Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 12 (8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 494 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde _ Nr. 11____'___AUGUST 1934 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beitrage für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, zu richten. BILDUNG UND AUSBILDUNG Die letzten Hefte der Beilage „Jugend und Gemeinde" waren den Fragen der Berufsausbildung der jüdischen Jugend gewidmet. Die vorliegende Nummer von „Jugend und Gemeinde" will aus verschiedenen Einsichten, die Schwierigkeiten verdeutlichen, die mit der notwendigen Einordnung der Ausbildungsarbeit in grössere und weitere Bildungsziele verbunden sind. Bildung und Ausbildung Aus der Zeit unserer Geistesheroen ragt ein Bild auf: Einer ihrer größten ist Rab Huna — und zugleich einer ihrer volkstümlichsten. Warum? Er zieht mit seinen Leuten und Knechten ins Feld. Keiner darf ihm das Ackergerät abnehmen. Die-Schulter, die zum Studium gebeugt zu sein pflegt, ist stark, das Werkzeug des Ackermannes zu tragen. — Dieses Bild kann Sinnbild sein -für Auffassung und Gestaltung jüdischer Bildung in einer Zeit, da sie fruchtbar war und lebensnah. Da die uns allen bekannte Verbindung selbstverständlich war: der Gelehrte — Handwerker, der'. Bauer — Forscher. Dann aber setzte ein Geschehen ein, das im Verlauf von mehr als tausend Jahren Gestalt und Art des Juden veränderte, unkennt-* lieh machen sollte. Seiner Hand wurde immer mehr der Boden und mit ihm die Wirklichkeit entwunden. Seine Kraft und sein Tun verloren immer weitere Möglichkeiten, an der Erstellung der sichtbaren und branchbaren Dinge mit Hand anzulegen. Ihnen wurde als letzte Provinz das nur Geistige belassen. So war die Entwicklung eines Gleichgewichts der Kräfte für den Juden zerschlagen. Auch die Ausbildung für die praktische Berufsseite des Lebens verlangte nichts anderes als die Nutzung der geschärften Geistesfähigkeiten. Nur das Geistige bildend, nur im Geiste und vom Geiste lebend — dies alles gegen seinen Willen und gegen seine Art vom Anfang — trat der Jude in die Welt der andern ein. Und sie zeigten keine Neigung, ihm bisher verschlossene Gebiete des Tuns und Lebens wirklich zu erschließen. Sie gewährten ihm Freiheit, die Kraft seines Denkens dem weiten, reichen, von neuen Möglichkeiten strotzenden Leben zuzuwenden, nicht nur zum Nutzen der Juden. Der Jude aber — geächtet und verkannt bisher — sab nur, daß man mit-Leistungen des Geistes schnell die heißersehnten höchsten Stufen der Leitern beruflichen Erfolges und gesellschaftlicher Stellung erklimmen konnte. Er vermißte es nicht, daß man ihm es nicht überließ, den Grundstock der immer notwendigen Berufe, den Boden, auf dem die Leitern stehen sollten, sich zu sichern. Ausbildung hieß ihm nunmehr gewiß, sich auf eine Fülle neuer Dinge einzustellen. Sie alle aber waren beheimatet im Geiste, der jetzt das Recht der Völker bearbeiten lernte, sein Forschen eingliederte dem Eilmarsch fortschreitenden Naturbegreifens und seiner Nutzanwendung für die Medizin, der die Verteilung und Nutzung der strömenden Güter und Reichtümer mit gestalten half. Und so wurde Ausbildung des Juden nichts anderes als Verwelt- Jichung und Steigerung seines schon bisher gut trainierten Geistes. Das Erkennen der Anomalie des Geschehens erwachte erst allmählich, als das Geschehen selbst den jähen und heftigen Schlußpunkt der Entwicklung setzte. Die Wucht bremste nicht nur, sie schleuderte aus der Kurve, wir landeten an entgegengesetzter Stelle; da nämlich wird ein Gegensatz zu sehen sein, wo weithin eine Ueberbetonung, wenn nicht ausschließliche Beachtung der Ausbildung der jetzt als notwendig erkannten Berufe (Handwerk, Landwirtschaft) eingesetzt hat. Das ergab sich und ergibt sich notwendig aus einer Reihe zusammenwirkender Erscheinungen. Die gebietende Wirklichkeit fordert Berufsumschichtung. Die Berechtigung der Forderung erweist der anfangs skizzierte Gang des Geschehens. Die Heftigkeit des' Herausgeworfenseins steigert die Heftigkeit des Umstellens der Berufsschichtung und vor allem die Wertschätzung der wieder neu gewordenen Berufe. Die bisher seltenen, aber lebenswichtigsten Berufe werden angestaunt und idealisiert. Je mehr Glorie ihnen mit Recht umgehangen, um so mehr Schmähung wird mit weniger geschichtlichem Recht den allen Berufen der Juden zugeworfen. Man sieht nur mehr unnatürliche, vergeistigte Berufe, die ausgemerzt werden sollen, und kraftsprühende aufbauende Arbeit der allein man sich verschreibt. Man meint aber dannnur zu schnell: -Kraft und Lebensnähe zu fördern, bedeute Geist und Grübeln als hindernd zu streichen. Eine begreifliche, aber gefährliche Reaktion. Gefährlich, weil wir auch hier wieder in eine unmögliche Uebersteigerung uns verlieren. •Hierzu gesellt sich vielleicht noch eine gewisse Enttäuschung. Die Bildung hatte nicht vermocht, die Mission, die Mendelssohn ihr zugedacht hatte, zu erfüllen. Deutsche Juden hatten mit besonderer Bereitschaft und Aufgeschlossenheit die Kulturgüter der Deutschen aufgenommen und auch ihrerseits gefördert. Und doch durften sie hierdurch im Letzten nicht selbstverständliche Glieder der deutschen Kultur werden. Denen Bildung somit nur ein Wegbereiter in die Umwelt sein sollte; denen ist jetzt ihr Wert überhaupt fraglich geworden. Das plötzliche Umkehren der Dinge ereignet sich vornehmlich im Kreise der Jugend. Darum, weil Bildung und Ausbildung in erster Linie junge Menschen angehen. Und-darum, weil sie zuerst Ernst machen müssen mit der praktischen Umschichtung. Hier wird das neue Beurteilen unterstrichen durch neue Wirklichkeit. Die ungewohnte Arbeit nimmt das ganze Interesse in An- Spruch. Die überwältigende Ermüdung verzehrt die ganze Kraft. Es gilt so viel Neues mit ganzem Einsatz zu lernen, daß alles andere weit zurückgestellt wird. Was so zuerst sicher unvermeidbar ist, wird bald zu einer Selbstverständlichkeit, für viele zu einer Tatsache, die man begrüßt: ausschließlicheAusbildung zum Facharbeiter. Bildung aber ist Luxus und Kraftvergeudung. Man kann dagegen halten, dies wäre für einen großen Teil unserer Jugend ein zu hartes Urteil. Bei vielen könnte man doch einen wirklich-guten Willen erkennen, nicht im neuen Beruf verloren zu gehen und stecken zu bleiben. Hier eröffnet sich aber ein empfindsamer Mißstand. Unsere Bildungsinstitute sind noch nicht genügend mit der Zeit gegangen." Sie sind unpopulär. In der Wahl ihrer Themata wissen sie immer noch nicht dem Interesse einer breiten Masse nahezukommen. In der Art ihres Lehrens nehmen sie noch kaum darauf Rücksicht, daß unsere Menschen nach einem ganz anders gearteten Tagewerk erst spät abends Zeit für Bildung haben können. Die Volkshochschule, die in früheren Jahren auch dem jüdischen Arbeiter gewünschte Ergänzung und