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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-07-01 · 11 (7.1934) · p. Seite 452

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
11 (7.1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 452 (sequence 30)
Language
German
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Seite 452 und intensiv zu arbeiten, ob an der Drehbank, auf dem Feld oder in der Hauswirtschaft. Dabei ist die wirtschaftliche Stellung viel schlechter als vorher, denn die Mittel, die zur Verfügung stehen, reichen meist nur für ein Existenzminimum aus. Es ist bemerkenswert, wie schnell die Menschen, die in einer Werkstätte zusammenarbeiten, zu Gemeinschaften werden. Außer durch gemeinsame Arbeit und gemeinsame Nöte wird diese Gemeinschaftsbildung dadurch gefördert, daß der größte Teil der Umschichtenden nach Palästina gehen will. Das Gerichtetsein auf ein Leben in Palästina, für das man Bich jetzt schon vorbereitet, gibt diesen Menschen eine ganz bestimmte Haltung und ihrer neuen Arbeit einen besonderen Sinn. Soziologisch bedeutet eine solche Einstellung auf Palästina die Einordnung der aus einer Kulturgemeinschaft gelösten Menschen in eine neue Gemeinschaft. Und diese Möglichkeit, einer verhältnismäßig schnellen Einordnung ist es, die — so scheint es mir — den Menschen neue Auftriebe gibt. Sie Erfahrungen mit Ueber Erfahrungen mit Umschichtlern kann man eigentlich erst berichten, wenn diese ihre Ausbildung beendet haben und schon längere Zeit im neuen Beruf stehen: da die Bewegung Schreinerei der Umschichtung erst kurze Zeit in einigermaßen größerem Umfang eingesetzt hat, wird wohl kaum jemand in der Lage sein, umfassend über Erfahrungen aus der Umschichtung zu berichten. Der Gedanke der Umschichtung bewegt interessierte Kreise ' schon seit Jahren, aber erst äußerer Zwang hat ihn schnell zur Verwirklichung gebracht. Die Frankfurter Werkstätten wurden nach langen Verbandlungen von dem Herrn Regierungspräsi-. denten in Wiesbaden als P r i v a t s c h u I e genehmigt unter der Voraussetzung, daß die Ausbildung in Deutschland nicht als Lehre zu werten sei oder die Verkürzung einer später durchzumachenden Lehre rechtfertige. Für Berufsschulpflichtige gilt der Besuch der Werkstätte als Berufsschul-Ersatz. In allen Betrieben wurde eine Ausbildungszeit von VA Jahren dem Arbeitsplan zugrunde gelegt. Einerseits drängen natürlich die jungen Leute, möglichst bald wieder ins Erwerbsleben eingegliedert zu werden, andererseits ist eine gediegene Ausbildung unbedingt notwendig, zumal sich schon ein Ueberangebot von nur flüchtig Angelernten, zum Beispiel in Palästina, bemerkbar macht. Von Schnell- und Abendkursen wurde deshalb von Anfang an abgesehen. Da die Teilnehmer nahezu alle die Absicht haben, in wenig industrialisierte Länder auszuwandern, wird in den Werkstätten Wert darauf gelegt, mit einfachem Werkzeug Brauchbares zu leisten. Den Gebrauch von Maschinen und Spezialwerkzeugen eignet sich ein tüchtiger Arbeiter leicht an, während jemand, der an Spezialmaschinen von vornherein gewöhnt ist, sich mit einfachem Werkzeug nicht zu helfen weiß. Selbstverständlich ist zu ordentlicher Arbeit auch brauchbares Werkzeug nötig. So finden wir haben nicht das Gefühl eines sinnlosen Lebens; die Neueinordnung gibt ihnen neue Ziele, neue Aufgaben, ein neues Berufsethos. Man sieht die Wandlung ganz deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, in welchem Zustand diese Menschen vor ihrer Umschichtung waren, und mit welcher Haltung sie heute an ihrem Arbeitsplatz stehen. Diese Wandlung darf man nicht einfach dadurch erklären, daß man sagt: „Arbeitslose Menschen haben plötzlich Arbeit gefunden." Auch Menschen, die ihren Beruf nicht verloren hatten, aber umschichten wollten, haben diese Wandlung mitgemacht. ■Die nichtzionistisclien Menschen, die umschichten, haben sich natürlich durch die manuelle Arbeit auch gewandelt, aber ihre Haltung ist doch eine andere, denn sie können ihre-Zukunft weniger klar sehen. Die Chancen, die die Berufsumschichtung gibt, sind eben für Deutschland problematischer als für Palästina. Es wird hier deutlich, wie sehr ein sichtbares Ziel Menschen formen kann. Rosy Epstein Umschichtlern an jedem Arbeitsplatz das nötige Werkzeug unter verantwortlichem Verschluß des Einzelnen, während seltener benötigtes von einem Lagerverwalter betreut wird. Aber es gibt in unserer Schlosserei z. B. keine Transmissionen, überhaupt keine Kraftanlagen; die nutigen Bohrmaschinen und die Feldschmiede laufen mit Hand- oder Fußantrieb; sogar der unumgängliche Schweißapparat wurde für das erste Jahr aus der Werkstatt verbannt und darf erst zum letzten Halbjahr die Arbeit erleichtern. In der Schreinerei ist nichts Maschinenähnliches zu finden. Von vornherein wird auf Ordnung in jeder Beziehung Wert gelegt, denn wer sich vom ersten Anfang an gewöhnt hat. sauber und zuverlässig auch das Einfachste zu erledigen, wird auch bei größeren Aufgaben solide Arbeit leisten müssen. Die Teilnehmer wurden aus einer großen Menge von Bewerbern hauptsächlich nach ihren technischen Fähigkeiten ausgesucht. Die Erfahrungen, die mit ihnen gemacht werden, dürfen also nur bedingt verallgemeinert werden. Nur wenigen der Zugelassenen mußte man, während der sechs Wochen Probezeit von der Ausbildung abraten. Einzelne haben vielleicht nicht die Absicht, den neuen Beruf zum Lebensberuf zu machen, sondern sehen darin wohl nur eine Brücke nach Palästina, weitaus die meisten jedoch werden später einmal gute oder mittlere Facharbeiter werden. Ich glaube, daß sich dies schon jetzt sagen läßt, nachdem das erste Drittel der Ausbildungszeit verflossen ist. Das kann man wohl mit einiger Sicherheit nach den bisherigen Erfahrungen. sagen, daß der Jude keineswegs zur Erlernung eines Handwerks ungeeignet ist. Schwierig erscheint mir die Umstellung nur bei solchen Menschen, denen eine gewisse Starrheit des Denkens die Fähigkeit genommen hat, die Gedanken auf das ganz Neue, Ungewohnte zu konzentrieren. Schwerer noch als der äußere Uebergang zur neuen Berufs-

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