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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-07-01 · 11 (7.1934) · p. Seite 451

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
11 (7.1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 451 (sequence 29)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 11___IULI 1934 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, zu richten. „Berufsumschichtung Zu den Lebensfragen der judischen Jugend und des Judentums gehört das umfangreiche Gebiet der Berufs- Umschichtung. Wir haben die Leiter der indischen Berufsumschichtungsstelle in Frankfurt a. M. gebeten, über ihre Ansichten und Erfahrungen zu berichten. Aus jeder der vier Lehrwerkstätten werden diese Berichte durah eine Schilderung des Umschichtungsvorganges ergänzt, Warum Berufsumschichtung? Die Bewegimg, die man mit dem Sehlagwort „Berufs- Umschichtung" bezeichnet, ist dem deutschen Judentum nicht fremd. Schon im vorigen Jahrhundert hatten umfangreiche Bestrebungen eingesetzt, um die berufliche Gliederung der jüdischen Gemeinschaft auf eine breitere Grundlage zu stellen, als sie seither wrar. Damals war die Berufsumschichtung eine Folge der Emanzipation und wurde vom Staat durch Verwaltungsmaßnahmen und finanzielle Erleichterungen gefördert. Sie zielte — innerjüdisch gesehen — auf eine Eingliederung in das deutsche Volk ab und war — außer jüdisch gesehen — eine Maßnahme der deutschen Staatspolitik. Die heutige Berufsumschichtung ist zwar in ihrem Umfange und ihrer Intensität eine Folge des Umschwunges von 1933, doch wußten Einsichtige schon vor dieser Zeit, daß Berufsums chichtung im deutschen Judentum notwendig war. Besonders die jüdische Jugend drängte immer und immer wieder auf eine Aenderung der Berufe. In dör Erkenntnis von der Notwendigkeit dieser Aenderung war sich in den Jahren nach dem Weltkrieg die zionistische und nichtzionistische Jugend einig. Deshalb bedeutete für diese Jugend der Umschwung des Jahres 1933 zwar eine Erschütterung, jedoch keine Vernichtung ihrer Berufshoffnungen; und deshalb waren es auch gerade die Menschen der jüdischen Jugendbewegung, die nach dem Umsturz das Schlagwort „Berufsumschichtung" in die Tat umsetzten. Man hatte die gesamten Hilfsmaßnahmen, die das deutsche Judentum im Jahre 1933 zur Behebung der eingetretenen Not angewendet hat, unter die Devise „Hilfe und Aufbau" gestellt. Man kann die Berufsumschichtung zwar auch als „Hilfe" bezeichnen, in erster Linie ist sie jedoch „Aufbau"! Während das Werk der jüdischen Darlehenskassen, der Wirtschaftshilfe, der Auswanderungshilfe in erster Linie die Stützung und Erhaltung von bestehenden Existenzen zum Gegenstand hat, ist die Berufsumschichtung grundsätzlich etwas Neues. Wenn man genauer hinsieht, so verbergen sich unter dem Schlagwort zwei Dinge: Was der einzelne Beruf sumschichtler, der Kaufmann, Jurist, Arzt u. s. w. unternimmt, ist nicht nur das Wechseln seines Berufs sondern mehr. Man spricht ja auch bezeichnenderweise nicht von einem Berufs - Wechsel, sondern einer Berufs - Umschichtung. Hiermit kommt das zweite Moment sehr deutlich zum Ausdruck, nämlich das soziale. Die Berufsumschichtler kommen von einer gesellschaftlichen Schicht in eine andere, sie wechseln ihren sozialen Stand. Verbunden mit dieser Aenderung ist zugleich ein Wandel in der Bewertung der Einzelberufe. Die Richtung geht von der Kopfarbeit zur Handarbeit, von den vermittelnden Berufen zu denen der Urproduktion, vom geistigen Arbeiter zum Handwerker und Landwirt. Die bisherige Höherschätzung der sog. geistigen Berufe hat durch die Entwicklung der letzten Zeit eine starke Erschütterung erfahren. Aus dem äußeren Zwang ergibt sich von selbst die Notwendigkeit, zu den Berufen der Handarbeit eine neue Einstellung zu finden. Hierbei muß die altjüdische Wertschätzung des handwerklichen Berufs, den so viele unserer Gelehrten ausgeübt haben, wieder neu zu Ehren kommen. Notwendig ist aber auch, daß diejenigen, die umlernen, eine eiserne Selbstdisziplin bewahren und sich darüber klar werden, daß sie mit den einfachsten Dingen anfangen und diese aufs Gründlichste und Gewissenhafteste erlernen müssen. Nur eine gründliche Ausbildung in den handwerklichen Grundlagen sichert auf die Dauer der Zeit eine wirkliche Umschichtung. Hier hilft keine noch so große Intelligenz, hier sind Geduld und Stetigkeit die besten Lehrmeister. Die Zukunft des deutschen Judentums und des Judentums überhaupt hängt zu einem erheblichen Tedl von dem Erfolg der Berufsumschichtung ab. In welchem Geist die Umschichtung erfolgt, hängt sowohl von denjenigen ab, die das Werk der Umschichtung an sich vollziehen, wie auch von denen, die für den Vollzug der Umschichtung Sorge tragen. Eine große pädagogische und jüdische Aufgabe ist in diesem Rahmen zu erfüllen. Möge sich jeder der Verantwortung bewußt sein, die ihm im Rahmen der gestellten Aufgabe auferlegt ist! Rudolf Stahl Tatsachen zur Berufsumschichtung Wenn auch die Forderung nach Umschichtung innerhalb des deutschen Judentums schon lange vor dem Jahre 1933 erhoben wurde, ließ doch erst die Lage der Juden in Deutschland nach der nationalen Revolution die Berufsumschiehtung in größerem Maße als notwendig erscheinen. Junge Menschen, die - ihren alten Beruf nicht mehr ausüben konnten, oder solche, denen ihre bisherige Berufsausbildung als nicht mehr sinnvoll und mit den gegebenen Verhältnissen nicht mehr vereinbar erschien, entschlossen sich zur Berufsumschichtung. Schon im Mai 1933 begannen in Frankfurt a. M. die Vorbereitungen zur ersten Anlernwerkstätte und die Unterbringung von jungen Menschen in Einzelausbildung s s t e 11 e n. Heute — im Juni 1934 — sind von Frankfurt aus etwa 350 Menschen untergebracht. Von ihnen sind 220 in auswärtigen Ausbildungsstätten und in Einzelstellen, 130 in unseren eigenen Ausbildungsstätten; dort werden ausgebildet: 20 in der Bauschlosserei, 20 in der Bau- und Möbelschreinerei, 40 in der Gärtnerei, 28 in der Bau- und Autoschlosserei und 22 Mädchen in der Hauswirtschaft. Die einzelnen Abteilungen der Anlernwerkstätte werden von Meistern geleitet. Die Mindestausbildungsdauer beträgt für handwerkliche Berufe 1% Jahre, für Gärtnerei und Landwirtschaft 1 Jahr, für Hauswirtschaft 1 Jahr. Die für die Umschichtung so wichtige Erlernung von Sprachen wird durch Kurse ermöglicht, an denen jeder, der die Mittel nicht selbst aufbringen kann, kostenlos teilnehmen kann. Daß das Umschichten ein Wechsel von einer sozialen Schicht in die andere ist, ist schon gesagt worden. Man kann sich aber kaum eine Vorstellung davon machen, was es für einen Akademiker, einen Kaufmann oder einen Angestellten bedeutet, sich auf manuelle Arbeit umzustellen, um 5 Uhr morgens aufzustehen, 8—10 Stunden körperlich schwer

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