Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 12 (8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 467 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 467 Für aussichtsvoller, weil natürlicher halten wir das Bauprinzip, das Hugo Adler in seinen soeben fertiggestellten „Thoragesängen an den hohen Festen" angewendet hat. Auch dieser Komponist, der als Kantor in Mannheim wirkt, und vor kurzem erst anläßlich der Uraufführung der biblischen Kantate „Balak und Bilam' von sich reden machte, ringt um eine vermittelnde Stellung zwischen synagogaler Tradition und musikalischem Fortschritt. Aber er bewegt sich dabei auf einer anderen Ebene als die meisten seiner Fachgenossen. Als Schüler Ernst T o c h s hat er die letzte Stilwende der Musik in ihrer ganzen Tragweite erfahren. Von der extremen Linie seiner Frühwerke ist er zwar inzwischen wieder abgebogen. Er schreibt auch in seinen „Thoragesängen" keineswegs neutönerische Musik, sondern hält sich schon im Hin blick auf den Gebrauchszweck und die Möglichkeit der Ausführung sehr weitgehend in den Grenzen des Herkömmlichen. Aber grundsätzlich ist er doch den Forderungen der jüngsten Moderne treu geblieben. Im Gegensatz zu Schalit hat er dem romantischen Ideal des ,;Schönklangs" abgeschworen. Er bevorzugt eine strenge, herbe Farbgebung, als Resultat einer horizontalen, selbst vor Härten nicht zurückschreckenden Stimmführung. Auch in seiner Anlehnung an den vorklassischen Stil des musikalischen Barock folgt Adler dem Vorbild der heutigen Musik. (Es ist kein Zufall, daß er einem „Hodo al erez^' die Passacaglia-Form gibt.) Aber alle Mittel eines zeitverbunäenen Musizierens stellt Adler — und das ist für uns das Entscheidende — in den Dienst einer melodischen Üeberlieferung, die in den Synagogen Süddeutsch lands beheimatet und dort noch heut gepflegt wird. So klingen in seinen Gesängen die Thora- und Prophetenweisen der Hohen Feiertage. Die Schofar- und Piutmelodie, ja selbst das „Kol nidreh" an. Diese Motive werden aber nicht als „Reminiszenzen" in eine ihnen stilistisch fremde Umgebung hineingestellt, sondern stellen in entsprechender Umformung, unmittelbar die Bausteine eines organisch gefügten musikalischen Gebäudes dar. Daher macht Adlers Werk, trotzdem verschiedene Stilelemente in ihm wirksam werden, den Eindruck des Ungekünstelten, Ungesuchten. Ein dem „Chasonuth" innerlich verbundener Praktiker musiziert sich hier aus, impulsiv und frisch, manchmal fast zu unbekümmert. Bei aller betont unromantischen, sachlichen Einstellung kennt Adler Gefühl und religiöse Ekstase und weiß sie musikalisch zu gestalten. Für uns ist sein Werk vor allem deshalb wichtig, weil er überzeugend den Nachweis führt, daß sich neue Musikgesinnung und ' synagogale Tradition nicht ausschließen, sondern bei gegenseitiger Durchdringung nur zu gewinnen vermögen. Adlers Gesänge bedeuten zwar noch nicht die volle Verwirklichung eines neuen Synagogenstils, da der Komponist selbst nicht die letzten Konsequenzen aus seinen Anschauungen gezogen hat. Aber sie zeigen die Richtung, in der sich zukünftiges Schaffen zu bewegen hat.*) Die Chance, die heute der Synagogen in usik gegeben ist, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie müßte nicht nur künstlerisch, sondern auch organisatorisch genützt werden. Die Kulturorganisationen, die sich die Juden neuerdings geschaffen haben, müßten ihren Einfluß auch auf das Gebiet der Synagogenmusik ausdehnen; nicht indem sie mit unkundiger Hand direkt eingreifen, sondern indem sie die Produktion fördern und — ein sehr bemerkenswerter Punkt! — den Komponisten die Drucklegung ihrer Werke ermöglichen. Vielleicht wäre es auch an der Zeit, der Zersplitterung und der mangelnden Einheitlichkeit in der synagogalen Musikpflege ein Ende zu machen. Bis jetzt ist es doch so, daß Kantor und Dirigent in ein und derselben Stadt nicht wissen, was ihre Kollegen in der benachbarten Synagoge aufführen. Die zentralen Bildungsorganisationen, etwa die „Mittelstelle für Erwachsenenbildung", könnten sich hier fruchtbar einschalten, indem sie durch Kurse, Literaturnachweis etc. den Kontakt zwischen den in völliger Isolierung arbeitenden Einzelfunktionären herstellen. Bei all diesen Bestrebungen wäre im Auge zu behalten, daß die Frage der Synagogenmusik nicht gesondert behandelt werden darf, sondern in den großen Komplex der „Jüdischen Musik" hineingestellt werden muß. Dieser wissenschaftlich noch keineswegs geklärte Begriff wird gegenwärtig viel diskutiert, leider mehr mit Hilfe des weltanschaulichen Schlagworts als auf Grund sachlicher Argumente. Jüdische Musik kann selbst mit dem stärksten Einsatz von ,,Gesinnung" nicht von heute auf morgen geschaffen werden. Sie muß in Ruhe wachsen. Erst wenn Generationen in jüdischer Gemeinschaft gelebt haben, wird von ihr ernsthaft geredet werden können. Eines ist aber schon heute sicher: "zwei Ströme werden in diese jüdische Kunst der Zukunft einfließen: Volks- und Synagogenmusik. Erst in dieser späteren Zeit wird auch die Vorbereitungsarbeit, die unsere jetzigen Synagogenkomponisten leisten, ihrem ganzen Werte nach erkannt und gewürdigt werden. *) Adlers „Thoragesänge" -werden in Frankfurt am 3. September im Rahmen einer Feierstunde 3er „Gesellschaft für jüdische Volksbildung" vom „Jüdischen Kammerchor" uraufgeführt. Die Bibliothek der jüdischen Gemeinde Von Dr. Ernst Blau Unter den zahlreichen •<:.". irellen Institutionen der altehrwürdigen Frankfurter Gemeinen lmrat die Bibliothek mit ihren n;ehr denn 14 000 Bänden eine hervorragende Stellung ein. Im Parterre des Hauses Fahrgasse 146 untergebracht, besteht sie aus drei Räumen. Ein behaglicher geräumiger Lesesaal gibt dem Besucher Gelegenheit, sich nach des Tages Last und Arbeit in Ruhe einige Stunden erholender Lektüre zu gönnen. Eine stattliche Anzahl von Zeitschriften — etwa 60 an der Zahl — verschaffen ihm die Möglichkeit, sich mit den Ereignissen, die das Leben unserer Glaubensgenossen in den Ländern der Diaspora betreffen, vertraut zu machen. Fast alle in Deutschland erschei nenden jüdischen Zeitungen und Zeitschriften finden sich hier, so vor allem — neben den Organen der größeren Gemeinden, wie z. B. Berlin, Breslau, Frankfurt und Hamburg — das neutrale „Israelitische Familienblatt" und die großen jüdischen Zeitungen, die deutsch-jüdische C.-V.-Zeitung, die liberale „Jüdisch-liberale Zeitung" und das Organ der zionistischen Partei „Die jüdische Rundschau". Von wissenschaftlichen Zeitschriften sei die von dem Breslauer Professor Dr. Heinemann geleitete „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" und der von dem vor einigen Jahren verstorbenen Darmstädter Professor Julius Goldstein begründete „Morgen" genannt. Ein weiterer Raum, der das Arbeitszimmer des Bibliothekars bildet, gewährt Zutritt zu dem eigentlichen Magazin, in dem hohe eiserne Regale, durch zwei Stockwerke reichend, dem Betrachter Ehrfurcht einflößen müssen. Man staunt vor der Fülle der Bücher, die sich hier im Verlaufe weniger Jahre — die Bibliothek wurde erst im Jahre 1922 eröffnet — angesammelt haben. Ihren Kern bildet die ungefähr 1000 Bände zählende Büchersammlung des im Jahre 1905 begründeten Vereins „Jüdische Bibliothek und Lesehalle", der im Jahre 1922 aus Mangel an Mitteln aufgelöst werden mußte und seine Bücherbestände der jüdischen Gemeinde geschenkt hat. Diese Sammlung enthält in der Hauptsache hebräische Werke, u. a. eine stattliche Anzahl von älteren Gebetbüchern, sowie die Schriften der bedeutendsten hebräischen Autoren des Mittelalters und der Neuzeit; aber auch die hervorragendsten deutsch-jüdischen Erzähler sind mit zahlreichen Werken vertreten. Hans Marcus Treuhänder Fachberater für Steuer* und Devisenrecht Goethestr. 5 Telefon 28561