Lebensbejahung, auch wenn Grundsäulen unseres Lebens ins Wanken geraten sind, Wahrhaftigkeit, die keinen Zwiespalt duldet zwischen Religion und Leben, zwischen Ethik und Politik, zwischen idealer Forderung und egoistischer Hemmung, das ist die Voraussetzung des Werdens des Gottesreiches, dessen Wirklichkeit genau so groß ist wie die Wirklichkeit des Wahren, Guten und Schönen, das wir verwirklichen. * Zu dieser Verwirklichung rufen uns die Hohen Festtage. Soll das Reich des Wahren, Guten und Schönen nur immer droben an den Sternen hangen und als Wunschgebilde durch unsere Träume ziehen? Ist unser Geschlecht nicht mehr als viele andere berufen, .,1'sakken Olam b'Malchus Schaddai", unsere in Trümmern liegende, jüdische Welt durch das Bauen am Gottesreich neu zu gründen? Gerade Zeiten, wie wir deutschen-Juden sie qualvoll dxirchschreiten.