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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-07-01 · 11 (7.1934) · p. Seite 454

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
11 (7.1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 454 (sequence 32)
Language
German
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Seite 454 Außerdem natürlich Schlösser und Schlüssel, Werkzeug tl s. w. Wenn wir so eine schöne Arbeit bekommen, ist die Freude groß. Am liebsten würden wir gleich drauf los arbeiten. Aber da heißt es erst denken. Was für Eisen, T oder U, wievieL wie macht man die Verbindungen und auch: wie teuer darf das ganze werden? Man berechnet die Maße genau, wenn es aber fertig ist, dann ist es doch nicht gerade. Man ärgert .sich, wird geärgert und fängt „von vorne an.,— Nun, auch das gehört »um großen Teil bereits der Vergangenheit an. Langsam klappt alles. Wir lernen auch das Genau- Arbeiten. Und nun macht die Arbeit erst recht Spaß. Wenn man sich im Anfang geärgert hat, daß man immer wieder und wieder feilen muß, daß man nicht an die richtige Arbeit gekommen ist, heute weiß man warum. Es ist sogar so, daß manch einer, wenn er gerade nichts Anderes zu tun hat. sich ein Stück Eisen nimmt und feilt. Wir haben Jungens, die mehr können als die anderen. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, daß sie den anderen helfen. So kann man sehen, wie ein Junge, der früher schon mal kurze Zeit geschlossert hat, dem früheren Referendar Anleitungen gibt und wie. der frühere 'Kaufmann mit deta Jungen, der gerade von der Schule gekommen ist, zusammen arbeitet. — Weshalb sind wir gerade Schlosser geworden? Weil wir eingesehen haben," daß die jüdische Jugend eine Lösung der Judenfrage bringen kann, wennsie umschichtet, wenn sie aufbaut auf Landwirtschaft und Handwerk. Aber auch, weil uns allen das Schlossern, auch wenn wir es nur vom Sehen oder Basteln kannten, am besten gefallen hat. Unser Gefühl hat uns nicht betrogen, wir sind mit Freude Schlosser und unser Gefühl wird uns nicht trügen, wir werden unseren Weg als junge Juden, die sich eine Heimat bauen wollen, bestimmt und sicher gehen. A. K. .. der Autoschlosser 6 Uhr 32 morgens fahren von Ffm.-Hbhf. 28 junge Menschen nach Rüsselsheim, um sich dort auf ihre neue Lebensäufgabe vorzubereiten. In diesem Abteil sitzt der ehemalige Verkäufer aus dem Warenhaus und der Kontorist neben dem Referendar und dem Abiturienten. Nur selten kommt einer in die Versuchung, von seiner früheren Tätigkeit zu sprechen, und dann denkt man «elbst mit ein wenig Wehmut an seine eigene Arbeit zurück. Aber diese Gedanken werden übertönt von den Aufgaben, welche von unserer neuen Arbeitsstätte in Rüsselsheim gestellt werden. 7 Uhr 15 stehen wir zunftmäßig in unseren „Blauen" an den Schraubstöcken, und jeder geht freudig an sein Tagewerk. Lassen wir einmal unseren Blick in der Werkstätte umherschweifen: Da steht in der geräumigen hellen Halle an der Bohrmaschine der frühere Stoff verkauf er und bemüht sich, exakt und genau ein Loch in das Eisenstück zu bohren, welches er für eine anzufertigende Säge benötigt. Gegenüber an der Schmiede steht der Referendar und schwingt kraftvoll unter den Anfeuerungsrufen seiner Kameraden den schweren Schmiedehammer. Die Grundlage der Schlosserei ist das Feilen, welches wir auch schon ziemlich beherrschen. Dieses zeigt'sich an den selbstgefertigten Gegenständen. Der eine arbeitet einen Zirkel, der andere ein Schloß, wieder andere arbeiten Werkzeuge, Briefbeschwerer. Aber jeder ist stolz darauf, wenn er aus einem rostigen und unförmigen Stück Eisen einen blinkenden Gegenstand geschaffen hat; denn es ist ein befriedigendes Gefühl zu wissen, dies hast du mit deinen eigenen Händen geformt. Die Leitung der Ausbildung hat ein erfahrener Meister, der seine Ehre darein setzt, uns zu tüchtigen Fachleuten heranzubilden. Das Endziel, Autoschlosser zu werden, verlangt eine Vorbildung als Bauschlosser, und deshalb werden auch sämtliche Sparten der Schlosserei, wie Feilen, Schweißen, Schmieden, Drehen usw. geübt, wobei auf Handarbeit besonders Wert gelegt wird. ' Getragen wird die Arbeit von einem Geiste der Kameradschaft und Disziplin, welcher von jedem Einzelnen gewahrt wird. Wenn dann um 4 Uhr ein Klingelzeichen die Arbeit beschließt, und wir nach einem Tagewerk wieder heimfahren, dann wollen wir nicht vergessen, jenen Menschen zu danken, die es uns ermöglicht haben, aus der für einen jungen Menschen qualvollen Arbeitslosigkeit zu einer neuen Lebensaufgabe zu gelangen. Und das gibt uns den Ansporn, mit ganzer Kraft uns freudig dafür einzusetzen, daß wir dann in unserem Beruf voll und ganz unseren Mann stehen werden. E. H. .. die Gärtnerin Eigentlich müßte die Ueberschrift „Meine Hachscharah" heißen, denn ich erlerne nicht einen neuen Beruf, um mir irgendwo eine Existenz zu schaffen, sondern um beim Aufbau Palästinas mithelfen zu können. Ich bin 28 Jahre alt und war früher Laboratoriumsassistentin. Es fiel mir außerordentlich schwer, meinen mir sehr lieben Beruf aufzugeben und ich brauchte deshalb auch lange Zeit, bis ich mich zu diesem Entschluß durchgerungen hatte. Es ist klar, daß eine solche Umstellung für einen Menschen, der hauptsächlich geistig gearbeitet hat, nicht leicht ist. Die ersten Wochen sind die schwersten und es gehört guter Wille und viel Energie dazu um durchzuhalten! p Am 1. Februar 1934 fing ich mit der Arbeit in der Friedhofsgärtnerei an. Es war ziemlich kalt und noch stockfinster, als ich morgens um 7 Uhr in der Gärtnerei erschien, beladen mit Arbeitskleidern, Schuhen und Proviant für den ganzen Tag. Man. gab mir einen Spaten und ich hatte auf einem Stück Land, welches später umgegraben werden sollte, die Stauden und Sträucher dicht an der Erde abzuhauen. Diese Arbeit sieht sehr leicht aus; auf die Dauer ist sie aber für einen völlig uhgeschulten Menschen doch sehr anstrengend. Die ersten Abende schlief ich beim Essen fast ein und am nächsten Morgen war ich so steif und meine Muskeln schmerzten sehr. Das sind die Freuden der ersten Tage. Solange es morgens noch dunkel war, hatten wir von 7—6 Uhr eine Stunde theoretischen Unterricht, in dem über Bodenbeschaffenheit, Düngung, Bau der Pflanze usw. gesprochen, wurde. Viel Vergnügen machte das Errichten und Anzünden von großen Scheiterhaufen aus den abgehauenen und zusammengetragenen Zweigen. Besonders morgens früh vor Sonnenaufgang sah das sehr schön aus und war außerdem eine feine Wärmestelle. Es lag ja noch Schnee und die Erde war fest gefroren. Nach einigen Tagen kam ich zum Schippen an die Erdhaufeh. Die gefrorene Erde mußte mit dem Pickel losgelöst werden. Man muß natürlich erst lernen mit Schippe und Pickel umzugehen. Zuerst ist man sehr ungeschickt und es gibt viel zu lachen. Als es wärmer wurde und die Erde auftaute, konnte mit dem Umgraben begonnen werden. Das Planieren besorgten größtenteils die jungen s. Dann konnte das Rigolen durchgeführt werden; d. h. die Erde wird zwei Spaten tief umgegraben. Dabei werden die Wurzeln von Quecken, Winden und anderem Unkraut herausgelesen. Als wir ein größeres Stück gegraben hatten, legten wir Beete an und begannen mit der Aussaat (Spinat, Erbsen, Karotten, Zwiebeln, Schwarzwurzeln usw.). Zwischendurch waren die Mädchen abwechselnd kurze Zeit im Treibhaus zum Pikieren. Anfang Mai wurden die Gemüsepflanzen ins Freiland versetzt (verschiedene Kohlarten, Sellerie, Tomaten), Dahlienknollen wurden gelegt usw. Inzwischen ist auf den Beeten viel Unkraut gewachsen, wir Mädels haben zu hacken und zu jäten. Eine der wichtigsten Arbeiten beim Gemüsebau. Wenn wir an einem Ende fertig sind, können wir schon wieder von vorne anfangen. Zwischendurch war ich einige Wochen bei der Gräberpflege zum Sauberhalten der Gräber und zum Helfen bei Neuanlagen. Jetzt bin ich wieder auf dem Kulturland. Dort wird ständig gepflanzt, gegossen, gehackt und gejätet. Das Verhältnis der Volontäre zueinander ist sehr nett und kollegial. Beim Arbeiten ist man sich gegenseitig so weit als möglich behilflich und in den Pausen gibt es oft große Diskussionen über die verschiedensten Fragen. Wir haben Leute aus fast allen Jugendbünden und die Meinungen sind sehr verschieden. Lange Zeit hatte ich das Mittagessen, welches von der Notstandsküche geliefert wird, auszuteilen; eine etwas schwierige Aufgabe, es jedem recht zu machen und keinem eine zu große oder zu kleine Portion zu geben. Ich kann nur sagen, daß ich mich sehr wohl fühle, daß ich schon viel gelernt habe und noch mehr tax lernen hoffe vxA daß mich meine Arbeit sehr befriedigt. L. R.

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