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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-08-01 · 12 (8.1934) · p. Seite 466

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
12 (8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 466 (sequence 8)
Language
German
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Seite 466 Neue Wege der Synagogenmusik von Dr. Nathan Ehrenreich Die erhöhte Besinnung auf eigene Werte, die mit der heutigen Lage des Judentums verbunden ist,-hat auch der Frage der Synagogenmusik neue Anregung gebracht. Klagen über die Erstarrung dieses wichtigen gottesdienstlichen Bestandteils stammen nicht erst aus jüngster Zeit Die verantwortlichen Träger der jüdischen „musica sacra" waren sich schon seit langem bewußt, daß das zur Gewohnheit gewordene träge Beharren im Kreise der „Reform"-Musik eines Lewandowski, SüLzer und ihrer Nachahmer notwendigerweise zur Verkümmerung führen müsse. An Einzelbestrebungen zur Abhilfe hat es nicht gefehlt. So hat z. B. der Allgemeine Deutsche Kantorenverband bereits 1926 durch Ausschreiben eines Wettbewerbs einen Versuch zur Erneuerung unternommen. Die Ergebnisse allerdings, die in einem Sammelband veröffentlicht wurden, sind zum überwiegenden Teile recht dürftig geblieben. Erst der letzten innerjüdischen Entwicklung war es vorbehalten, der kultischen Musik einen merklichen Aufschwung zu geben. Dem erstarkten Interesse der jüdischen Oeffentlichkeit antwortete eine gesteigerte, auch in der Qualität gebesserte Produktion vonseiten der Komponisten. Werke erschienen oder fanden Beachtung, die es wagten, die ausgefahrenen Geleise zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. Eine gemeinsame Grundlinie dieses Schaffens läßt sich bis jetzt nicht feststellen — alles ist noch im Fluß. Doch zeichnet sich eine gewisse Zielrichtung deutlich ab. So das Bemühen, die stilistische Buntheit unserer Gottesdienste, die durch wahlloses oder zufälliges Aneinanderreihen von Gesangsstücken verschiedenster Herkunft entsteht, zu überwinden und durch eine einheitlich geformte, in sich geschlossene musikalische Liturgie zu ersetzen. Weiterhin das Streben* Anschluß an die stilistische Prägung der zeitgenössischen Tonkunst zu finden, und zwar in der Weise, daß der Boden einer_irgendwie gearteten Tradition nie ganz verlassen wird. Gerade diese Verbindung von Ueberlieferung und Moderne scheint uns bezeichnend und fruchtbar zugleich, weil sie auf richtigen Erkenntnissen beruht. Auch die Musik der Synagogen — soweit sie nicht unantastbaren religiösen Vorschriften unterliegt — läßt sich auf die Dauer nicht vom Strome der Zeit abriegeln. Es könnte sonst geschehen, daß sie von einem musikalisch gegen früher viel anspruchsvolleren Publikum abgelehnt oder als gleichgültig abgetan würde. Auf der andern Seite wird jeder radikale . Bruch mit der Vergangenheit nicht zum Gelingen führen. Die Geschichte der jüdischen Musik zeigt das mit aller Eindringlichkeit. Als warnendes Beispiel dient uns Salomone Rossi. der es im 16. Jahrhundert unternahm, Gesänge im Falestrinastil in die Synagogen einzuführen. Er hat vielleicht das Wertvollste geschaffen, was es bis heute an jüdischer Vokalmusik gibt. Aber er konnte sich nicht durchsetzen. Seine völlig „assimilierte" Kunst hat keine Spur im Gottesdienst hinterlassen. Es ist nicht möglich, die gesamte neuere Literatur synagogaler Musik einer Betrachtung zu unterziehen. Wir greifen einige Werke heraus, denen nach unserer Meinung symptomatische Bedeutung zukommt An erster Stelle sei das Gottesdienst-Oratorium .iwod a s s hakodesc h" von Ernest Bloch (geb. 1880 zu Genf, jetzt in Amerika) genannt, dessen deutsche Erstaufführung unlängst in Berlin stattfand. Diese weitausholende, fünfteilige Komposition fällt zwar nicht unmittelbar unter den Begriff „Synagogenmusik", obwohl sie auf liturgischem und biblischem Text beruht. Sie sprengt den gottesdienstlichen Rahmen durch den verwendeten Klangapparat — zu Chor und Vorbeter tritt noch das große Orchester — und durch die sinfonische Anlage des Ganzen. Aber sie gehört doch in unseren Zusammenhang, da fraglos die Ausstrahlung dieser freieren geistlichen Kunst auch den engeren Bezirk befruchtend treffen wird. Allein schon die Tatsache, daß ein schöpferischer Musiker von internationalem Rang, der bisher vorwiegend für den Konzertsaal schrieb, vom Gebet- und Bibelwort Inspiration für seine Arbeit empfängt, spricht für eine neue Blüte jüdisch-religiöser Musik. Freilich sei, ohne das Verdienst Blochs im geringsten herabsetzen zu wollen, bemerkt, daß nicht die Schaffung einer auf glanzvolle Entfaltung drängenden, für konzertante Zwecke bestimmten Musik vordringlichste Aufgabe ist, sondern die erneuernde Vertiefung der im eigentlichen Gottesdienstie verwendbaren Giebrauchskunst. Von diesem Gesichtspunkt aus fällt ein besonderes Licht auf die „Freitagabend-Litutrgie" yon Heinrich S c h a 1 i t (geb. 1886 in Wien, jetzt in Italien). Sie stellt sich bewußt in den Dienst der synagogalen Praxis, ohne jedoch in künstlerischer Hinsicht Konzessionen zu machen. Als gültiges Zeugnis für den nicht allzu häufigen Zusammenklang von Gesinnung und Können nimmt Schalits Werk unter den Neuerscheinungen eine bevorzugte Stellung ein. Darüber hinaus aber beansprucht es durch die eigenartige Methode, die es für die Gewinnung eines neuen synagogalen Stils aufzeigt, unser spezielles Interesse.. Schalit baut seine Musik über uralten orientalisch-jüdischen Weisen auf, die bis auf die erste nachbiblische Epoche zurückgehen und jetzt durch die Forschungen Idelssohns wieder zugänglich gemacht worden sind. Er gleicl.t seine eigene Tonsprache der freien, ungebundenen' Rhythmik und überhaupt dem altertümlichen Äug jenes der frühen Vorzeit entstammenden Musikgutes an. Auf den ersten Moment hat stiii Verfahren etwas Bestechendes. Die alten Melodien können mit einiger wissenschaftlicher Sicherheit als im echtesten Sinne ..jüdisch" angesprochen werden. Sie sind zudem dem Sprachflusse des Hebräischen eher gemäß als die periodisch gegliederten, der europäischen Musik entnommenen Volksweisen, die bisher vielfach im Synagogengesang Verwendung fanden. Aber es sind auch starke Bedenken nicht von der Hand zu weisen. Die Gefahr eines künstlichen Archaisierens wurde nicht ganz umgangen. Die Verschmelzung vorzeitlicher Motive mit modernen Ausdrucksmitteln konnte nicht restlos glücken. Vor allem aber ist der Einwand zu erheben, daß die frühorientalische Ueberlieferung in unseren Synagogen heute nicht mehr lebendig ist. Der Hörer wird daher vor ein fremdartiges, von allem vertrauten Herkommen abweichendes musikalisches Erlebnis gestellt, zu dem er nur schwer «Zugang findet. Trotzdem behält Schalits Liturgie als einmalige Tat ihren Wert, zumal ihr Schöpfer ja über das Historisieren hinaus eigene Erfindung genug zu bieten hat. Aber die allgemeine Nachahmung seines Beispiels möchten wir nicht empfehlen. Postscheck-Konto 53934

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