Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 11 (7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 448 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 tlüdifehe Frauengestalten VII. Jeanette Sch we r i n unter den jüdischen Frauen, die in der deutschen Frauenbewegung dem Leitwort von Luise Otto-Peters folgten und aus dem ererbten Feingefühl für Unrecht und Ungerechtigkeiten heraus mittaten, als es darum ging: „Dem Reich der Freiheit werb" ich Bürgerinnen!", steht Jeanette Schwerin an einer besonderen Stelle. Sie kam nicht, wie viele ihrer Mitkämpferinnen, aus eigener Berufsnot oder wirtschaftlichem Zwang zu ihren Forderungen. Sie kam nicht als junger Mensch mit dem stürmischen Verlangen, Ideale durchzusetzen. Lange Jahre einer glücklichen Ehekameradschaft mit dem Arzt Dr. Schwerin liegen hinter ihr, die voll erfüllte Pflicht der Mutter: denn erst als ihr Sohn erwachsen ist, tritt sie in den weiteren Umkreis sozialer Pflichten. Sie kommt aus einem gesteigerten Verantwortungsgefühl heraus, das ihr Erbe von den Vätern her ist. Denn sie entstammt der alten sephardischen Familie der Abarbanels, ihr Vater, der Mitbegründer und Leiter des Berliner Handwerkervereins, ist alter Achtundvierziger und hat die Tochter im Angesicht der großen Verpflichtungen erzogen, die der jüdische Mensch aus Lehre und Sendung für den Mitmenschen auf sich nimmt. Dies .Judentum in Gesinnung und fromm gepflegter häuslicher Form hat Jeanette Schwerin ihr Leben lang zu allen Leistungen stark gemacht und ist die Grundlage der weiten Bildung, die sie sich im Selbststudium der Geschichte und Volkswirtschaft angeeignet hat. Ihr klassisch schöner Stil im Schreiben wie im Reden, ihre vornehm frauliche Erscheinung, die mit der tiefen Vergeistigung Güte und Reinheit ausstrahlt, werden die mittelnden Kräfte, als sie auf Menschen zu wirken beginnt. Diese Wirkungen erprobt sie zuerst — anfangs der 90er Jahre — an den Mitgliedern Berliner Gewerkschaften. Sie sitzt mit jungen Arbeiterinnen zusammen und lernt mit ihnen unter dem großen Gesichtspunkt der Verantwortung. Es ist die Zeit, in der die Arbeiterschaft um all die Einrichtungen kämpft, die heute in Deutschland als Selbstverständlichkeiten gelten: Arbeiterschutz, Regelung der Arbeitszeit, Krankenversicherung usw. Was heute jedes Kind lernt, mußte damals mit dem Mut der Neuerung ausgesprochen werden. Vor allem Lass die schwerste Pflidit Dir die heiligste Pflicht sein. Lavater. tritt Jeanette Schwerin dafür ein, daß sich kein Mensch, dem es gut geht, mit Wohltun loskaufen kann, wenn er das Elend der andern als Vorwurf empfindet. Der arbeitende Mensch soll dazu erzogen werden, daß er sich selbst helfen kann. Das wird das Ziel der „Auskunftsstelle der Gesellschaft für Ethische Kultur in Berlin", in der Jeanette Schwerin der empfindsamen Theorie die wirkende Praxis entgegensetzt. Immer wieder warnt sie vor der Poeterei des „Wohltuns"; immer wieder erklärt sie, daß Dilettäntenarbeit nirgends gefährlicher sei als auf sozialem Gebiet. Ein neuer Beruf wird greifbar: die Sozialbeamtin; eine neue Ausbildungsform wird notwendig: die Soziale Frauenschule. Jeanette Schwerin wird gleichsam die erste Lehrerin dafür; ihre Vorträge über Armenpflege und Sozialreform leisten Erziehungsarbeit. Ihre steigenden Kenntnisse im Sachlichen wirken sich im Praktischen von Jahr zu Jahr schöner aus. Die erste öffentliche Lesehalle in Berlin ist unter ihrer Mitwirkung gegründet worden. In dem rührenden Versuch eines Vereins „zur Förderung der Blumenpflege unter den Schulkindern" liegt viel Wissen um die seelische Not und Naturverlorenheit der Großstadtjugend. Das alles sind Anfänge, aber Anfänge, die nicht im Sand verliefen, die sich auswuchsen, zu Ueberzeugungen, zu Einrichtungen, zu Ergebnissen wurden. Es waren Anfänge, Saat des Guten, die sich aus den ersten und späteren Früchten heute noch immer wieder selbst aussät. Jeanette Schwerin starb 1899 in Berlin. Aber ihre Forderungen sind noch lange nicht erfüllt, vor allem nicht in der Gesinnung von vielen Wohltätigen, obwohl sie guten Willens sind. Der Glanz der hohen jüdischen Sozialethik liegt über dem Worte Jeanette Schwerins, das ihr Leitsatz bei den Reformen der Wohlfahrtspflege blieb: „Nicht Wohltat, sondern Wohlfahrt! Und für diese zu sorgen, ist nicht Gnade, sondern Pflicht der Bessergestellten. Dr. Martha Wertheimer Stickereien und Webarbeiten für den jüdischen Kultus Schon seit den biblischen Zeiten haben die Juden sich bemüht, ihre religiösen Versammlungsstätten künstlerisch auszuschmücken. Sowohl für das Gotteshaus als auch für die verschiedenen Feiern im häuslichen Kreise waren unzählige Hände tätig, um ihr Bestes für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen. Vielfach wurden berühmte Künstler der Zeit mit Aufträgen bedacht: oft jedoch, und dies war besonders bei der Bearbeitung der Textilien der Fall, haben einzelne Mitglieder der Gemeinde allein oder gemeinsam die Herstellung dieser Arbeiten übernommen. Es steht fest, daß die Textilien nicht immer von Frauen bearbeitet wurden, wenn auch nur in seltenen Fällen die Künstler namentlich angeführt werden. Einige Namen von Männern, die sich mit diesen Arbeiten befaßt haben, sind uns bekannt, so u. a. der im 18. Jahrhundert lebende Michael Plaut, von dem mehrere Thorahschreinvorhänge mit Wollstickereien im.Kasseler Gebiet vorhanden sind; auch als Goldsticker haben sich Männer betätigt, wie z. B. der ebenfalls im 18. Jahrhundert lebende Johann Sebastian Stein in Mainz u.a. — Dort wo Frauen, insbesondere wo mehrere Frauen gemeinsam als Stifterinnen der Thorahmäntelchen und Thorahschreinvorhänge genannt werden, kann wohl in der Mehrzahl der Fälle angenommen werden, daß sie nicht etwa nur das Material beschafft haben, um es von einem berufsmäßig arbeitenden Künstler fertigstellen zu lassen; sie haben sich vielmehr, wie dies auch heute noch gelegentlich vorkommt, zu gemeinsamer Arbeit versammelt, um ein solches Schmuckstück für den Gottesdienst zu bereiten; Inschriften sowohl auf italienischen als auch auf deutschen und polnischen Textilien legen diese Vermutung nahe. Von einigen Frauen läßt sich sogar mit Bestimmtheit behaupten, daß sie ihre Handarbeitskunst in den Dienst des Gotteshauses stellten: so wird von der im Jahre 1806 verstorbenen Simchele, der Frau des aus Frankfurt stammenden Mannheimer Klausrabbiners Samuel Kohen. Schotten berichtet, daß sie für die Mannheimer Synagoge zwölf Thorahschreinvorhänge gestickt hat; und Bettina von Arnim erzählt ihrem Bruder in einem Schreiben von ihrer Sticklehrerin, der Jüdin Veilchen, der sie bei der Stickerei eines nach Bestellung anzufertigenden Goldmusters auf Samt geholfen hat. Auch im Museum jüdischer Altertümer ist zur Zeit aus der Sammlung Nauheim eine Wimpel aus grüner Ripsseide ausgestellt, auf der die Silberstickerei aus-