Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 11 (7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 427 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 427 wirksam bleibt, sondern als den, der — wenn man so sagen kann — trösten muß, der i n n e r 1 i c h z u r Tröstung verpflichtet ist. Man stoße sich nicht daran, daß hier der Mensch in Gottes Reich und Freiheit einbricht, daß Gott damit sozusagen ins Menschliche hinabgezogen wird, Avas die Alten wollten, als sie solch eine Legende formten, das war, Ausdruck geben ihrem tiefen Glauben, ihrer glutvollen Ueberzeugung von der Verbundenheit Gottes mit Israel, einer Verbundenheit, die Gott selbst keine Ruhe läßt, wenn er um seiner Gerechtigkeit und Liebe willen Israel strafen muß. Dieser Verbundenheit gibt der Midrasch gern auch in der Weise Ausdruck, daß er Gott mit Israel trauern läßt, daß er Gott selbst mit dem geschlagenen Israel in die Verbannung geschickt sein läßt. Der das Volk um seiner Sünden willen strafende Gott wird empfinden, als müßte er selbst unter diesem Strafenmüssen leiden, als wartete er auf die Stunde der Erlösung für Israel als der Stunde der Wiederherstellung seiner selbst. Das berühmte Wort des Psalmisten (Ps. 137, 5): „Avenn ich dein vergäße, Jerusalem, so verdorre meine Rechte, so sei vergessen meine Rechte" wird verstanden, als sagte Gott das von sich selbst. Es heißt: „Avenn ich dein vergäße Jerusalem, so sei \~ergessen meine Rechte", Avas bedeutet das? Rabbi Elasar Hakappar sagte: „Gott spricht: Meine Tora ist in eurer Hand und das Ende ist in meiner Hand; aber beide bedürfen wir einander; ihr bedürft meiner, das Ende kommen zu lassen der Verbannung, und ich bedarf gleichermaßen eurer, daß ihr meine Tora haltet, um nahezubringen den Wiederaufbau meines Hauses und Jerusalems. Und so wie ich unmöglich da? Ende vergessen lassen darf, denn das hieße: daß meine Rechte vergessen ist, so habt auch ihr kein Recht, die Tora zu vergessen, von der es heißt, sie ist feuriges Gesetz von seiner Rechten (5 M. 33, 2). Eine andere Erklärung: es heißt: Avenn ich dein vergäße, Jerusalem. Als Israel in die Fremde zog, zog auch die Gegenwart Gottes mit ihm in die Fremde. Da sprachen die Engel des Dienstes: Herr der Welt! laß Deine Ehre unangetastet und bringe nicht in Schande Deine Gegenwart. Sprach Gott: das ist nur die Erfüllung eines alten Vertrages. So habe ich es ausbedungen mit euren Vätern, wenn sie im Glück sind, bin ich mit ihneij, und Avenn anderes Schicksal über sie kommt, auch dann ist meine herrliche Gegenwart mit ihnen, so heißt es denn auch (Ps. 91, 15): ,.mit ihm bin ich in der Not". Rabbi Abahu sagte im Namen von Rabbi Simon ben Lakisch: du findest, als der Heilige, gelobt sei er, sah, wie Israel weggeführt Avurde, die Hände auf den Rücken gebunden „tat er auf den Rücken seine Hand" (Klagel. 2, 3). Und so lange Israel in dieser Welt verpfändet ist, ist auch die Rechte des Heiligen, gelobt sei er, mit ihnen Arerpfändet. David sprach vor dem Heiligen, gelobt sei er, Herr der Welt, meinst Du. es dränge nicht, das Ende kommen zu lassen, Das Land unserer Väter existiert also noch. Es ruht nicht auf dem Boden eines Meeres. Es gibt Leute, die dort leben und fröhlich arbeiten. Die alte Erde verjüngt sich dort unter den regsamen Händen. Sie trägt wieder Blumen, sie trägt wieder Früchte, sie wird vielleicht auch eines Tages das Glück und die Ehre der Juden tragen. Theodor Herzt (Zu seinem 30. Todestag) um u n s e r e t w i 11 e n drängt es nicht, aber um D e i n e t - av i 11 e n mußt Du es tun, Avie lange soll Deine Rechte verpfändet sein"? „Damit Deine Lieblinge gerettet Averden, hilf Deiner Rechten und erhöre mich" (Ps. 60, 7). Darum, als Zijon sprach (Jes. 49, 14): „verlassen hat mich Gott und mich vergessen", sprach zu ihr der Heilige, gelobt sei er: „kann ich Dich überhaupt vergessen? ist doch meine Rechte Deinetwegen verpfändet und ich sollte Dich vergessen? Vergesse ich Dich, so vergesse ich meine Rechte zugleich, daher: „wenn ich dein vergäße, Jerusalem, so sei vergessen meine Rechte" (Pes.. rabbati 31). Wer also steht im Mittelpunkt der Trauer und der Tröstung, Gott oder Israel? Um Israel zirkelt das Wort der Bibel, um Gott das Wort des Midrasch. Wie sie sich finden, davon handelt ein Midrasch zum Schlußwort der Klagelieder, zu dem Satz „führe uns zurück zu Dir, Gott, dann kehren wir zurück, erneuere unsere Tage, daß sie sind Avie in der Frühzeit." Die Gemeinde Israel spricht vor dem Heiligen, gelobt sei er: Herr der Welt! an Dir ist es „führe uns zurück". Er er- Avidert ihr: an euch ist es, denn so heißt es (Secherj. 1, 2): „Kehret zurück zu mir, spricht Gott, dann kehre ich zurück zu euch". Darauf Israel wieder: Herr der Welt, an D i r ist es, denn so heißt es (Ps. 85, 5): „Kehre zurück zu uns, Gott unserer Hilfe". Darum schließlich: „führe uns zurück zu Dir, Gott, dann kehren Avir zurück". Man wird ein ander Mal davon reden dürfen, wie in diesem Midrasch das Problem aufgeworfen Avird, das durch alle jüdische und christliche Theologie geht: ist Gott der Be- Avegende der menschlichen Tat oder muß sie vom Menschen ausgehen, hilft Gottes Gnade dem tuenden Menschen oder ist sie es, die im Menschen allein wirkt? In dem Zusammenhang der hier Aviedergegebenen Midraschim ist das das vor allem Wichtige, der Himveis auf Gott, den allein Tröstenden, der mit Israel trauert und mit Israel seine Gegenwart verknüpft. Eine vergessene Tat des Barons Amschel Dokumente Rothschildschen Gemeinsinns aus dem Frankfurter Stadtarchiv mitgeteilt von Moritz Werner Die vielbeklagte Trockenheit der diesjährigen Vor- und Frühsommenvochen ist geeignet, unseren Blick auf einen Wohlfahrtsakt aus der unbekannten Geschichte der Frankfurter Rothschilds zurückzulenken, der ATor einiger Zeit an dieser Stelle (s. Gem.-Bl. Nov. 1933, S. 99) schon einmal kurz berührt wurde. Denn gewiß kommt man auf die dürren Ernten zu Beginn der zweiten Hälfte der 1840er Jahre nur dadurch, daß der klassische Lokaldichter, der heute selbst bereits von einem Schatten des VergessenAvöllens bedroht erscheint, jene hochherzige Brotkartenspende des Freiherrn Amschel Mayer v.on Rothschild (1773 bis 1855) dem Gedächtnis, der Naclrwelt überliefert hat. Das Avar nun freilich ein Anlaß, einmal in den Annalen unserer Stadt den Spuren dieser frühen „Brotkarte" nachzugehen. Aber selbst die hiesigen Tageszeitungen ergaben, zumal über einen Zusammenhang mit dem Baron Amschel, so gut Avie gar nichts — ein geAvichtiges Gegenargument übrigens zu der An sieht, welcher auch die beiden Bücher des Grafen Corti, im Avesentlichen gestützt auf das Wirken eines ja nicht allein für das jüdische Bankhaus käuflichen Publizisten Avie Friedrich von Gentz neuestens Avieder Nahrung gegeben haben: die Rothschilds und sogar der fromme, persönlich so anspruchslose Senior der fünf Brüder, mit denen sich natürlich die Presse aller