Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 11 (7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 426 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 426 jüdischen Zeitungen her mit einem Vorurteil befangen. Sie erwarten im Gemeindeblatt die Beantwortung der politischen Tagesfragen, die sie in den Organen der jüdischen weltanschaulichen Richtungen zu finden gewohnt sind. Nicht am einen unlebendigen Begriff der Neutralität zu wahren, vermeidet das Gemeindeblatt zu solchen Fragen Stellung zu nehmen. Nicht nur um fruchtlosen Polemiken zu entgehen, die sich anschließen würden, wenn eine das Judentum bewegende Frage in einem Sinne gedeutet würde, der dieser oder jener Richtung nicht genehm wäre; sondern um einer höheren Aufgabe und Erkenntnis willen, wird die inner- und außerjüdische Problematik aus den Spalten der Gemeindeblätter ferngehalten: Diese Problematik hat ihr Forum in den jüdischen Zeitungen der Parteien; sie hat ihr Forum in den regelmäßigen Arbeitssitzungen der Gemeindekörperschaften. Im Gemeindeblatt dürfen die Kämpfe nicht ausgetragen werden, wenn auch immer „Situationsberichte vom Kampfplatz der Meinungen" und Mitteilungen über noch unabgeschlossene Entwicklungen hier zu finden sein müssen. Diejenigen, die die Gemeindeblätter zu religiös oder zu zionistisch oder zu' assimilatorisch finden — diese Vorwürfe werden meist gleichzeitig in die Redaktionsstuben getragen — bedenken die Eigengesetzlichkeit des jüdischen Gemeindelebens zu wenig. Das Gemeindeblatt will seinen Lesern stets aufs neue zeigen, daß es Dinge gibt, die jeden jüdischen Menschen angehen, mit denen er sich zu befassen hat, wo auch seine politische Einsicht ihn einordne. Es will ihm immer wieder zum Bewußtsein bringen, daß es neben den kleinen Dingen des Alltags — und seien diese kleinen Dinge auch große Sorgen — Aufgaben und Fragen gibt, die uns alle, jeden einzelnen von uns angehen. Deswegen will das Gemeindeblatt neben seinen Aufsätzen aus allen Gebieten der jüdischen Lehre und des jüdischen Lebens in Vergangenheit und Gegenwart, das Leboa der kleineren Organisationen zur Beachtung bringen. Damit gewinnen die Berichte der Anstalten und Vereine ihre Bedeutung. So sehr das Gemeindeblatt der Pflege der überlieferten Werte und der Behauptung in der Gegenwart dient, so sehr ist es erfüllt von dem Glauben an die Zukunft der Gemeinde, des Judentums. Dieser Glaube verbannt aus der Gemeindezeitung nicht nur einen schwächenden, niederdrückenden Pessimismus, sondern er führt zu dem Bedürfnis, das Leben der Gemeinde vom Leben der kommenden, wirkenden Generation nicht zu entfremden. Die Beilage Jugend und Gemeinde will die Gemeinsamkeit der Aufgaben verschiedener Generationen an dem die Generationen überdauernden Bau der Gemeinde zeigen, eine Gemeinsamkeit des Willens und der'Verantwortung, die auch dann bestehen und erkannt werden, wenn die Verschiedenartigkeit der Altersstufen die Gemeinsamkeit der Wege nicht immer ermöglicht. Weil das Gemeindeblatt der Arbeit am Judentum dienen will, der Gegenwart also wie der Zukunft, kann es der fördernden Mitwirkung der Gemeindejugend nicht entraten. Soll das Gemeindeblatt die Aufgaben lösen, die ihm von den jüdischen Bedürfnissen der Gemeindemitglieder und von der Existenz der Gemeinde her gestellt sind, so muß es getragen werden von tätiger Mitarbeit und freudiger Aufnahme. Alte und Junge, konservative und liberale, deutsch-jüdische und zionistische Kreise haben diese gemeinsame Verpflichtung der Mitarbeit und Aufnahme. Das Gemeindeblatt muß in seiner Arbeit ruhen auf dem Glauben an den Fortbestand und die Einheit der Gemeinde, auch dann noch, wenn manche ihrer Mitglieder sich aus ihrem örtlichen Verband gelöst haben. Ghr. Das Schriftwort Aus den Midraschim um Trauer und Trost Von Max Dienemamn „Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Abraham: geh und tröste Jerusalem, vielleicht nimmt sie Tröstung von dir an. So ging denn Abraham und sprach: nimm Tröstung von mir an. Sie aber erwiderte ihm: wie kann ich Tröstung von dir annehmen, du hast mich ja selbst gemacht wie einen Berg so hart, so heißt es denn auch (1. M. 22, 14): „am Berge Gottes wird es geschaut". Da sprach er zu Jizchak: geh du und tröste Jerusalem, vielleicht nimmt sie von dir Tröstung an. So ging denn Jizchak und sprach: nimm Tröstung von mir an, sie aber erwiderte ihm: wie kann ich Tröstung von dir annehmen, dir entstammte Esau ja, der mich gemacht hat gleich einem Feld, so heißt es denn auch (1. M. 27, 5): „und Esau ging hinaus ins Feld", und zu alledem noch — seine Kinder haben mich verbrannt. Nun sprach er zu Jaakob: geh du und tröste Jerusalem, vielleicht nimmt sie Tröstung an von dir. So ging denn Jaakob und sprach: nimm Tröstung an von mir. Sie aber erwiderte ihm: wie kann ich Tröstung von dir annehmen, du hast selbst ja von mir gesprochen, als wäre ich nicht vorhanden, so heißt es denn auch (1. M. 28, 7): „nichts ist hier — nur ein Haus Gottes". Nun sprach er zu Moscheh, geh du und tröste Jerusalem, vielleicht nimmt sie von dir Tröstung an. Ging Moscheh und sprach: nimm Tröstung an von mir, sie aber erwiderte ihm: wie kann ich Tröstung von dir annehmen, der du über mich so viel Flüche und böse Verhängnisse geschrieben hast, denn so heißt es (5. M. 32, 24): „ausgemergelt vom Hunger, aufgespeist vom Fieber, von bitterer Pest, an die schick ich Getiers Zahn, samt der Staubkriecher Geifer, straßher rafft Schwert, stubenher Entsetzen, so Jüngling so Mädchen, Säugling samt greisen Mann". Nun kehrten sie alle um und sprachen zu dem Heiligen gelobt sei er: sie hat von uns keine Tröstung angenommen; so heißt es denn auch (Jes. 54, 1): „Gebeugte, Verstürmte, nie Getröstete". Alsbald sprach der Heilige, gelobt sei er: so ist es denn an mir selbst, Jerusalem zu trösten; so habe ich es ja auch selbst geschrieben und verordnet (2. M. 22, 5): „bezahlen, ja bezahlen muß der, der den Brand hat angezündet". Ich habe sie im Feuer aufgehen lassen, wie es heißt (Klagel. 1, 13): „von droben hat er Feuer ausgesandt", ich muß sie auch trösten," so heißt es drum auch (Secharj. 2, 9): „i c h werde ihr sein, spricht Gott, eine Mauer aus Feuer rings um sie her." So ein Midrasch (Pesikta rabbati 30) zu dem Verse: „tröstet, tröstet mein Volk", der hier so gelesen und verstanden wird, als hieße es nicht ammi mein Volk, sondern immi mit mir, „tröstet, tröstet mit mir". Nur andeutungsweise sei hingewiesen darauf, wie in diesem Midraschstück die Eigenart der haggadischen Deutung sich offenbart, die köstliche Naivität, mit der man Gott selbst allerhand Bibelverse in den Mund legt, die sonderbare, ergreifende Geschichtsauffassung, die alle Gewesenen nicht gewesen sein läßt, sondern sie alle leben und gleichzeitig handeln läßt, wenn Isr ae in Not ist, die Souveränität, mit der die Bibelworte anders gedeutet, anders verstanden werden als ihr wörtlicher Sinn ist, — man achte z. B. wie der Satz: „das kann nur das Haus Gottes sein" übersetzt wird als hieße er „nichts ist hier, nur das Haus Gottes" oder wie der Satz „auf Gottes Berg wird's erschaut" umgedeutet wird in dem Sinne, daß mit ihm gesagt werden soll, die Stätte von Zijon und Jerusalem ist hart wie ein steinerner Berg. Ein Motiv der Tröstung aber sei mit besonderem Nachdruck hervorgehoben. Es gehört zu den starken und fortreißenden Tönen, die der Midrasch anschlägt, um über den Verlust des Tempels zu trösten, daß er Gott selbst als den Tröstenden einführt. Nicht nur als den einzigen, der trösten kann, während aller anderen Tröstung un-