Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 11 (7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 453 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 453 arbeit ist die innere Umstellung in die neue Gedankenwelt. Für einen geistigen Menschen muß die Umschichtung zum Handwerk schwer sein, denn er muß wohl oder übel ein gut Teil seiner Interessen dem neuen Beruf opfern. Das muß der Einzelne zwar Unter allen Umständen, aber es liegen doch im Handwerk Mög- Es spricht . . - . der Schreiner Bevor das Problem der Berufsumschichtung für mich selber akut wurde, hatte ich mich als jüdischer Lehrer einer kleinen hessischen Gemeinde mit der Frage der Hachscharah, der sich infolge der Zeitverhältnisse alle Interessen zuwandten, zu befassen. Selber vor die Entscheidung gestellt, folgte ich der Tradition der Familie und wandte mich dem Schreinerhandwerk zu. Hachscharah und Familientradition gemeinsam geben einen neuen Lebensinhalt. Die neu eingerichtete Anlernwerkstätte gab mir Gelegenheit zur Ausbildung. Aus verschiedenem Milieu und aus verschiedenen Berufen kommen hier die jungen Menschen zusammen, alle nur ein Ziel vor Augen: ein tüchtiger Handwerker zu werden. Freilich haben wir in den ersten Wochen unserer Umschichtung mit körperlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, gar mancher saß ermattet in einem Winkel und suchte für Augenblicke Kuhe. Ein anderer betrachtete erschreckt seine mit Schwielen und Blasen „verzierten" Hände. Diese Hindernisse hat jeder mit aller Energie Gärtnerei zu überwinden, wenn er die sechswöchige Probezeit bestehen will. Unser Meister weiß um diese Schwierigkeiten und trägt ihnen in verständnisvoller Nachsicht Rechnung. Er spricht uns Mut zu, und seine Aufmunterung stärkt unseren Willen. Ordnung und Disziplin — für manchen noch zu lernen — sind im Betriebe wichtige Faktoren. Eine Kontrolluhr verzeichnet genau Kommen und Gehen. Um 7.15 ertönt die „Schul- . . der Schlosser Wer morgens um 7.14 in die Königswarterstraße kommt, sieht ein Rennen und Jagen, daß er auf den Gedanken kommen könnte, es brenne. Und was ist es? Die jüdische Anlernwerkstätte für Schlosserei und Schreinerei beginnt pünktlich um 7.15 mit der Arbeit. Jeder Schlosser und Schreiner muß bis dahin die Stechuhr passiert haben. Genau so wie in jedem anderen Betriebe. Das ist der Anfang unserer täglichen Erziehung: Pünktlichkeit und Genauigkeit. Seit acht Monaten arbeiten 20 Menschen in der Schlosserei. Junge Menschen, die aus den verschiedensten Kreisen, Schicht ten und Gegenden kommen. Frühere Kaufleute, Studenten und Schüler; heute sind sie Schlosser. Und zwar Schlosser mit Leib und Seele. — Manchem von uns mag die Umstellung im Anfang nicht leicht gefallen ssin, aber heute sind wir über •die gröbsten Schwierigkeiten hinweg. Wir können arbeiten. Und wir arbeiten gerne. Es ist doch ein Unterschied, ob man seine Aribeit macht, damit der Tag vorüber geht und man am letzten sein Gehalt bekommt oder ob man eine Arbeit lichkeiten zur geistigen Auswirkung, die der Anfänger zunächst nicht.erkennen kann. Dem Judentum jedoch muß ein dur chgeistigtes Handwerk ein Kulturträger erster Größe werden! B. B e 1 i n g glocke" und das Konzert von Hobel und Säge, Hammer und Raspel ertönt. Um allen gerecht zu werden, sieht man unseren unermüdlichen Meister, bald hier den letzten Hobelstrich führen, bald dort eine Türe einpassen, um gleich darauf einem Dritten das Polieren zu zeigen. Der theoretische Unterricht rundet die aus der praktischen Arbeit gewonnenen Erfahrungen ab. Von einer kurzen Frühstückspause abgesehen, wird durchgearbeitet bis zur Mittagspause. Dann wird gemeinsam gegessen. Nach dem Benschen kann sich jeder die Freizeit nach Belieben gestalten. Ein großer Garten steht ihm zur Verfügung. Bald ruft die Glocke zum Wiederbeginn der Arbeit. Wir haben viel in den anderthalb Jahren zu lernen und jede Minute muß nutzbringend angewandt werden. Es ist deshalb keine Seltenheit, wenn noch eine Stunde nach Arbeitsschluß mancher an seiner Hobelbank steht und an seinem Werkstück schafft. Man arbeitet gerne, weil hier eine zielbewußte Arbeit geleistet wird, Arbeit ist hier der Prüfstein, ob auch wirklich die Not der Zeit die Sendung an uns vollbracht. Durch Nachtrauern dem Vergangenen, durch resigniertes Autoschlosser ei Sichabfinden mit dem Schicksal kann ein Land nicht aufgebaut, können Volk und Mensch nicht erneuert werden. In den Ereignissen unserer Zeit ist dem jüdischen Volk von Gott eine Aufgabe gestellt zu seinem Ursprung zu Thora und Land zurückzukehren und diese Aufgabe kann nur erfüllt werden durch Arbeit im doppelten Sinne: Arbeit an uns, Arbeit am Land. J. T. macht, die einem Lebensziel geworden ist. Das ist die erste Voraussetzung bei unserer Arbeit. Ich muß wissen, warum ich umschichte. Ich muß eine Quelle haben, aus der ich Kraft schöpfen kann. Nun unsere Arbeit selbst. Ich fühle mich schon so lange als Schlosser, daß ich garmicht mehr weiß, was mir die größten Schwierigkeiten bereitet hat. Ob Feilen, Sägen, Schmieden oder Bohren. Eigentlich ist alles gleich schwer. Das heißt, schwer ist immer nur das Genau-Arbeiten. Zum Beispiel: Bohren. Man spannt den Bohrer ein, legt das Material mit dem angezeichneten Loch unter , und dreht die Kurbel. Erstens kommt das Loch an den falschen Platz, zweitens wird es schief und drittens bricht mitten drin der Bohrer ab. Und so ist es eigentlich bei allem und allem gewesen. Kein Wunder dann, wenn unser Meister voll Verzweiflung immer wieder seinen Etat durchrechnen mußte. — Heute ist es anders. Wir können schon alle ein bißchen was. (Aber noch lange nicht genug.) Wir bauen Gartengeländer, Fahrradgestelle, Fenstergitter und alle anderen möglichen Eisenkonstruktionen.