Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 12 (8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 495 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 495 Erweiterung seines Berufs- und Weltbildes gab, haben wir noch nicht. Hier läge aber einer der entscheidendsten Ansatzpunkte, die übertriebene Abkehr vom Bildungsmäßigen zu mildern. Zu einem Teil wird diese Lücke durch die Bünde ausgefüllt. Gerade die Ernstesten unter den dort Wirkenden geben zu, daß aber auch dort eine wirkliche Bildungsarbeit noch lange nicht erreicht ist. Hierbei ist noch nicht einmal an das empfindsame Fehlen der notwendigen Führerkräfte gedacht. Vielmehr steht auch die Arbeit der Bünde allzuoft allein unter der Forderung dessen, was man morgen schon braucht. GebrauchsAvissen ist aber Mehr jüdische In den letzten Jahren scheint mir die Einstellung der jüdischen s Jugend zur Frage Bildung oder Ausbildung in ein Mißverhältnis geraten zu sein. Diese Auffassung erfordert eine Darstellung des eigenen Standpunktes, überzeugt von der Notwendigkeit einer Aenderung der bündischen Familien- und Schulerziehung. Bildung ist eine Sache des Geistes und des Charakters. Des Geistes insofern, als Neigung und Möglichkeiten zur Aneignung bestehen, des Charakters, soweit angeborene Eigenschaften und das Milieu fördernd wirken. Sie ist abhängig von der eigenen und der Erziehung durch die Umwelt. Mode und Anschauungen des Gesellschaftskreises, in dem man lebt, entscheiden über Minder- oder Höherbewertung. Alle diese Faktoren treten jedoch in den Hintergrund, wo es sich um eine integrale Forderung jüdischer Lebensauffassung handelt. Dabsi gibt es keinen Unterschied zwischen jüdischen und außerjüdischen Disziplinen, da zur wahren Bildung nicht von außen Herangetragenes, sondern nur innerhalb Verarbeitetes führt. So zum Teil einer jüdischen Persönlichkeit geworden, ermöglicht sie erst wahres Judesein. „Lo am haarez chassid", der Ungebildete kann nicht fromm sein. Bildung gibt dem Bereich des Geistig-Seelischen, des Wollens und des Charakters die persönliche Note. Für das Ideal oder auch nur Ziel der Bildung der jüdischen Jugend in Deutschland, von der allein hier gesprochen wird, kann es demnach kein genau umrissenes Programm geben. Da ist zuerst die jüdische Vergangenheit; Geschichte und Literaturgeschichte oft untrennbar miteinander verknüpft. Nicht das einfache Einlernen von Daten und Lebensläufen, nicht schematisches Kenntnisnehmen von Ereignissen und Leseproben, sondern systematisch durchgeführtes Lernen, im Ablauf des Jahres und durch lange Zeit unerschrockenes Durchleben kann allein zu jüdischer Bildung führen. Judesein heißt hier ewig Lernender bleiben. Das hat im großen Umfang des jüdischen Bildungsgutes seinen Grund, noch mehr aber darin, daß Zeit, Ort und Individualität Aufnehmen und Gestalten verändern. Die Parallelität des eigenen Erlebens mit dem der jüdischen Gemeinschaft in der Geschichte, die Aktualität des Woehenabschnittes und der Feste gewinnen produktiven Wert nur für den so »gebildeten" Juden. Dies soll den Wert außerjüdischen Geistesstoffes nicht herabmindern. Wo Neigung zu Philosophie oder Naturwissenschaft, zu Kunst oder Philologie, um nur einige Beispiele anzuführen, besteht, wird wahre Bereicherung nur durch Einordnung in das primäre und zentrale Gebiet jüdischer Bildung zu erlangen sein. Grundsätzlich muß Zwiespalt und Bipolarität vermieden werden, durchdringendes Verbinden, harmonische Einheit letzte Forderung und Ziel sein. Jude sein heißt jedoch in erster Linie, sein Leben nach bestimmten Prinzipien gestalten. Dazu gehört nicht allein die Kennt- . nis des Gesetzes, viel mehr noch eine eigenartige im Willen und Charakter des Einzelnen fundierte Einstellung. Hierbei handelt es Ist Bildung - Mit ihrer ganzen Energie werfen "sich viele junge deutsche Juden heute auf ihren neuen Beruf im Handwerk oder in der Landwirtschaft. Es kostet eine schwere Anspannung aller Kräfte, sich in die veränderten Bedingungen hineinzufügen, denn letzten Endes bedeutet Umschichtung nicht nur das Verändern eines Berufs, sondern bedeutet eine entscheidende Wendung der Lebensführung. Ein kein Wissen, das den ganzen Menschen angeht und bildet. Und vor allem im Judentum hat man sich nie damit begnügt, nur das zu verstehen, was man alltäglich braucht. So können selbst Neuhebräisch, Palästinakunde und die Diskussion von Zeitfragen nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch in den Bünden dem körperlichen Anspruch der neuen Berufe kein wirkliches Gegengewicht gesetzt wird. Es zu erstellen, ist unser aller schwere Aufgabe. Wie es aussehen soll, wissen wir. Rabbiner Dr. Heinrich Lemle Bildung! sich um Dinge, die sich nicht umschreiben lassen. Wie es die Galuthfunktion der Judenheit ist, die Zeiten des Messias durch beispielhaftes Verhalten herbeizuführen, so kann auch das Jüdisch- . sein, die Charakterbildung des Juden, nur durch beispielhaftes Vorleben erzielt werden. Bereitschaft, Fähigkeit, Mut zum Opfer. Bescheidenheit im Glück, Geduld im Unglück, Kampf dem Triebe, Intoleranz gegen sich und Duldsamkeit gegen die anderen, sind Grundpfeiler im Bau des jüdischen Charakters. Notzeiten erfordern in ganz besonderem Maße eine Ueberpnifung der seitherigen Situation. Die gesellschaftlichen Schichten der deutschen Judenheit, der Kaufmann und der Akademiker, hatten in ihrer Ausbildungszeit und nachher genügend Möglichkeiten, sich Bildung anzueignen. Ist dies heute noch der Fall? Oder muß zugunsten der Ausbildung die Bildung zurücktreten? Ohne Ausbildung in einem Beruf ist wahre Bildung nicht möglich, ohne Bildung aber ist Berufsausbildung für einen Juden nur Halbheit. Es kann hier nicht untersucht werden, ob die Verachtung der früheren Berufswahl der deutschen Juden und die fast ausschließliche handwerkliche oder landwirtschaftliche Betätigung der jungen Generation das richtige Verhältnis darstellt von Notwendigkeit und Möglichkeit. Die Form, in der die Lehrzeit absolviert wird, läßt Beschäftigung mit außerberuflichen Dingen nicht zu. Dem besten Willen tut die physische Unmöglichkeit Abbruch. Mit ihr entschuldigt man Versäumnisse in der Erziehung, die nicht wieder gutzumachen sind. Weder in Erez Israel noch, sonstwo wird sich für nur „Ausgebildete" die Möglichkeit eines Judeseins bieten, das über das reine Vegetieren hinausgeht. Alle Versuche, vor oder während der Ausbildungszeit jüdische Bildung zu vermitteln, sind deshalb sehr zu begrüßen. Den Bünden erwächst hier eine große Aufgabe, weil sie dem häufig nur auf das Real-Matrielle gerichteten Standpunkt des Elternhauses die Betonung der Notwendigkeit jüdischer Bildung an die Seite oder entgegenstellen werden. Sie werden dabei erwägen müssen, wieviel sie von der zu leistenden Arbeit selbst zu übernehmen imstande sind oder andere Institutionen benützen können. Elternhaus und Schule können bei richtiger Einstellung wertvolle Hilfe leisten. Die Besinnung auf die ewigen Forderungen des Judentums an uns erheischt Opfer an Zeit, Bequemlichkeit, Verzicht auf unfruchtbare Diskussionen über die Judenfrage, unnütze Versuche " der Abgrenzung künstlicher Gruppen; sie erfordert andererseits unsere uneingeschränkte Bereitschaft, zu lernen, auch umzulernen, stark zu werden im Tun, treu zu bleiben sich selbst und der Vergangenheit unserer Gemeinschaft. Darum trotz erschwerter Ausbildung mehr jüdische Bildung! Dr. Ernst Freimann möglich \ Uebergang zur Handarbeit bringt eine Menge von Fragen mit sich, die zentral in die Persönlichkeit des Einzelnen eingreifen und nicht damit abgetan werden können, daß man die nötigen Handgriffe, die allgemeinste Fertigkeit für den neuen Beruf sich erworben; hat. Man hat sich lange die Frage gestellt, ob Juden aus intellektuellen und bürgerlichen Kreisen auch wirklich Handarbeiter werden