Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 11 (7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 449 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 449 Ueberhang eines Thorahsclireinvorhangs in der Sammlung Benjamin Mintz, Warschau. 18. Jahrhundert (Ans der Vorbildersammlung der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler) drücklich den Namen der Verfertigerin, Miriam Pissaro, und das Jahr 1771 nennt. Die künstlerische Wirkung dieser Handarbeiten wird oft nur durch eine geschickte Farbenzusammenstellung hervorgerufen. Von ausschlaggebender Bedeutung bei der Beurteilung ist natürlich auch die Exaktheit der Arbeit, die oft nach althergebrachter, nicht dem Zeitgeschmack entsprechender Weise ausgeführt Avurde; denn im Kultus ist immer, auch bei den nebensächlichsten Dingen, unabhängig von jeder religiösen Vorschrift, ein Festhalten am Alten zu beobachten. Das Aufnähen an Stelle des Bestickens, das in der Renaissance besonders beliebt wurde, ist bis tief ins 18. Jahrhundert hinein außerordentlich geschätzt worden: Borten, Flitter, in bestimmte Formen gebrachte Stoffteile oder auch aus Silber ausgeschnittene Buchstaben werden zu diesem Zweck verwendet. Im 18. Jahrhundert kommen auch vielfach Vorhänge, Kissen, Decken, Handtücher usw. mit Hochstickerei vor, daneben auch vereinzelt Kreuzsticharbeiten oder Plattstiche, die gelegentlich schon mit den einfachen Stilsticharbeiten vermischt werden. Die Stilsticharbeit wird um 1800 dann vorwiegend angewandt, wenn nicht gar die einfache Bemalung an ihre Stelle tritt. Dies ist insbesondere bei den Wimpeln der Fall, die bei den deutschen Juden zu den am meisten angefertigten Handarbeiten gehören, da sie für jeden Knaben aus dem Stück Leinen hergestellt werden, das bei seiner - Beschneidung unter seinem Köpfchen gelegen hat. Die Zusammensetzungdieses Stoffes zu einem langen Stoffstreifen wird noch im Anfang des 18. Jahrhunderts durch kunstvolle Hexenstiche oder auch durch Häkelarbeit erreicht, um späterhin mehr und mehr vereinfachten Stichen den Platz zu räumen. Bei seinem ersten Gang in die Synagoge nimmt der Knabe diese Wimpel, mit der Aufschrift seines Namens und Geburtstages versehen, mit und gibt sie zur Umhüllung der Thorahrollen ab. In Italien weiden die Wimpeln eigens für die Umhüllung der Thorahrollen hergestellt, unabhängig von irgend einem anderen Brauch: die Stickerinnen haben daher dort oft ihren eigenen Namen verewigt und auch meist kostbare Stoffe für diesen Zweck verwendet. Bei den gemusterten Stoffen, besonders bei den häufig verwendeten Brokaten, erübrigt es sich, außer der einer praktischen Notwendigkeit entspringenden Anbringung von Namen, eine weitere Verzierung zu sticken. Anders ist dies bei glatten Stoffen, sowohl bei glatter Seide, Saint als auch bei Leinengeweben. Bei diesen Stoffen sind daher häutig auch bildliche Darstellungen wiedergegeben, die der Bestimmung des betreffenden Gegenstandes entsprechen. Auf den Thorahschreinvorhängen sind Darstellungen der Tempelgeräte angebracht, auf den Beschneidungskissen das Beschneidungsgerät, die beiden Sitze für den Gevatter und den nach dem Volksglauben bei jeder Beschneidung anwesenden Propheten Elijahu, gelegentlich auch die ganze szenische Wiedergabe einer Beschneidung: auf den Handtüchern sind Waschgefäße nach den Angaben der Bibel oder im Stil des 17. und 18. Jahrhunderts eingestickt, gelegentlich auch, wenn es sich um Sederhandtücher handelt, auf den Text der Haggadah bezügliche Szenen. Oft werden knappe bildliche Beigaben nur durch den beigefügten Text verständlich als symbolische Erläuterung des Namens einer erwähnten Person oder Jahreszeit oder irgend einer kultischen Handlung: um diese Darstellungen sinngemäß ausführen zu können, mußte die Stickerin über ein gewisses Maß von jüdischen Kenntnissen verfügen, da nur so vermieden werden konnte, daß sich Mißverständnisse einschlichen, wie dies besonders seit Beginn des 19. Jahrhunderts öfters der Fall ist. Sie verraten, daß dem Verfertiger die innere Beziehung zu seinem Werke fehlte. Dies ist um so bedauerlicher, wenn diese Entfremdung sich mit einer technisch guten Leistung vereint. Es wäre erfreulich, wenn die Frauen, die heute die Muße haben, Handarbeiten herzustellen, sich die mit Liebe und Ausdauer gefertigten Arbeiten des 17. und 18. Jahrhunderts zum Vorbild nähmen und sich genügende Kenntnisse aneignen würden, um die Ausgestaltung ihrer Arbeit im jüdischen Sinn mit Verständnis vornehmen zu können. Ida Posen Einiges über Erziehung zur Menschlichkeit Erzieherische Arbeit an jungen Menschen wird von den verschiedensten Faktoren beeinflußt, von sichtbaren und mehr noch von äußerlich nicht in. Erscheinung tretenden Mächten, die sich bewußt oder unbewußt geltend machen. Bei der Untersuchung von Erziehungsfehlern sind besonders die Tatsachen wichtig, die sich aus dem soziologischen Moment ergeben. Dieses darf hinsichtlich des zu Erziehenden als auch des Erziehers nicht tinberücksichtigt bleiben. So wie man an der Soziologie oft zur Klärung soziologischer Zusammenhänge auf Seelisches eingeht, so besteht auch für die Pädagogik die Notwendigkeit, heute mehr als je soziologische Zusammenhänge zu beachten. Sehlimme Folgen von Erziehungsfehlern machen sich in erster Linie innerhalb der menschlichen Gesellschaft geltend, weil sie gegen ihren Bestand und gegen ihre Ziele gerichtet sind. Deshalb sind die Fragen, die das Verhältnis der Menschen untereinander betreffen, nicht nur innerhalb der soziologischen Wissenschaften zu erörtern, sondern es ist ihnen auch von der Pädagogik her auf den Grund zu gehen. Man stößt bei einer solchen Untersuchung auf interessante Problemkreise, zumal die Struktur der Judenheit total verändert ist, nicht nur infolge der schier zahllosen religiösen Spaltungen innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft und der veränderten wirtschaftlichen Lage und gesellschaftlichen Schichtungen. Erschütternd und zugleich erhebend wirkt bei allem die Tatsache der ungeheuer schwer lastenden und doch so be-