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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-08-01 · 12 (8.1934) · p. Seite 462

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
12 (8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 462 (sequence 4)
Language
German
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Seite 462 immer mehr nicht nur den zuverlässigen juristischen1 Berater, sondern auch den sorgenden und persönlich mitfühlenden Freund in ihm erblicken konnte. Diese beneidenswerte Vertrauensstellung des Anwalts wußte er bis an sein Lebensende zu bewahren. Von dem Augenblick an, in welchem er als selbständiger Mann in das Berufsleben eintrat, betätigte er sich aus innerem Drang und wirklicher Ueberzeugung heraus auch in den Angelegenheiten des öffentlichen Lebens. So brachte er nicht nur der anwaltlichen Standesbewegung reges Interesse entgegen, sondern war, wenn auch in geringerem Umfange, in den ersten Jahren des Jahrhunderts politisch tätig. Bald entsagte er aber der weiteren praktischen Betätigung auf diesen Gebieten. Sein Hauptinteresse wandte sich der allgemeinen sozialen Hilfstätigkeit sowie der Unterstützung wissenschaftlicher Bestrebungen und vor allem jüdischen Dingen zu. Diese seine Einstellung führte ihn zu einer reichen Mitarbeit im Stiftungswesen sowohl der Stadt Frankfurt als auch insbesondere der Frankfurter Israelitischen Gemeinde und endlich zur G-emeindeaxbeit selbst. Dabei war seine Neigung und Eignung, für die .Öffentlichkeit und Allgemeinheit zu wirken, keine einseitige. Ihm war eine reiche Bildung auf historischem und künstlerischem Gebiete eigen — ein gutes Buch, ein schönes Bild, eine Sammlung von Kunstwerken jeder Art vermochte ihn zu begeistern. Hiermit verband er in glücklicher Weise eine unvergleichliche Liebe und Bewunderung für die Natur; er war von früher Jugend an bis in die letzten Jahre hinein ein begeisterter Wanderer und Bergsteiger. Diese Vielseitigkeit der Interessen wurde unterstützt durch reiche Gaben des Geistes. -Ein klarer Verstand, ein erstaunlich scharfer Blick für das „Wesentliche", die besondere Fähigkeit der raschen Auffassung verliehen ihm im Verein mit reichem Wissen auf allen seinen Arbeitsgebieten die natürliche Fähigkeit fruchtbringender Arbeit, raschen Zugreifens und treffsicherer Entscheidung. Machten schon diese Umstände ihn besonders geeignet, um an führender Stelle zu stehen, so unterstützte ihn hierin aber vor allem die Tatsache, daß er im Verkehr mit Mitarbeitern — Gleich- und Andersdenkenden — stets ausgleichend zu wirken verstand. Ein haßerfüllter Parteikampf war ihm von jeher zuwider und wenn er auch stets sich zu den von ihm als richtig erkannten Grundsätzen offen bekannte, so wußte er doch auch die gegnerische Ansicht zu werten und vor allem zu achten. So liebte er nach dem Prophetenwort „die Wahrheit und den Frieden"1: er diente beiden, ohne das Eine dem Anderen zu opfern. Mit diesen Gaben und Fähigkeiten trat Baerwald in den Dienst des Judentums und speziell der Frankfurter Gemeinde, wofür ihm sein besonderes, über das gewöhnliche Maß hinausgehende speziell jüdisches Wissen — auf der Schule, im Elternhause und in besonderem Studium erworben — und vor allem seine betont und bewußt religiös-jüdische Einstellung zustatten kamen. Ein reiches Maß an Arbeit erwartete ihn. Es genügt daran zu erinnern, daß in der Zeit seiner aktiven Tätigkeit für die Gemeinde grundlegende Veränderangen im Gemeindeleben auftraten, (Aenderungen im liberalen Gottesdienste, Einführung der neuen Gemeindeverfassung mit allen ihren Auswirkungen, die Schaffung des neuen Friedhofs, die Umbildung der Steuergesetzgebung u. v. a. m.) und daß vor allem außerhalb der Gemeinde, aber für ihre' Tätigkeit und Entwicklung maßgeblich bestimmend, sich die schwersten politischen und wirtschaftlichen Ereignisse (Weltkrieg, Inflation und zweimaliger politischer Umsturz) vollzogen. Daß diese Ereignisse einen Mann, wie Eduard Baerwald, der nicht nur ein überzeugter, und glaubenstreuer Jude, sondern auch ein in glühender Liebe an seinem Vaterlande hängender Deutscher war, richtunggebend beeinflussen mußten, bedarf keiner Darlegung. Sie spornten ihn zu doppelter Hingabe an die Arbeit im allgemeinen Interesse an. Nachdem er bereits früher außerhalb, der eigentlichen Gemeindeverwaltung im besonders reichen Maße im Rahmen des liberalen Gemeinde vereins eine fruchtbare Tätigkeit sowohl in Kultusfragen (insbesondere bei der Schaffung des neuen Kultus, der die Grundlage für den jetzigen Gottesdienst der Westendsynagoge bildet) wie auch bei den vorbereitenden Arbeiten für die neue Gemeindeverfassung entfaltet hatte, widmete er sich nunmehr als Mitglied der Verwaltung selbst — seit 1916 Mitglied des Gemeindevorstandes, und später dessen stellvertretender Vorsitzender — mit einer Hingebung ohne Gleichen, mit aufopferndem Fleiße und — wie heute wohl ohne Widerspruch gesagt werden darf — mit außerordentlichem Erfolge der eigentlichen Verwaltungsarbeit. Mit erstaunlicher Energie wußte er stets neben einer ihn stärk in Anspruch nehmenden Berufsarbeit immer die notwendige Zeit für die Gemeinde-Arbeit zu erübrigen — noch zu einem Zeitpunkt, als er bereits gesundheitlich in jeder Tätigkeit stark behindert war. Kultus- und Bestattungswesen waren seine Dezernate im Schöße des Vorstandes, er war Vorsitzender der Friedhofs- und der liberalen Kultuskommission. Sein Wirken war vorbildlich, die Zusammenarbeit mit ihm für Kollegen und Beamte eine freudige und reibungslose und daher entsprechend erfolgreich. Seine Tätigkeit blieb aber nicht nur auf diese Ressorts beschränkt; er gehörte zu denen, die über den engen Kreis spezieller Amtspflichten hinaus das große Ganze nicht aus dem Auge verloren. Keine Vorlage, die er als „uninteressant" vernachlässigte, kein Vorgang, von dem er nicht Kenntnis nahm und über den er sich nicht ein Urteil bildete! So hatte er tatsächlich eine universelle Kenntnis von allen Vorgängen innerhalb der Gemeinde sich erschafft und hatte Verständnis für sämtliche in der Gemeinde zu Tage tretenden Bedürfnisse und für die Interessen aller in ihr vertretenen Riehtungen. Diese universelle Arbeit im - Dienste der Einheitsgemeinde gab ihm gewissermaßen selbstverständlich die Eignung zu größeren, über den Rahmen der Frankfurter Gemeinde hinausgehenden Aufgaben. Bei Gründung des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden wurde er alsbald zum Abgeordneten für Frankfurt gewählt und spielte im Verbandstage als Vorsitzender und. Wortführer der liberalen Fraktion eine ausschlaggebende Rolle. — Bekannt ist seine Tätigkeit innerhalb der jüdischen Kolonisationsbestrebungen, einer Arbeit, an der er mit ganz besonderer Liebe hing. " Und diesen arbeitsfrohen, sachlich und persönlich in so außerordentlichem Maße befähigten Arbeiter, zeichneten nun noch persönliche Eigenschaften aus, die ihm die Herzen aller derjenigen gewannen, die mit ihm zusammenkamen. Stets hilfsbereit und opferfreudig, niemals um einen verständigen Rat und ein hoffnungsspendendes Trostwort verlegen, war er, um was es sich auch handeln mochte, stets mit dem Herzen bei der Sache. Frei von jeder Eitelkeit, immer nur bestrebt, der "Sache zu dienen, stellte er sich für jede Arbeit stets freudig zur Verfügung. Bei allem, was er tat und sprach, hatte man das sichere Gefühl, es mit einem Mann zu tun zu haben, der voller Lauterkeit und Ehrlichkeit sprach und handelte. Ein feiner Sinn für Humor und ein ihm im richtigen Moment. zur Verfügung stehendes Scherzwort, machte seine Unterhaltung geistvoll und genußreich, ließ aber nie den Gedanken zu, daß die besprochene Angelegenheit nicht ernst, sachlich und zuverlässig behandelt werde. Dieser Abriß über das Leben und Wirken Baerwalds kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Es würde aber eine Lücke im Gesamtbild bedeuten, wenn man nicht noch mit einem Wort auf das Familiär-Persönliche hinwiese. Aus berufenem Munde ist anläßlich der Beisetzung bereits das ideal schöne Verhältnis des Heimgegangenen als Gatten und Vater zu den Seinen hervorgehoben worden. Wer den Vorzug hatte, dieses tcht jüdische Familienleben aus der Nähe kennen zu lernen, weiß, welches Glück in diesem Hause wohnte, -wie Baerwalds ganzes Sinnen und Trachten auch in schwersten Tagen immer geleitet und beeinflußt war von dem Bestreben, der Gattin und den Kindern das Dasein sonnig zu gestalten. Und nicht nur auf seine Nächsten erstreckte sich seine Sorge .und sein Denken — auch im Kreise der weiteren Familie war er stets ein sorgender Bruder und Verwandter, ein Freund und Helfer. Gefade wer Baerwald im Kreise der Seinen und in der Sorge für sie-beobachten durfte, konnte sich am wenigsten dem Zauber dieser seltenen Persönlichkeit entziehen. '

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